Magic Bullet – Das lange Leben einer Zauberkugel

22.11.2013

Zum 50. Jahrestag der Ermordung John F. Kennedys

Die Legende des Kennedy-Mörders Lee Harvey Oswald als Einzeltäter steht und fällt mit dem Glauben an eine "magische Kugel", die den Präsidenten durchschlug und bei dem vor ihm sitzenden Gouverneur Conally zahlreiche Wunden verursachte. Bis heute wird diese Zauberkugel der Öffentlichkeit verabreicht - als Beruhigungspille, um jede Aufregung über eine Verschwörung zur Ermordung Kennedys zu verhindern. Dass sich der Glaube an die Absurdität einer Zauberkugel so lange halten konnte, hat mit den im National Archiv lagernden Autopsiefotos und Röntgenbildern zu tun – diese wurden, wie eine vom US-Kongress eingesetzte Kommission 1999 feststellte, nachträglich manipuliert.

Im Jahr 1907 formulierte Paul Ehrlich, Arzt an der Berliner Charité, einen Traum: "Wir müssen lernen, magische Kugeln zu gießen, die gleichsam wie Zauberkugeln des Freischützen nur die Krankheitserreger treffen." Drei Jahre später realisierte er diesen Traum mit der Entdeckung eines Medikaments gegen die Syphilis, Salvarsan. Es gilt als erstes Chemotherapeutikum der Medizingeschichte, und seine Bezeichnung wurde durch einen Hollywoodfilm – Dr. Ehrlich’s Magic Bullet (1940) – allgemein bekannt.

Dass schon zu Lebzeiten des großen Mediziners Ehrlich klar wurde, dass die "Magie" seiner Kugeln eher einer Schrotladung entsprach und keineswegs nur die Krankheitserreger traf, interessiert uns hier allerdings weniger als seine schöne Formulierung der "Zauberkugel des Freischützen", denn eine solche musste von der Warren-Kommission erfunden werden, um die Theorie des Einzeltäters Oswald zu konstruieren und sie der Öffentlichkeit als "Beruhigungspille" zu verabreichen.

Der Text ist ein Auszug aus dem Kapitel über die Magic Bullet aus dem Buch von Mathias Bröckers ("JFK- Staatsstreich in Amerika"), das zum 50. Jahrestag der Ermordung Kennedys im Westend-Verlag erschienen ist. Ein weiteres Kapitel aus dem Buch, in dem Bröckers seine Ansicht darlegt, warum Kennedy sterben musste: Staatsverbrechen gegen die Demokratie.

Dazu siehe auch Markus Kompa: Das Blumenkind und der Präsident und den Bericht über das Telepolis-Gespräch mit Mathias Bröckers: Staatsstreich von Oben?.

Nachdem wir anhand der Zeugenaussagen aus dem Texas School Book Depository schon gesehen haben, dass Lee Harvey Oswald über die Gabe der Bilokation verfügte, um nahezu gleichzeitig im sechsten Stock auf der Lauer zu liegen und im zweiten Stock gemütlich Mittagspause zu machen, und bereits zur Kenntnis genommen haben, dass sich ein Mauser-Präzisionsgewehr wie von selbst über Nacht in einen Mannlicher- Schießprügel verwandeln kann, kann uns auch das Wunder einer "Zauberkugel" nicht mehr überraschen. Als "Beweisstück 399" der Kommission soll sie im Parkland Hospital von einer Krankentrage gefallen sein, auf der Gouverneur John Connally eingeliefert wurde, der direkt vor Präsident Kennedy im Auto gesessen und zahlreiche Verletzungen davon getragen hatte.

Da diese Schusswunden – zertrümmerte Rippen, Verletzungen am rechten Handgelenk und am linken Oberschenkel – auf mehr als einen Schützen hindeuteten, der Einzelschütze Oswald aber ebenso feststand wie die drei Schüsse, die er innerhalb von sieben Sekunden abgefeuert haben sollte – wovon einer sein Ziel verfehlte, aufs Pflaster aufschlug und einen Zuschauer streifte –, stand die Kommission vor einem Problem. Wie können zwei Schüsse die große Kopfwunde, die zwei kleinen Löcher im Rücken und in der Kehle des Präsidenten sowie die zahlreichen Verletzungen des Gouverneurs verursacht haben? Da es eine logische Erklärung dafür nicht gab, war Kreati- vität gefragt, und so erfanden die Kommissionäre Arlen Specter und David W. Belin die Zauberkugel, deren kuriose Eigenschaften wir im folgenden – mit Mark Lane – nur satirisch beschreiben können:

Oswald war im sechsten Stock am Fenster des Texas School Book Depository, als sich die Präsidentenlimousine verlangsamte, um in die Elm Street einzubiegen. Er war so nahe, dass er das Gewehr auf den Präsidenten hätte werfen können. Doch als Sportsmann wartete er offenbar, bis der Wagen wieder beschleunigte und eine beachtliche Entfernung erreicht hatte. Der Rücken des Präsidenten war jetzt das einzig erreichbare Ziel. Oswald feuerte den ersten Schuss, der den Präsidenten in den Rücken traf. Die Kugel stieg aufwärts, trat durch die Kehle des Präsidenten wieder hinaus und hinterließ eine kleine, enge Eintrittswunde. Die Kugel hing dann etwa 1,8 Sekunden in der Luft, bis sie Connally bemerkte. Sie nahm Geschwindigkeit auf, drang in Connallys Rücken ein und zertrümmerte seine Rippen. Connally bemerkte diesen Streifschuss nicht, der ihn fast getötet hätte. Die Kugel machte dann eine Wendung nach rechts unten und drang in Connallys rechtes Handgelenk ein, verließ aber diese Stelle wieder, um dann in Connallys linken Oberschenkel einzudringen. Die Kugel – in nahezu unversehrtem Zustand und nachdem sie in Connallys Handgelenk mehr Metall hinterlassen als sie verloren hatte (wie die Experten der Kommission beim Wiegen und Untersuchen feststellten) – wurde dann unter der Matte einer Trage gefunden, mit der Connally keinen Kontakt hatte, als wäre sie dort platziert worden. Deshalb, weil eine Kugel alle Verletzungen Connallys und zwei Wunden Kennedys verursachte, ist klar, dass nur drei Schüsse abgegeben wurden.

Mark Lane: Last Word, New York 2012, S. 12

Um diese erstaunliche Zauberkugel erfinden zu können, mussten allerdings zuvor noch weitere Wunder geschehen. Die von sämtlichen Ärzten im Parkland-Hospital von Dallas als Eintrittswunde erkannte und beschriebene kleine Öffnung neben Kennedys Kehlkopf musste sich in die Austrittswunde verwandeln, aus der die erste, seinen Rücken getroffen habende Kugel weiter in John Connallys Rücken und von dort in dessen Handgelenk und Oberschenkel fliegen konnte. Die Notfallärzte in Dallas kannten sich zwar mit Schusswunden bestens aus, waren aber offenbar nicht instruiert, denn erst die Navy-Ärzte im Bethesda-Hospital in Washington stellen am nächsten Tag die erwünschte Diagnose: Ein nicht tödlicher Treffer in den Rücken ging ohne Knochenkontakt durch den Körper hindurch und verursachte die "Austrittswunde" am Hals, die tödliche Verletzung wurde durch einen Schuss von hinten in den Kopf verursacht.

Auch hier wurde ein "Irrtum" der Schusswundenspezialisten in Dallas korrigiert, denn diese Ärzte hatten die fehlenden Teile am hinteren rechten Schädel des Präsidenten ebenfalls als Austrittswunde erkannt (was einen Schuss von vorne impliziert) – in Übereinstimmung mit dem Sicherheitsbeamten, der seitlich hinter Kennedys Limousine fuhr und nach dem Schuss von Knochen- und Hautteilen getroffen wurden, sowie mit dem Secret Service Mann Clint Hill, der nach dem Schuss auf den Wagen sprang und später vor der Warren-Kommission aussagte: "Ich sah, dass ein Teil des Kopfes des Präsidenten auf der rechten Seite fehlte, und er blutete stark. Teile seines Gehirns waren weg. Ich sah einen Teil seines Schädels mit Haaren auf dem Sitz liegen."

Auch Jacqueline Kennedys Aussage, dass sie ein Stück des Gehirns ihres Mannes in der Hand gehalten und versucht habe, seinen Schädel und die Haare zusammenzuhalten – diese Passage ihrer Aussage wurde in den Warren-Report nicht aufgenommen und erst 1992 freigegeben –, spricht deutlich für eine Austrittswunde am hinteren Teil des Kopfes. Wie konnte die Kommission trotz solcher Aussagen dennoch zu der Feststellung kommen, dass der tödliche Schuss eine relativ kleine Eintrittswunde im Schädel des Präsidenten hinterlassen hatte – und nicht ein etwa faustgroßes Loch in den Schädel und einen großen Teil des Gehirns weggesprengt hatte, wie es die Augenzeugen am Tatort und das gesamte medizinische Personal im Trauma Room des Parkland Hospitals gesehen hatten?

Die Kommissionäre verließen sich bei ihrer Schlussfolgerung auf die Autopsieberichte und Röntgenbilder, die ihnen vorgelegt wurden. Diese Bilder zeigten einen weitgehend intakten Schädel und ein nahezu komplettes Gehirn. Erst das Assassination Records Review Board brachte Ende der 90er Jahre die Wahrheit ans Licht: Die Autopsiebilder waren gefälscht. Der Fotograf John Stringer, der die Aufnahmen 1963 gemacht hatte, gab 1996, als ihm die im National Archive hinterlegten Bilder gezeigt wurden, eine eidesstattliche Versicherung ab, dass dies nicht die Originalbilder waren, die er damals gemacht hatte. Und die vom ARRB befragten ärztlichen Zeugen bestätigten, dass die auf den Fotos und Röntgentbildern zu sehenden Verletzungen nicht diejenigen waren, die sie seinerzeit im Parkland- beziehungsweise im Bethesda-Hospital untersucht hatten. Die Ausschussmitglieder Jeremy Gunn und Douglas Horne schreiben dazu in ihrem Abschlussbericht:

Diejenigen, die die Bildaufzeichnungen der Autopsie 1963 manipulierten, waren mit dieser Vertuschung nur deshalb erfolgreich, weil es ihnen gelang ..., sie sowohl vor den Ärzten in Dallas als auch vor den Zeugen der Autopsie in Bethesda für viele Jahre lang zurückzuhalten. Die manipulierte Autopsie-Foto- sammlung und die bearbeiteten Röntgenbilder des Schädels wurden für die Nachwelt geschaffen – zum Zweck der Täuschung offizieller Untersuchungen –, und die Verschwörung zur Vertuschung konnte dieses Ziel nur erreichen, weil diesem Material von den behandelnden Ärzten und den Zeugen für viele Jahren nicht widersprochen wurde. Erst als den Schlüsselfiguren, die die Originalaufzeichnungen gemacht hatten und während der Behandlung des Präsidenten in Dallas anwesend waren oder an der Autopsie im Bethesda teilnahmen, erlaubt wurde, die Autopsiefotos und Röntgenaufnahmen zu sehen, und ihnen die richtigen Fragen dazu gestellt wurden, ist der Betrug enthüllt worden.

Wer sich also fragt, warum die märchenhafte Erfindung einer Zauberkugel, die mit einem Schlag ein halbes Dutzend Wunden verursacht haben soll, fast vier Jahrzehnte lang offiziellen Untersuchungen standhalten und als historische Wahrheit verkauft werden konnte, hat nun die Antwort: Die Autopsieunterlagen und Röntgenbilder, auf deren Basis diese Untersuchungen stattfanden, waren gefälscht.

Das ARRB konnte die Fälschung der im National Archive deponierten Autopsie- und Röntgenbilder mit Sicherheit nachweisen und somit endlich Klarheit darüber schaffen, warum die absurde Geschichte der magischen Kugel jahrzehntelang von Dutzenden Experten vor verschiedenen Kommissionen bestätigt worden ist. (...)

Foto: JFK-Archives, Joshua Thompson

Dass der tödliche Schuss auf Kennedy nicht aus dem dahinter liegenden Gebäude, Oswalds angeblichen "Schützennest", gekommen sein konnte, machten schon die Aussagen der hinter der Präsidentenlimousine fahrenden Sicherheitsbeamten vor der Warren-Kommission klar: Sie sagten aus, von Blut,-und Knochenteilen getroffen worden zu sein –   "…when President Kennedy straightened back up in the car the bullet him in the head, the one that killed him and it seemed like his head exploded, and I was splattered with blood and brain." Bobby Hargis - was eindeutig für einen Schuss von vorne spricht. Doch wie so vieles ignorierte die Warren-Kommission auch diese Augenzeugen.

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