Das absehbare Ende des Internets

11.11.2013

Noch ist die digitale Infrastruktur neu, aber auch sie muss in absehbarer Zeit wie Straßen oder Brücken erneuert werden, bei einem Crash des Weltmarkts könnte sie auch zusammenbrechen

Seit dem Beginn dieses Jahrhunderts ist das Internet ein zentraler Bestandteil unserer Lebenswelt geworden. War das Zwanzigste Jahrhundert noch das Zeitalter der Industrie, so erleben wir jetzt den rasend schnellen Übergang in das Informationszeitalter. Unsere Gesellschaft wird immer öfter als postindustriell, postmateriell oder einfach als Wissensgesellschaft bezeichnet. Der schnelle und ungestörte Fluss von Daten, Zahlen, Fakten, Bilder und Filmen bestimmt unsere Wahrnehmung. Aber zugleich vergessen wir, welche materiellen Grundlagen unsere Lebensweise hat und welcher Aufwand nötig ist, um alles aufrechtzuerhalten. Wenn sich das nicht ändert, dann markiert der Erfolg des Internets den Anfang seines Untergangs.

In weniger als 50 Jahren könnte das Internet der Vergangenheit angehören, ein großer Teil unseres aufgezeichneten Wissens verschwunden und ein neues, wirkliches postindustrielles Zeitalter angebrochen sein. Aber dann wird kein Überfluss, sondern Mangel herrschen. Wie könnte es dazu kommen? Hat der menschliche Erfindergeist nicht immer den Weg in eine bessere Zukunft gebahnt, ehe es zum Schlimmsten kam?

Leider war es nicht so, und der scheinbar ungebrochene Fortschritt, den uns die Geschichtsbücher vorgaukeln, ist nichts weiter als ein Rückschaufehler (Hindsight Bias). Dieser Begriff steht für die Neigung, den Gang der Geschichte nicht als eine Reihe von Zufällen, sondern als notwendige Folge von Ereignissen zu betrachten, die nur so und nicht anders ablaufen konnten.

Wir projizieren die Erfahrungen der Vergangenheit in die Zukunft. Warum soll es nicht so weitergehen, wie wir es gewohnt sind? Einige Beispiele: Handys sind immer wichtiger geworden, wir telefonieren nicht nur damit, wir filmen, verwalten Termine und lassen uns morgens davon wecken. In den nächsten zehn Jahren werden sie auch die Funktion unserer Geldbörse übernehmen. Weder im Supermarkt noch im Bus werden wir Bargeld brauchen. In Schweden und Kanada gibt es erste Überlegungen, Scheine und Münzen ganz abzuschaffen.

Unsere Autos werden bald selbsttätig fahren. In zwanzig Jahren überlassen wir dem elektronischen Chauffeur die Wahl des Wegs und die Suche nach dem Parkplatz. Die Roboterautos verständigen sich untereinander über Staus und Hindernisse. Sie fahren defensiv und vorausschauend, die Unfallzahlen gehen zurück. Der gigantische Aufwand für die Erhaltung von Ampeln, Verkehrsschildern und Straßenmarkierungen geht auf Null zurück. Lediglich unauffällige Transponder am Straßenrand sorgen noch dafür, dass die Robotmobile stets bestens Bescheid wissen.

Auch die Universitäten werden profitieren. Virtuelle Kurse, Vorlesungen und Seminare verringern dramatisch den Platzbedarf. Auch die Dozenten brauchen keine eigenen Räume mehr, sie arbeiten weitgehend an ihrem häuslichen Schreibtisch. Für Praktika werden in Deutschland mehrere zentrale Einrichtungen gebaut, die alle Universitäten im Wechsel benutzen dürfen. Die Universitätsbibliotheken verwalten nur noch Zugangsrechte auf die in der Cloud gespeicherten Bücher und Zeitschriften. Die Universitäten werden virtuell, sie müssen keine Mittel mehr für die Erhaltung von Gebäuden ausgeben, sondern können sich ganz auf Forschung und Lehre konzentrieren.

Auch im Gesundheitswesen hilft das Internet sparen. Die riesigen Archive der Kliniken und die Aufzeichnungen der Ärzte werden in die Cloud verlagert. Bei einem Notfall sind alle Untersuchungsdaten und Röntgenbilder direkt verfügbar. Wer will, kann sich einen Diagnose-Chip einpflanzen lassen, der wichtige Vitalfunktionen überwacht und rechtzeitig Alarm schlägt.

Die Stromversorgung aus erneuerbaren Quellen wird ständig mit dem Verbrauch abgeglichen. Hunderttausende von Lieferanten und Millionen von Verbrauchern werden so koordiniert, dass Verbrauch und Erzeugung in jedem Moment zusammenpassen. Damit macht man die teure Speicherung und das Vorhalten von Reservekraftwerken weitgehend überflüssig.

Von Thomas Grüter ist gerade sein neues Buch mit dem Titel: "Offline! Das unvermeidliche Ende des Internets und der Untergang der Informationsgesellschaft" erschienen (Verlag Springer Spektrum, 288 Seiten, 19,99 Euro).

Was Grüter in seinem eigenständigen Beitrag für Telepolis als Szenario vorstellt, wird in dem Buch ausführlich begründet. Die provokative These ist, dass die Informationsgesellschaft noch in diesem Jahrhundert zusammenbrechen wird, weil die globalen Informationsnetze zerreißen werden.

Auf Telepolis ist von Grüter bereits Die Intelligenzgesellschaft sowie das ausführliche Interview Was ist eine Verschwörungstheorie und wann ist ein Verschwörungsverdacht glaubwürdig? erschienen.

Die Schlangen im Paradies

Aller Fortschritt, den ich hier angerissen habe, funktioniert nur unter mehreren Bedingungen, die normalerweise stillschweigend vorausgesetzt werden. Dazu gehören:

  1. Ein stets funktionierender Welthandel,
  2. genügend Kapital oder Kredit für Investitionen,
  3. eine weltweit, regional und lokal intakte Infrastruktur,
  4. das Ausbleiben globaler Katastrophen,
  5. ein sehr gutes Wissen um die Reaktionen der komplexen ökonomischen und technischen Strukturen,
  6. eine weltweite Strategie für die Beherrschung von Rückschlägen, Katstrophen und Weltkriegen.

Keine dieser Bedingungen ist in Stein gemeißelt und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird in den nächsten 50 Jahren wenigsten eine davon entfallen. So zerfällt die Infrastruktur in den meisten Industrieländern schneller, als sie erhalten werden kann. In den USA stellt die American Society of Civil Engineers (ASCE) der heimischen Infrastruktur Jahr für Jahr ein verheerendes Zeugnis. Im aktuellen Bericht (2013) schätzt der Verband den Investitionsbedarf bis 2020 auf 3,6 Billionen US-Dollar. Die inländischen Wasserwege und der Hochwasserschutz stehen bereits kurz vor dem Zusammenbruch (In den USA bricht die Infrastrukur weg). Auch in Deutschland fehlt es an Geld. Immer mehr Autobahnbrücken werden gesperrt und müssen saniert werden ("Der Verfall der Infrastruktur wird zunehmend zur Wachstumsbremse"). Allein die Kommunen schieben einen Berg von 128 Milliarden Euro an Infrastruktur-Investitionen vor sich her. Städtische Straßen sind oft in einem desolaten Zustand und manche Schulgebäude sind so zugig, dass sie eigentlich geschlossen werden müssten.

Die digitale Infrastruktur ist relativ neu und verursacht deshalb vergleichsweise wenig Kosten. In zwanzig Jahren wird das bereits anders sein. Dann stehen zusätzlich zu den übrigen Lasten beträchtliche Teile des Kommunikationsnetzes zur Erneuerung an. Je stärker die Infrastrukturen ausgebaut werden, umso mehr Geld kostet die Erhaltung und umso schlimmer wird sich eine wirtschaftliche Krise auswirken.

Die Welt ist ein Marktplatz

Was würde geschehen, wenn der Welthandel zeitweilig unterbrochen wird? In Europa werden kaum Hightech-Produkte für den Massenmarkt produziert. Das wäre einfach zu teuer. Eine Unterbrechung der Belieferung aus Asien würde deshalb in wenigen Jahren zum Ausfall der digitalen Kommunikationsstrukturen führen. Wir haben zwischen Gibraltar und dem Ural, zwischen dem Nordkap und Sizilien weder die Rohstoffe noch die Fertigungslinien, um den Verfall aufzuhalten. Es ist sogar fraglich, ob wir genügend Know-how aufbieten könnten, um komplette Produktionsketten zu errichten.

Paradoxerweise könnte aber auch Asien nicht alleine eine Hightech-Produktion aufrechterhalten. China hat zwar das Monopol auf seltene Erden, muss aber in großen Maßstab andere Rohstoffe importieren. Die Reserven an Eisen, Kupfer, Chrom und Öl reichen nicht im entferntesten für den eigenen Bedarf. Japan besitzt fast keine eigenen Bodenschätze, abgesehen von den Kohlevorkommen auf der unwirtlichen Nordinsel Hokkaido.

Die Wahrheit ist: Kein isolierter Kontinent könnte eine eigene Hightech-Produktion zu akzeptablen Preisen aufbauen oder auch nur weiterführen. Jedes Smartphone ist eine Weltgemeinschaftsleistung. Die Rohstoffe stammen aus dem Kongo (Tantal), China (Seltene Erden) und Chile (Kupfer). Die Herstellung übernimmt ein taiwanesischer Auftragsfertiger (z.B. Foxconn) auf dem chinesischen Festland im Auftrag einer amerikanischen Firma, die auch die weltweiten Patente hält. Ein skandinavisches Containerschiff fährt die Produktion mit Schweröl aus europäischen Raffinerien um die Welt. Der Transport eines Kilos Handelsware von Shanghai nach Hamburg kostet nur wenige Cent.

Die Erde ist de facto längst ein gemeinsamer Markt. Hightech-Produkte können zu akzeptablen Preisen nur noch im Weltmaßstab hergestellt werden. Sollte der Welthandel tatsächlich für längere Zeit zusammenbrechen, würde die elektronische Infrastruktur binnen weniger Jahre zerfallen.

Wie lange halten aber moderne digitale Schaltungen, wenn die Produktion oder Verteilung zusammengebrochen ist? Die GPS-Satelliten beispielsweise halten etwa zehn Jahre. Nach spätestens drei Jahren würde das GPS-System unzuverlässig werden. Handys, PCs, Tablets halten ca. 5 Jahre, die Elektronik der Mobilfunk-Basisstationen hält vielleicht etwas länger, aber nach drei bis vier Jahren wären die Netze bis zur Unbrauchbarkeit ausgedünnt. Glasfaserkabel sollen vierzig Jahre halten, aber das noch niemand überprüfen können, weil das Netz sehr viel jünger ist.

Die meisten Internet-Datenzentren würden rapide an Funktion verlieren, weil die verwendeten Festplatten ebenfalls kaum fünf Jahre halten. Wenn die Daten in der Cloud liegen, braucht man sich keine Gedanken mehr zu machen, wo sie tatsächlich liegen oder wie sie gesichert werden. Diese faszinierende Idee hängt kritisch von einer perfekten elektronischen Infrastruktur ab. Fällt diese Voraussetzung weg, verschwinden unsere Daten wie Wolkenschlösser.

Während das Internet selbst wegen seiner verteilten Struktur als relativ robust gilt, werden die Produktionsstätten der Hardware immer weiter zentralisiert und sind deshalb verletzlich. Im Herbst 2011 suchte eine gewaltige Überschwemmung die frühere thailändische Hauptstadt Ayutthaya heim. Die ausgedehnten Industrieparks vor den Toren der Stadt mussten schließen. Daraufhin brach die Weltproduktion von Festplatten um 25% ein. Die Preise schossen in die Höhe und normalisierten sich erst nach einem Jahr wieder. Obwohl Festplatten ein Allerweltsprodukt sind, haben die drei verbliebenen Herstellerfirmen (Western Digital, Toshiba und Seagate) die Fertigung in wenigen großen Komplexen zusammengefasst.

In Jahr 2012 veröffentlichte Intel eine Analyse, nach der binnen weniger Jahre nur noch vier Unternehmen komplexe Mikrochips herstellen werden. Der Aufbau einer Fab, einer Produktionsstätte für CPUs, GPUs oder Speicherchips, kostet mehr als 5 Milliarden US-Dollar. Wenn die Fertigungslinien in den kommenden Jahren auf 18-Zoll-Wafer umgestellt werden, kostet das wiederum Milliardenbeträge.

In absehbarer Zeit wird sich die Fertigung der Komponenten für die digitale Infrastruktur auf wenige industrielle Komplexe weltweit konzentrieren. In einem künftigen Krieg wären sie leicht angreifbar. Aber selbst in Friedenszeiten lohnen sich die Investitionen nur dann, wenn die Gewinne weiter wachsen können. Mit dieser Erwartung steht und fällt jede Finanzierung. Sollten in absehbarer Zukunft Bevölkerung und Wirtschaftskraft stagnieren, wird die Finanzierung neuer Fabs schlicht ausfallen.

Wirtschaft ist ein Pyramidenspiel, meint der Schweizer Wirtschaftsprofessor Hans Christoph Binswanger. Man zahlt alte Schulden mit neuen Schulden. Wenn aber kein Wachstum mehr erwartet wird, bricht das System zusammen. Schon bei der Bankenkrise 2008 haben die Industriestaaten einen fatalen Dominoeffekt nur unter gewaltigen Kosten vermieden. Irgendwann wird das aber nicht mehr möglich sein. Die ganze Welt könnte dann ebenso in die Pleite rutschen wie die Stadt Detroit.

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