"Die anthroposophische Ideologie ist eine Verdummung der Menschen"

26.11.2013

Irene Wagner über Waldorf-Pädagogik, biologisch-dynamische Landwirtschaft und anthroposophische Medizin

Seit 2012 erregt ein Vorhaben in Hamburg-Wilhelmsburg bundesweit Aufsehen: Dort soll die erste staatliche Schule mit Elementen der Waldorfpädagogik eröffnet werden. Die Waldorflehre stammt von Rudolf Steiner (1861-1925), dem Begründer der sogenannten Anthroposophie. Eine Petition gegen die Vermischung von Staat und Esoterik wurde von rund 2.300 Menschen unterzeichnet. Am Montag wurde das Schulprojekt offiziell von Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe präsentiert.

Irene Wagner, Jahrgang 1943, ist promovierte Pädagogin und arbeitete als Lehrerin für verschiedene Schularten. Im September 2012 veröffentlichte sie das Buch "Rudolf Steiners langer Schatten".

Rudolf Steiner um 1905. Bild: gemeinfrei

Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe hat am Montag den Waldorfschulversuch in Hamburg-Wilhelmsburg offiziell bekannt gegeben. Sie sind eine große Kritikerin der Waldorf-Schulen. Wie schlimm finden Sie es, dass die öffentliche Hand nun ein schulpolitisches Problem durch die Partnerschaft mit einer Waldorf-Initiative lösen will?

Irene Wagner: Ich finde es natürlich entsetzlich, dass diese Entscheidung getroffen wurde. Aber es bestätigt einmal mehr, dass die Anthroposophen sehr viel Einfluss haben. Hamburgs Bildungssenator hat vermutlich nicht die leiseste Ahnung, was er damit angerichtet hat. Ich möchte bezweifeln, dass er auch nur ein einziges der pädagogischen Machwerke Rudolf Steiners oder eine andere Schrift von ihm kennt. Sonst müsste er wissen, dass sich das Konzept der Waldorfschule nicht mit dem Bildungsauftrag einer öffentlichen Schule vereinbaren lässt. Ich muss allerdings auch sagen, dass selbst die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sich nicht für das Thema interessierte.

Landesschulrat Norbert Rosenboom sagte am Donnerstag, als ihm die Petition gegen die Schule überreicht wurde, er werde keine anthroposophischen oder andere esoterisch gearteten Unterrichtsmethoden oder -inhalte dulden. Waldorf-Schulen sind ja zudem nicht alle gleich in ihrer Praxis und nicht dieselben wie zu Steiners Zeiten. Können da bei einer Zusammenarbeit unter staatlicher Aufsicht nicht die Vorteile überwiegen, gerade wenn es anscheinend um eine schwierige soziale Umgebung in Wilhelmsburg geht?

Irene Wagner: Es ist durchaus richtig, dass die Waldorfschulen nicht alle gleich sind. Auch die Staatsschulen sind nicht alle gleich. Dennoch bleiben die esoterischen Grundgedanken Steiners erhalten. Sie werden natürlich nicht in der Öffentlichkeit verkündet, das spielt sich "hinter den Kulissen" ab, wie Steiner selbst formulierte. Waldorflehrer sind an das Konzept von Steiner gebunden, es ist Teil ihrer Ausbildung. Die Sicht auf das Kind ist geprägt von abstrusen Ideen über Karma und Temperamentszuschreibungen.

Was dem Laien an Waldorfschulen gefallen könnte, ist nicht Steiners Erfindung, sondern stammt aus der Reformpädagogik. Die könnte man auch ohne den esoterischen Hintergrund praktizieren. Ob der Herr Landesschulrat wirklich darüber wacht, dass keine esoterischen Inhalte und Methoden einfließen, wird sich zum Beispiel daran ablesen lassen, ob das esoterische Fach Eurythmie eingeführt wird. Es ist an allen Waldorfschulen ein absolutes Muss, ihm kann sich kein Schüler entziehen. Dass der Staat eine esoterisch ausgerichtete Schule finanzieren soll, ist absurd und widerspricht den Grundsätzen einer öffentlichen Schule.

Absoluter Irrationalismus

Ohne den Gründer der Bewegung geht es also nicht. Ist das "Rudolf Steiners langer Schatten", wie Sie Ihr Buch von 2012 genannt haben?

Irene Wagner: Ja, als Schatten insofern, als die Institutionen, die sich auf ihn berufen, auch gar nicht die Chance haben, sich weit von ihm weg zu entwickeln. Manche Leute meinen ja, man könnte das trennen, die Anthroposophie und die sogenannten Praxisfelder. Das ist aber gar nicht möglich, weil sich letzten Endes doch alle auf Steiner berufen.

Hat sich die Anthroposophie nicht zumindest vom kruden Teil seiner Theorien entfernen können?

Irene Wagner: Nein. Und "Theorien" würde ich auch gar nicht dazu sagen. "Theorie" hat für mich etwas mit Wissenschaft zu tun. Das, was Steiner da fabriziert hat, hat mit Wissenschaft gar nichts zu tun, das ist absoluter Irrationalismus.

Können die Leute in der Anthroposophie das nicht zum Teil eingesehen und hinter sich gelassen haben? Warum werden sie immer noch von der Kritik an Steiner getroffen?

Irene Wagner: Entweder sie sind Steiner-Anhänger, dann müssen sie dieses ganze Gedankengebäude mittragen, oder aber sie müssen sich von dem Ganzen lossagen. Die Anthroposophen beharren eben darauf, dass das, was Steiner gesagt hat, genial ist und dass es nach wie vor seine Gültigkeit hat.

Selbst die sehr kruden Dinge, wo es dann sehr autoritär, geradezu kinderfeindlich und rassistisch wird?

Irene Wagner: Daran gibt es Kritik. Die Kritik wird dann zum Teil akzeptiert, und zum Teil bedauert man auch, dass es solche Strömungen gegeben hat. Aber letzten Endes bleibt man Steiner treu.

Goetheanum. Bild: goetheanum.org

Kritische Bücher über die Anthroposophie gibt es ja schon. Was bringt Ihres an Neuem?

Irene Wagner: Bei meinem ist neu, dass ich alle drei Praxisfelder verarbeitet habe, auf die sich andere nur einzeln beziehen: Waldorf-Pädagogik, biologisch-dynamische Landwirtschaft und anthroposophische Medizin.

Sie schrieben dieses Buch mit fast 70 Jahren. Was bewegte Sie dazu, sich in diesem Alter erstmalig an die Arbeit an einem Buch zu machen, mal abgesehen von Ihrer Doktorarbeit? Und warum über Steiner?

Irene Wagner: Mein Anliegen ist, zur Aufklärung beizutragen, weil ich sehe, dass die Anthroposophen sehr geschäftstüchtig sind und versuchen, ihr Imperium immer weiter auszubauen. Sie nehmen Einfluss auf die Politik, die Wirtschaft, das Gesundheitswesen, die Landwirtschaft und die Bildungspolitik. Und sie haben viele Geldgeber. Die ursprüngliche Idee von Rudolf Steiner war ja auch, dass man die Anthroposophie als Bewegung ausweiten soll.

Der konkrete Anlass für meine Beschäftigung mit dem Thema war, dass in meiner Lokalzeitung ein Artikel erschien, in dem sich die örtliche Waldorfschule darüber beschwerte, dass die Stadt den Eltern weniger Fahrtkostenzuschüsse zahlen wollte als erwartet. Deshalb könnten es sich manche Leute nicht mehr leisten, ihre Kinder auf die Waldorfschule zu schicken. Daraufhin habe ich einen Leserbrief geschrieben und gesagt: Es ist eine Privatschule, keiner ist gezwungen, sein Kind dahin zu schicken. Ich habe dann noch erwähnt, was für ein Rassist und Antisemit Steiner war. Daraufhin kam eine Flut von Leserbriefen, die mich furchtbar beschimpft haben. Ich habe Anrufe bekommen, bei denen mir gesagt wurde, ich hätte überhaupt keine Ahnung.

Und dann habe ich gedacht: Gut, jetzt werde ich mich mal mit diesem ganzen Zeug befassen. Das habe ich dann jahrelang getan, habe Original-Waldorf-Literatur gelesen, dann Rudolf Steiners medizinischen Kurs, seinen landwirtschaftlichen Kurs und den heilpädagogischen Kurs. Ich bin also direkt an die Quellen gegangen.

Dann werden wir doch mal konkret! Krude Wurzeln hin oder her - wie gefährlich ist zum Beispiel die Homöopathie, die auf Steiner zurückgeht?

Irene Wagner: Das ist ein Irrtum. Die Homöopathie ist von Hahnemann gegründet worden. Da unterscheiden viele Leute überhaupt nicht. Steiner hat ein homöopathisches Prinzip angewandt. Es geht auch bei ihm darum, Wirkstoffe sehr stark zu verdünnen und dann von höheren Potenzen zu sprechen, so dass dann der eigentliche Wirkstoff praktisch überhaupt nicht mehr vorhanden sein muss, das Medikament aber trotzdem wirken soll.

Steiner hat aber überhaupt keine medizinische Vorbildung gehabt. Er hat durch Analogiedenken, ähnlich wie die Homöopathie, versucht, Zusammenhänge zu konstruieren. Zum Beispiel wenn es bei Leberschäden zu einer Gelbfärbung kommt, hauptsächlich im Auge, dann schließt er daraus, es brauche irgendeine gelbe Pflanze, um diese Krankheit zu kurieren. Gelb ist zum Beispiel Huflattich - also sollte Huflattich ein Mittel gegen Lebererkrankungen sein. Ob das wirklich so ist, ist natürlich völlig unbewiesen.

Wie gefährlich ist das für die Menschen?

Irene Wagner: Wenn sie sich auf diese anthroposophischen Mittelchen stützen, dann versäumen sie damit wertvolle Zeit, in der sie eventuell schon eine richtige Behandlung machen könnten. Insofern ist das gefährlich. Gefährlich sind aber auch zum Teil die Substanzen selbst, die Steiner da verordnet hat. Es gibt ein Arzneimittel von Weleda namens Scleron, das aus Blei, Honig und Zucker besteht. Blei ist natürlich ein hoch giftiges Mittel und wird in der normalen Medizin auch nicht verwendet, aber Steiner galt das als ein sehr wirksames, gutes Mittel.

Diese ganze Spinnerei des biologisch-dynamischen Anbaus kann man sich wirklich schenken

Sie behaupten auch, dass sich gewisse Masernepidemien zu Waldorf-Schulen oder anthroposophischen Kindergärten zurückverfolgen lassen, wo nicht ausreichend geimpft wird.

Irene Wagner: Ja, das lässt sich zurückverfolgen. Der Journalist Andreas Lichte, der sich in dem Bereich sehr gut auskennt, gibt an, dass immer wieder mal anthroposophische Einrichtungen wegen Masernepidemien geschlossen werden.

Sie haben schon den Bereich der Politik angesprochen. Ist es beispielsweise von Bedeutung, dass die Familie Schily anthroposophisch ist?

Irene Wagner: Na ja, die haben ja einen gewissen Namen. Dadurch werden sie für andere irgendwie als Vorbild wirken. Konrad Schily hat die private Uni Witten/Herdecke gegründet. Otto Schily ist im Vorstand der Klinik Havelhöhe. Und Daniel Schily, der sich jetzt allerdings nicht mehr als Anthroposoph bezeichnen lassen möchte, ist aktiv in verschiedenen Nichtregierungsorganisationen, zum Beispiel bei "Mehr Demokratie".

Da ist Ihre Sorge sozusagen, dass, da die ganze Anthroposophie als Bewegung konzipiert ist, solche Menschen in einflussreichen Positionen helfen, das auszubreiten und zu stärken?

Irene Wagner: Ja, dass sie Strukturen unterwandern und dann für ihre Zwecke nutzen. Das ist nach meiner Einschätzung deren Konzept.

Ein anderer Punkt ist die Wirtschaft. Wie schlimm ist es, Produkte von anthroposophischen Marken wie Demeter, Weleda oder Voelkel zu kaufen?

Irene Wagner: Das kommt darauf an, ob man grundsätzlich solche Betriebe unterstützen möchte. Ich würde die Produkte nicht kaufen, weil mir diese ganze anthroposophische Ideologie dahinter absolut missfällt. Es ist eine Art Verdummung der Menschen. Gerade bei landwirtschaftlichen Produkten lässt sich überhaupt nicht sagen, dass es große Unterschiede gibt im Nährwert oder im Geschmack. Wenn es schon ökologisch produziert sein soll, dann würde ich eine normale ökologische Firma vorziehen. Diese ganze Spinnerei des biologisch-dynamischen Anbaus kann man sich wirklich schenken. Man muss sich da nicht nach den Sternen richten und man muss auch nicht irgendwelche Kuhhörner vergraben oder Mäusen das Fell abziehen.

Bezüglich des Nährwerts sagt der anthroposophische Landwirtschaftsverband Demeter aber in seinem Internetauftritt, dass mit seiner Methode Humus und Bodenfruchtbarkeit besonders gut würden.

Irene Wagner: Das ist die typische Propaganda der Anthros. Da ist rein gar nichts Überprüfbares vorhanden. An dieser Stelle im Internet wird auch nicht eine bestimmte Forschungsarbeit angegeben, sondern ganz pauschal behauptet, dass die Überlegenheit der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise bewiesen sei. Im nächsten Abschnitt fällt dann der Begriff "feinstofflich", der eindeutig zum esoterischen Vokabular gehört. Dahinter steckt die Abgrenzung von einer materialistischen, wissenschaftlichen Weltsicht. Auch "das charakteristische Aroma" der Produkte existiert wohl eher in der Einbildung. Dass es sich hier um eine unwissenschaftliche Herangehensweise handelt, beweist schon die Tatsache, dass der Versuch, an der Uni Kassel die biologisch-dynamische Landwirtschaft zu etablieren, gescheitert ist, was ich ausführlich in meinem Buch schildere.

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