Ungleichheit zwischen Arm und Reich nimmt zu, die soziale Mobilität wird immer geringer

15.11.2013

Hieß es noch vor einem Jahr vom Deutschen Institut für Wirtschaft, dass die Ungleichheit leicht abgenommen habe, so hat sich der leichte Trend schon wieder umgekehrt

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hatte noch geprotzt und erklärt, dass die Einkommensungleichheit zurückgegangen sei. Flugs wurde deswegen der Armuts- und Reichtumsbericht geändert und für die Regierung missliebige Stellen entfernt, die den beanspruchten Erfolg - "die erfolgreichste Regierunszeit der Wiedervereinigung" (Merkel im November 2012) - geschmälert hätten (Liberale Verklärung).

Dass der vom Deutschen Institut für Wirtschaft 2012 festgestellte leichte Rückgang der Einkommensungleichheit zwischen 2005 und 2010 (Ist der Höhepunkt der Einkommensungleichheit in Deutschland überschritten worden?) nicht angehalten hat, ist allerdings schon länger klar. So wurde im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eine erhöhte Ungleichheit der Vermögen in Deutschland konstatiert (Deutsche Vermögen sind besonders ungleich verteilt). Nach einer Auswertung für 2010 ist in diesem Jahr die Arbeitsarmut angestiegen (Arbeitsarmut ist in Deutschland gewachsen), 2011 wurde ein Anstieg des Armutsrisikos beobachtet (Anteil der von Armut gefährdeten Deutschen ist 2011 angestiegen).

Das DIW hatte bereits im letzten Jahr angemerkt, dass sich der Trend auch wieder verändern konnte. Nun heißt es in einer aktuellen Studie, dass aufgrund der Auswertung der Daten der Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) die Ungleichheit 2011 nicht weiter zurückgegangen sei. Bis Ende der 1990er Jahre waren die Einkommen, bedingt durch das Sinken der Arbeitslosigkeit, kontinuierlich angestiegen, um dann bis 2005 ebenso kontinuierlich zurückzugehen. Dann gab es erneut einen Aufwärtstrend bis eben 2010, aber 2011 ging das durchschnittliche und mediane Einkommen wieder zurück. Und gegenüber den guten Zeiten liegt das Markteinkommen (Erwerbs- und Kapitaleinkommen) immer noch unter dem von 1991. Das hat nach dem DIW nicht nur mit den Löhnen auf dem Arbeitsmarkt zu tun:

Der Median des Markteinkommens war im Jahr 2011 noch immer niedriger als 1991. Einer der Gründe für diese Entwicklung liegt im demografischen Wandel der letzten Jahre. So nimmt der Anteil der Personen im Rentenalter in Deutschland seit Jahren zu, und infolgedessen steigt auch der Anteil der Personen, die über keine oder nur geringe Markteinkommen verfügen. Neben demografischen Effekten wirken sich Veränderungen der Löhne und der Kapitaleinkünfte auf die Markteinkommen aus. Die Erhöhung der Tariflöhne blieb 2006 bis 2011 hinter der allgemeinen Preissteigerungsrate zurück.

Und was die Ungleichheit der Markteinkommen betrifft, so stieg es beim reichsten Zehntel 2011 weiter an, während beim ärmsten Zehntel ein Rückgang zu verzeichnen war. Entsprechend wurde der Gini-Koeffizient auch wieder größer und erreicht fast wieder den Wert von 2005. Seit 2000 erzielte das reichste Zehntel, vermutlich vornehmlich durch Kapitalgewinne, überdurchschnittliche Einkommenszuwächse bis 2011 von 13 Prozent. Die Gewinne und Dividenden sind ebenso angestiegen wie die Aktienkurse. Auch das reichste achte und neunte Zehntel wurde noch reicher, während das Einkommen der Mittelschicht im fünften bis siebten Zehntel stagnierte, sank es im ersten bis vierten Zehntel um bis zu 5 Prozent. Das Armutsrisiko ist zwar gesunken, das DIW konstatiert aber eine zunehmende Polarisierung der Einkommen.

Besonders beunruhigend ist zudem, dass die soziale Mobilität weiter zurückgeht, die Isolation zwischen den armen und reichen Schichten der Gesellschaft also zunimmt und diese verkrustet. Die Chance aus dem Armutsrisiko zu entkommen, ist seit den 1990er Jahren geringer geworden. Waren im Jahr 1994 44 Prozent der "einkommensarmen" Menschen noch drei Jahre später in derselben Schicht, so ist deren Anteil zwischen 2008 und 2011 auf 54 Prozent angestiegen. Genauso verhält es sich bei den Reichen, hier nimmt das Risiko ab, weniger reich zu werden: "Personen mit einem Einkommen von 200 Prozent und mehr des Medianeinkommens blieben zwischen 1994 und 1997 nur zu 59 Prozent in ihrer Einkommensklasse, seit 2004 trifft dies auf 65 Prozent zu."

Die Studie müsste eigentlich bei den Verhandlungen zur Großen Koalition die SPD-Forderung nach Einführung des Mindestlohns und einer höheren Besteuerung großer Einkommen zur Begrenzung der Ungleichheit stärken. Die Union kann sich auch nicht mehr brüsten, die "erfolgreichste" Politik gemacht zu haben, sie hat versäumt, die wachsende Ungleichheit und die zunehmende Erstarrung der Gesellschaft zu bekämpfen.

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