In reichen Gesellschaften wächst mit dem Wohlstand nicht die Lebenszufriedenheit

29.11.2013

Während in armen Ländern ein wachsendes BIP pro Kopf auch die Lebenszufriedenheit ansteigen lässt, soll in reichen Ländern die Differenz zwischen dem wirklichen Einkommen und dem, das gewünscht oder erwartet wird, am Glück nagen

Ohne Geld, also eigentlich ohne einen gewissen Wohlstand, der das Leben nicht zu einem permanenten Überlebenskampf macht, wird es schwer sein, glücklich zu leben, wenn man nicht freiwillig Verzicht leistet. Aber es heißt immer auch, dass Geld nicht glücklich macht, also dass die Reichen und Superreichen nicht glücklicher als die Armen sind. Bestätigt wurde dies in den 1970er Jahren durch Easterlin, der in den USA eine Verdoppelung des BIP, aber keine Veränderungen der Lebenszufriedenheit feststellte. Später nannte man dieses Phänomen, das auch in anderen Studien bestätigt wurde, das Easterlin Paradox.

Aber das Paradox könnte eine ähnliche Tröstung wie der Spruch sein, dass vor Gott alle gleich sind. Schon alleine die Tatsache, dass in der Regel Armut mit einer deutlich geringeren Lebenszeit bezahlt wird, macht klar, dass Wohlstand das Leben und die Gesundheit verbessert. Zudem gibt es andere Studien. So könnte es eine gewissen Schwelle geben, ab der man nicht mehr glücklicher wird, nach anderen Ergebnissen wächst das Glück bzw. die Zufriedenheit mit dem Vermögen kontinuierlich an, zumindest wenn man Länder, nicht einzelne Menschen vergleicht.

Normalerweise bezeichnen sich die Menschen in den reichen Ländern meist als glücklicher als die in den armen. Irgendwie scheint also die selbst bekundete Zufriedenheit doch mit dem BIP pro Kopf verbunden zu sein, wobei dies nichts darüber aussagt, wie hoch die Einkommensungleichheit eines Landes ist, siehe beispielsweise die USA. So stuft der Happy Planet Index zwar Costa Rica und Vietnam als die Topländer ein, allerdings wird dabei auch der Ressourcenverbrauch einberechnet. Geht es nur nach der selbstbeschriebenen Lebenszufriedenheit liegen reiche Länder wie Dänemark, Kanada, Norwegen oder die Schweiz ganz vorne, allerdings mit der Ausnahme von Venezuela, das noch vor den Niederlanden, Schweden und der Schweiz liegt (Reiche Länder sind nicht die "glücklichsten").

Die Wirtschaftswissenschaftler um Eugenio Proto vom Centre for Competitive Advantage in the Global Economy an der University of Warwick und Aldo Rustichini von der University of MInnesota haben noch einmal den Zusammenhang zwischen BIP pro Kopf und Zufriedenheit analysiert und dabei versucht, zeitunabhängige länderspezifische Faktoren herauszurechnen, die das Ergebnis verfälschen könnten. Verwendet wurden Daten des World Values Survey (WVS). Für eine weitere regionale Analyse wurden die 14 EU-Länder vor der ersten Erweiterung in der Zeit von 1994 bis 2008 für die Studie untersucht, die in PLoS One erschienen ist.

Die Zufriedenheit in den ärmsten Ländern scheint, so die Autoren, stark mit dem nationalen Wohlstand anzuwachsen, vermutlich bis die grundlegendsten Bedürfnisse befriedigt werden können. Ab einem BIP pro Kopf von 10.000 US-Dollar (Kaufkraftparität 2005) nimmt die Lebenszufriedenheit weniger stark mit dem wachsenden BIP zu, ab 15.000 wird die Zunahme flach. In den reichsten Ländern ist hingegen sogar ein leichter Rückgang der Lebenszufriedenheit zu beobachten. Die Autoren gehen davon aus, dass es bei einem BIP pro Kopf irgendwo zwischen 26.000 und 30.000 US-Dollar daher einen Wendepunkt gibt. Bei den europäischen Ländern ergaben sich ähnliche Ergebnisse, der Wendepunkt lag hier zwischen 30.000 und 33.000 US-Dollar. Nicht für alle Länder, aber für die reichsten Länder träfe also das Easterlin-Paradox zu, dass mit wachsendem Wohlstand die Lebenszufriedenheit - das Glück - nicht ansteigt.

In Ländern mit einem BIP pro Kopf unter 6.700 US-Dollar ist die Wahrscheinlichkeit um 12 Prozent geringer, dass die Menschen den höchsten Grad an Zufriedenheit geben, als in Ländern mit einem BIP von 18.000 US-Dollar. Zwischen einem BIP ab 20.400 bis zum höchsten BIP von 54.000 US-Dollar verändert sich hingegen die Wahrscheinlichkeit, dass der höchste Grad an Zufriedenheit angegeben wird, nur um 2 Prozent.

Die Autoren glauben Hinweise gefunden zu haben, die belegen, dass der leichte Rückgang an Lebenszufriedenheit in den reichsten Ländern damit zu tun hat, dass mit dem Wohlstand die Ansprüche im Hinblick auf den Unterschied zwischen dem persönlichen Einkommen und regionalen BIP wachsen, etwa um mit den Anderen mitzuhalten oder mehr zu haben als diese. Und wenn diese nicht eingelöst werden können, dann würde die Lebenszufriedenheit sinken: "Die Differenz zwischen dem wirklichen Einkommen und dem, das wir haben wollen, frisst die Zufriedenswerte weg", sagt Eugenio Proto. Das sei allerding nur dann, wenn der Unterschied zwischen persönlichem Einkommen und regionalem BIP negativ ist, während ein positiver Unterschied keinen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit habe. Die mit den Möglichkeiten und den Vergleichen wachsenden Ansprüche verändern sich mit dem Wohlstand, so dass die Enttäuschung trotz eines höheren Einkommens die Lebenszufriedenheit beeingträchtigt.

Allerdings haben die Wissenschaftler nur den statistischen Zusammenhang von Lebenszufriedenheit und BIP pro Kopf untersucht. Es gibt vermutlich eine Vielzahl von Faktoren, die die Lebenszufriedenheit auch auf nationaler Ebene noch beeinflussen. So ergab eine Studie des WVS, dass die Zufriedenheit auch stark mit den Freiheiten, der Demokratisierung und der Toleranz zu tun haben scheint, die eine Gesellschaft gewährt

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