Deutschland: 435.000 Arbeitsmarktferne mit extrem geringen Chancen

11.11.2013

Sie sind laut einer Studie hoch motiviert, aber wie sollen sie in den Arbeitsmarkt integriert werden?

Auf Dauer stilllegen, wäre eine Alternative, steht in der Pressemitteilung. Es geht darin nicht um Eisenbahnstrecken, sondern um einen "harten Kern" der "Arbeitsmarktfernen".

Es scheint müßig, sich über die Kälte auszulassen, die in solchen Formulierungen steckt; Sprachkritik an Behördendeutsch ist stumpf geworden. Weil sie selten zu neuen Entdeckungen führt, wird sie kaum mehr zur Kenntnis genommen. Man fügt sich in den anscheinend alternativlosen Jargon, bittere und schwierige Lebensformen und - aussichten von Einzelnen mit solchen Verwaltungskategorien und Sprachbilderfloskeln zu bezeichnen.

Zumal die Kategorisierungen, die in Gesprächen und Diskussionsbeiträgen direkt und von Politikern, die sich dem Volksmund nähern wollen, öfter auch indirekt aufgetischt werden, noch schlimmer sind: "arbeitsscheu, faul, träge, unmotiviert etc.".

Stimmt aber nicht!: Das ist ein Ergebnis, das die Wissenschaftler des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik (IBUS) an der Hochschule Koblenz, über deren Ergebnis die o.g. Pressemitteilung berichtet, ermittelt haben. Ihnen ging es um einen genaueren Blick auf die Menschen in Deutschland, die am Arbeitsmarkt nahezu chancenlos sind, trotz einer "anhaltend niedrigen Arbeitslosenquote und einer steigenden Zahl Erwerbstätiger".

Bei dem Personenkreis, an dem der Aufschwung vorbeigeht, nimmt die Arbeit einen hohen Stellenwert ein, stellen sie fest. Die Beschäftigungslosen würden deutlich stärker der Aussage zustimmen, wonach "Arbeit zu haben, das Wichtigste im Leben" ist. Sie zeigten sogar eine höhere Arbeitsmotivation als die erwerbstätige Bevölkerung.

Arbeitsmotivation auf hohem Niveau

Und, im Gegensatz zu verbreiteten Vorurteilen, nehme die Arbeitsmotivation mit zunehmender Dauer nicht ab, sondern bleibe auf hohem Niveau. Sie richten sich also nicht ein, wie den Langzeitarbeitslosen oft vorgeworfen wird. Das liegt sicher auch daran, dass Arbeitslosigkeit in der Leistungsgesellschaft ausgrenzt wie kaum sonst ein Makel. Anerkennung, die zum Leben gehört wie Essen, Schlafen und Liebe, gibt’s vor allem in der Arbeitswelt.

Detaillierter nachzulesen ist das in der Studie "Messkonzept zur Bestimmung der Zielgruppe für eine öffentlich geförderte Beschäftigung". Das klingt trocken und auf den 36 Seiten wird auch nicht mit mühsam ins Leben zu übersetzendem Fachjargon gespart, aber es findet sich darin eine klare Antwort auf die Frage, wie viele den "harten Kern" ausmachen, der am Arbeitsmarkt keine Chancen hat.

Vermittlungshemnisse

Mehr als 435.000 Menschen, "die so 'arbeitsmarktfern' sind, dass ihre Chancen auf einen regulären Arbeitsplatz gen Null gehen", haben die IBUS-Wissenschaftler errechnet. Grundlage hierfür sind Zahlen aus dem Panel Arbeitsmarkt und Soziale Sicherung (PASS).

Definiert werden die Arbeitsmarktfernen mit extrem geringen Chancen als ALG-II-Bezieher, zwischen 26 und 60 Jahre alt, die zum Zeitpunkt der Befragung erwerbslos waren und auch drei Jahre zuvor in 90 Prozent der Zeit. Haben sie noch mindestens vier "Vermittlungshemnisse", dann wurden sie von den Wissenschaftlern zur Zielgruppe gezählt.

Als statistisch erfassbare Vermittlungshemmnisse werden aufgelistet: Alter über 50, alleinerziehend, Pflege von Angehörigen, Migrationshintergrund, geringe Deutschkenntnisse, fehlender Schul-und oder Ausbildungsabschluss, schwerwiegende gesundheitliche Einschränkungen, Langzeitarbeitslosigkeit mit durchgängigen Bezug von ALG-II seit mindestens 12 Monaten.

Da es darüberhinaus Vermittlungshemnisse gebe, die statistisch mit PASS nicht zu erfassen sind - als Beispiel erwähnt werden Suchtverhalten und das äußere Erscheinungsbild - , machen die Wissenschaftler darauf aufmerksam, dass die ermittelte Zahl von 435.000 Arbeitslosen mit extrem geringen Chancen in Wirklichkeit um einiges höher sein könnte. Auf jeden Fall müsste der Zahl noch hinzugefügt werden, dass in den Haushalten der "arbeitsmarktfernen Personen" über 300.000 Kinder leben, um die soziale Brisanz kenntlich zu machen.

Was tun? Weiter sparen? Neu nachdenken?

Daraus folgt dann die Fragestellung, die in der Einleitung angesprochen wurde, welcher der Schlussteil der Studie (ab Seite 31) gewidmet ist:

Wollen wir eine teilhabeorientierte Ausgestaltung der Arbeitsmarktpolitik oder wollen wir den "harten Kern" der Langzeitarbeitslosen im passiven Transferleistungsbezug auf Dauer "stilllegen". Denn genau das wäre die "Alternative", die man offen aussprechen sollte.

Die Autoren stellen, wie im Sommer schon der DGB, fest, dass die "öffentlich geförderte Beschäftigung" - den meisten ausschnitsweise unter dem Begriff 1-Euro-Job bekannt - seit Jahren weniger Finanzmittel vom Bund bekommt, dass bei den Eingliederungsmaßnahmen erheblich gespart wurde.

Die Frage wäre, ob dies der Politik letzte Weisheit sei oder ob es nicht doch eine Alternative gäbe, nämlich über Beschäftigungsangebote nachzudenken, die die Möglichkeit bieten, dass Langzeitarbeitslose, die laut Studie hochmotiviert sind, aufsteigen können, und zwar auf dem normalen Arbeitsmarkt, in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Dazu brächte es neue Ideen, also ist das nur ein frommer Wunsch?

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