Lehre und Forschung im Kriegsdienst

25.11.2013

Drittmittel aus der Militärkasse: Das Pentagon bezahlt Forschungsprojekte an 22 deutschen Hochschulen

München, die Exzellenz-Unis LMU und TU, die Universitäten in Bremen, Bayreuth, Bochum, Dresden, Frankfurt, Heidelberg - die Liste der Empfänger ist lang. Department of Defence, DARPA, Unterabteilungen der US-Streitkräfte wie Department of the Army, Department of the Air Force, dessen Amt für wissenschaftliche Forschung, oder das Office of Naval Research werden als Geldgeber ausgewiesen. Die Summen sind recht unterschiedlich; sie bewegen sich zwischen dem fünf- und siebenstelligen Bereich, in Dollar.

22 deutsche Hochschulen sollen seit dem Jahr 2000 mehr als 10 Millionen Dollar aus dem US-Verteidigungshaushalt für Forschungsprojekte bekommen haben, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Der NDR berichtet von mehr als 9 Millionen Dollar, die das Pentagon für Forschungsaufträge an deutsche Hochschulen bereitstellte - eine weitere Million soll an andere Wissenschaftseinrichtungen, namentlich genannt werden die Max-Planck-Gesellschaft und das Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik gegangen sein.

Beide Publikationen melden, dass die betroffenen Hochschulen und Institute die Zusammenarbeit bestätigt hätten. Aus der oben genannten Liste geht hervor, dass sie sich zu keinem geringen Teil aus öffentlich zugänglichen Quellen speist. Widersprüche der Universitäten oder Forschungseinrichtungen hätten es nicht leicht gehabt.

35 Millionen aus anderen Quellen für "Forschungsaufträge mit militärischem Bezug"

Um die zehn Millionen Dollar seit 2000 in einen Kontext zu setzen: Von 2007 bis 2012 lag das Gesamtvolumen der "Forschungsaufträge mit militärischem Bezug" für öffentliche Hochschulen in Deutschland laut zitierten Angaben des Verteidigungsministeriums bei 35 Millionen Euro.

Als Schwerpunkte werden die Wehrtechnik mit etwa 19 Millionen Euro und die Medizin mit 15 Millionen Euro genannt. 124 Hochschulprojekte galten der "wehrtechnischen Forschung und Technologie" , in der Medizin zählte man von 2007 bis 2012 34 Projekte. Dazu kämen zehn Geologie-Projekte.

Es gehe sowohl um Grundlagenforschung, bei denen der militärische Zweck nicht immer gleich offen erkennbar ist, als auch um Forschungsprojekte mit ganz eindeutiger militärischer Zielsetzung, so die Recherche über die Pentagon-Gelder, die von der SZ und vom NDR stammt. Die Verbindungen zwischen dem US-Militär und deutschen Hochschulen wurden im Rahmen des Rechercheprojektes "Geheimer Krieg" aufdeckt, heißt es. Das Fazit des Projekts lautet, dass Deutschland längst Bestandteil der US-Sicherheitsarchitektur geworden ist.

Sprengstoffe, zielgelenkte Munition und "dual-use"-Projekte

Um dies zu demonstrieren, wolle man in "dichter Folge Enthüllungen bringen", kündigte Hans Leyendecker an (vgl. USA sollen von Deutschland aus Drohneneinsätze, Entführung und Folter organisiert haben).

Zu den Enthüllungen im Fall der Hochschulen, deren Projekte vom Pentagon finanziert werden (Forschen für das Pentagon), gehören Darstellungen einzelner Forschungsvorhaben, wie etwa am Lehrstuhl für anorganische Chemie in München. Eine halbe Million Dollar soll Professor Thomas Klapötke dort "vom US-Militär" angeboten bekommen haben - für Forschungen über den Sprengstoff RDX bzw. Hexogen.

Die Fraunhofer-Gesellschaft soll einen Forschungsauftrag über Panzerglas und Sprengköpfen bekommen haben und der Fall der Universität Marburg, die an Orientierungssystemen für Drohnen und an "zielgelenkter Munition" gearbeitet hat, ist in einem Dokument genauer nachzulesen.

Erstaunte und milde Reaktionen

Bemerkenswert ist, dass sich laut NDR Hochschulpolitiker im Bundestag erstaunt zeigen. Sie wüssten nichts von dieser transatlantischen Kooperation heißt es generell, namentlich zitiert wird nur ein SPD-Abgeordneter, Swen Schulz, hochschulpolitischer Sprecher der SPD, der mehr Transparenz fordert.

Der Geschäftsführer der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, Reiner Braun, wird damit zitiert, dass die Entwicklung - die "nach den Ereignissen der vergangenen Monate" eigentlich nicht mehr überrasche - für die Entwicklung der deutschen Universitätslandschaft "einen tiefen Einschnitt" bedeute.

Der SZ gegenüber betonte die Sprecherin der LMU den minimalen Anteil der Pentagon-Gelder am Gesamtvolumen der Drittmittel: "weit weniger als ein Prozent aller Drittmittel". Die Wissenschaftsministerien bekräftigen gegenüber der Zeitung die "Forschungsfreiheit der Professoren".

Vom bayrischen CSU-geführten Ministerium kam eine positive Reaktion. Es sei zu begrüßen, wenn Drittmittel an Unis gehen, man mache aber beim Pentagon keine Werbung dafür, die Drittmittel aus dem US-Verteidigungshaushalt würden nicht "eigens gefördert, noch gefordert".

Und die Studierenden?

An mehreren Universitäten gibt es die sogenannte Zivilkauseln, eine Selbstverpflichtung zu auschließlich friedlichen Forschung. In Kiel sorgte der Kampf um die Klausel bereits für Furore. Streitpunkt war die Counterinsurgency-Forschung im Auftrag des Bundesministeriums der Verteidigung des Instituts für Sicherheitspolitik der Universität Kiel.

Die Asta der Christian-Albrechts-Universität hatte im Sommer öffentlichen Druck gemacht und auch eine Abstimmung über die Einführung der Zivilklausel organisiert. 74 Prozent stimmten dafür. Das Ergebnis wurde aber von der "Hochschulleitung ignoriert", wird berichtet, weil die Wahlbeteiligung bei nur 18 Prozent lag.

Im selben Bericht ist auch die Reaktion des Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik auf den Wunsch zur Einführung einer Zivolklausel nachzulesen: Er sagte, dass er sein Institut schließen müsste, falls eine solche Klausel in Kraft trete

Für Krause sind Selbstverpflichtungen zur zivilen Forschung 'politisch motivierte Einschränkungen der Freiheit von Forschung und Lehre'. Er ist überzeugt, 'daß derartige Klauseln von linken und vor allem linksextremen Gruppen unterschiedlicher Provenienz als Einfallstor genutzt werden, um den Betrieb an der Universität entweder in ihrem Sinne zu steuern oder diesen zu stören.'

Die Frage ist, ob die Enthüllungen über das Pentagon-Drittmittel-Budget als derart relevant angesehen werden, dass nicht mit Schulterzucken, sondern mit "Uni-Betriebsstörungen" reagiert wird. Ein große Überraschung sind sie nicht, wahrscheinlich wären sie das vor den Entdeckungen der letzten Monate auch nicht gewesen.

Die Liste der vom US-Verteidigungsministerium finanzierten Projekte dürfte aber hellhöriger machen - wer vermutet hinter dem Projekt: "Towards Cluster-Assembled Materials of True Monodispersity in Size and Chemical Environment" schon gleich das US-Air Force Office of Scientific Research als Geldgeber?

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