Israel: die arabische "demographische Zeitbombe" doch nur ein Mythos?

01.12.2013

Ungewisse Haltung zum Palästinenserstaat seitens der arabischen Bevölkerung, die Mehrheit will ihre israelische Staatsbürgerschaft nicht aufgeben

Im bunten Bevölkerungsmosaik Israels geht es bei Lokalwahlen häufig um mehr als um städtische Dienstleistungen. Sie sind auch ein Spiegel für die identitären Konflikte des Landes und das spannungsgeladene Verhältnis zwischen der jüdischen Mehrheit und der arabischen Minderheit.

Auch die Kommunalwahlen Ende Oktober waren nicht frei von Politikern, die den Geist nationalistischer Ressentiments aus der Flasche ließen. Der Likud-Kandidat in der nordisraelischen Stadt Karmiel versuchte bei den Wählern zu punkten, in dem er die Bedrohung vor einem wachsenden Zuzug von Arabern aus dem Umland in die Stadt beschwörte.

Derzeit bilden Araber nur ungefähr 10% der Einwohner Karmiels. Den größten Bevölkerungsanteil bilden Neueinwanderer, vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion. Dennoch stellte Likud-Kandidat Koron Neumark den jüdischen Charakter der Stadt als existenziell bedroht dar:

Wenn mehr Araber kommen, werden Juden wegziehen, und wir werden eines Tages einen arabischen Bürgermeister haben. Karmiel kämpft 2013 für sein Überleben als jüdische und zionistische Stadt.

Ähnlich klar positionierte sich auch der Bürgermeister von Nazareth Illit gegenüber dem Zuzug von Arabern aus dem talabwärts gelegenen Nazareth, der größten arabischen Stadt in Israel. Die Wohnungen in Nazareth Illit sind verhältnismäßig preiswert, so erlebte die Kommune ähnlich wie Karmiel in den 90er Jahren einen massiven Zuzug von Neueinwanderern. Wie in vielen israelischen Provinzstädten ist es üblich, Russisch auf der Straße zu hören.

Karmiel - der Bürgermeister würde hier lieber keine Araber sehen. Foto: Martin Hoffmann

In den letzten Jahren sind auch einige Tausend Araber aus dem engen, ohne Bebauungsplan und auf wenig Fläche gewachsenen Nazareth in die weiträumigere Kommune auf der Bergkuppe umgezogen. Doch mehr sollen es nicht werden, wenn es nach Bürgermeister Shimon Gapso geht: Er lehnte während seiner Amtszeit nicht nur den Bau einer Moschee ab, sondern auch das Aufstellen von Weihnachtsbäumen oder das Einrichten einer arabischsprachigen Schule.

In Karmiel streute die Likud-Kampagne im Wahlkampf das Gerücht eines geplanten Moschee-Baus am höchsten Punkt der Stadt. Beim Befragen der arabischen Einwohner stellte sich heraus, dass keiner vom besagten Moschee-Plan wusste.

"Die demographische Bedrohung in Galiläa"

Die harschen Wahlkampf-Kampagnen rechtsgerichteter Politiker gegen arabischen Zuzug in mehrheitlich jüdische Kommunen sind jedoch nicht mehr als der Spiegel eines viel älteren Phänomens: Der Bevölkerungsanteil von Arabern im Land ist seit der Staatsgründung Israels ein Politikum. Das Schlagwort "demographische Bedrohung" ist für viele Israelis synonynisch mit der arabischen Bevölkerung in Israel.

Derzeit beträgt der Anteil der arabischen Bevölkerung Israels etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung von 8 Millionen. Ihr Bevölkerungsanteil im Großraum Tel Aviv und im Süden des Landes ist eher niedrig, in Jerusalem und im Norden deutlich höher. In Galiläa, dem nördlichsten Distrikt, in dem Karmiel und Nazareth Illit liegen, stellen sie mit 700.000 Menschen die Mehrheit der 1,3 Millionen Einwohner.

Der hügelige Norden des Landes mit seinen Ölivenhainen und zahlreichen arabischen Ortschaften war nach der Staatsgründung Israels aus der Perspektive der demographischen Strategen ein Problemfall.

So legte man in den 50er Jahren gezielt jüdische Städte in vorwiegend arabisch besiedelten Regionen an. Mit den sogenannten "Entwicklungsstädten" versuchte man zwei Herausforderungen Herr zu werden: Zum einen der Unterbringung der aus arabischen Ländern geflohenen Juden, welcher sich in den frühen Jahren nach der Staatsgründung zu einem Exodus aufbaute. Und zum anderen der Kontrolle des Landes durch gezieltes Ansiedeln von jüdischen Neueinwanderern in periphere Regionen und überwiegend arabisch besiedelte Landesteile.

Die Unterschiede zwischen jüdischen und arabischen Ortschaften

Ein Teil des Landes für Entwicklungsstädte wie Karmiel oder Nazareth Illit wurde von benachbarten arabischen Dörfern enteignet. Dies stellt die Bewohner der arabischen Dörfer bis heute vor Probleme: Das Gemeindeland ist oft so gering, dass das natürliche Wachstum der Dörfer eingeschränkt ist. Neubauten werden häufig innerhalb der Orte umgesetzt, was die Ortschaften weiter verdichtet. Gebäude, die am Ortsrand außerhalb des Gemeindelandes stehen sind offiziell illegal und somit der Gefahr eines Abrisses ausgesetzt.

Die gegensätzlichen Ortsbilder der dichten und ohne Bebauungsplan gewachsenen arabischen Dörfer und der weiträumig angelegten Entwicklungsstädte und Kibbutzim mit ihren Grünflächen fallen sofort ins Auge.

Wadi Nisnas - ein mehrheitlich arabisches Viertel. Foto: Martin Hoffmann

Die Unterschiede zwischen jüdischen und arabischen Ortschaften sind jedoch nicht nur augenscheinlich, sondern bilden auch ein klares sozio-ökonomisches Gefälle ab: 36 der 40 ärmsten Kommunen in Israel sind arabische Ortschaften.

Die Arbeitsmöglichkeiten im Umfeld der arabischen Dörfer sind gering, es gibt keine Gewerbegebiete mit Firmenansiedlungen und kaum weiterführende Schulen. Selbst in der größten arabischen Stadt Nazareth mit seinen 80.000 Einwohnern gibt es bisher kaum eine weiterführende Bildungseinrichtung. Die Planungen für die erste arabisch-sprachige Universität Israels in Nazareth laufen erst jetzt an.

Araber fliehen in die jüdischen Provinzstädte

So liegt nicht nur die Quote der Universitätsabsolventen unter arabischen Israelis deutlich unter jener ihrer jüdischen Mitbürger, sondern auch das arabische Durchschnittseinkommen. Die Armutsquote unter israelischen Arabern liegt bei über 50%. Damit stehen israelische Araber zusammen mit den Neueinwanderern aus Äthiopien und einem Teil der Neuankömmlinge aus der ehemaligen Sowjetunion am unteren Ende der sozio-ökonomischen Skala.

Doch Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Arbeitsmöglichkeiten in den arabischen Ortschaften waren bisher für keine israelische Regierung eine Priorität. Für manche Politiker des rechten Lagers widerspricht eine Förderung der arabischen Bevölkerung schlichtweg der Staatsräson des Landes als jüdischer Staat.

Die fehlende Baumöglichkeiten, ein schlechter Arbeitsmarkt und wenig Bildungseinrichtungen in den arabischen Ortschaften sind wesentliche Triebkräfte, die eine wachsende Zahl an Arabern in die nahegelegenen mehrheitlich jüdischen Städte ziehen lässt. Sofern die Vermieter dort Wohnungen an Araber vermieten oder verkaufen, können sie dort zudem der Enge und sozialen Kontrolle ihrer Heimatdörfer entfliehen.

Jüdische Israelis vermeiden es lieber, durch arabische Ortschaften zu fahren

Das soziale Klima zwischen der jüdischen Mehrheit und der arabischen Minderheit ist dabei nicht in allen gemischten Städten so gespannt wie in Karmiel oder Nazareth Illit: Im traditionell eher links geprägten Haifa verzichteten im Wahlkampf selbst rechte Lokalpolitiker auf Anfeindungen gegenüber der arabischen Minderheit. Auf der umtriebigen Herzl-Straße im gemischten Stadtteil Hadar reihen sich arabische Bäckereien an russische Supermärkte, an der Universität Haifas sind mehr als die Hälfte der Studierenden Araber.

Doch die relativ friedliche Koexistenz in Haifa täuscht über den dominanteren Teil der Realität hinweg: Die Mehrheit der jüdischen und arabischen Bevölkerung lebt nach wie vor weitestgehend segregiert voneinander, in völlig jüdischen oder völlig arabischen Orten.

Neben der Hauptstadt Jerusalem, in dessen Ostteil ungefähr 200.000 Araber leben, gibt es nur einige wenige gemischte Städte wie Haifa oder Akko und eine Handvoll an Kleinstädten mit einem geringen arabischen Bevölkerungsanteil.

Zu dieser räumlichen Distanz zwischen der jüdischen und arabischen Bevölkerung kommt ein Hang zur Segregation in den Köpfen, der vermutlich durch die zweite Intifada in den Jahren 2000-2005 noch verstärkt wurde.

Laut einer im Jahr 2007 durchgeführten Umfrage des Jewish-Arab Center an der Universität Haifa vermeiden es zwei Drittel der jüdischen Befragten durch arabische Ortschaften zu fahren.

Angst vor der Geburtenrate

Die Mittäterschaft arabischer Israelis in Anschläge auf Zivilisten während den Intifada-Jahren trug dazu bei, das lange verbreitete Bild der arabischen Minderheit als potentiell gefährliche "fünfte Kolonne" der feindlich gesinnten arabischen Nachbarländer wiederzubeleben.

Von der Staatsgründung bis zum Jahre 1966 wurden die arabischen Orte als Sicherheitsproblem betrachtet und standen unter Kriegsrecht. Die volle rechtliche Gleichberechtigung kam erst nach 1966.

Dafür geriet in den Folgejahren das Bild der arabischen Bevölkerung als "demographische Zeitbombe" für den jüdischen Staat in Umlauf. Da die Geburtenrate der arabischen Minderheit bis in die 1990er Jahre weit über jener der jüdischen Bevölkerung lag, prognostizierten manche Demoskopen, Araber würden zur Jahrtausendwende die Mehrheit der israelischen Bevölkerung stellen.

Manch ein Politiker des rechten Lagers bedient sich heute nach wie vor dieses Angstszenarios, um beispielsweise - wie in Karmiel oder Nazareth Illit - den Zuzug von Arabern in die Stadt zu verhindern.

Demografischer Mythos? Veränderte Trends in der Bevölkerungsentwicklung

Doch aktuelle statistische Erhebungen suggerieren einen anderen Trend. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Israel wird stabil zwischen 75 und 80% der Gesamtbevölkerung bleiben.

Die wesentliche Gründe dafür sind zweierlei: Die Masseneinwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die sich bis Ende der 2000er Jahre zu einer Immigrationswelle von einer Million Menschen aufbaute und das beträchtliche Sinken der arabischen Geburtenrate. Wie in fast allen Ländern der muslimischen Welt nahm diese in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich ab. Mittlerweile liegt sie nur noch unwesentlich über dem Geburtenniveau jüdischer Israelis, welches wiederum angestiegen ist.

Diese veränderten Trends in der Bevölkerungsentwicklung haben dazu geführt, dass manche israelische Wissenschaftler die lange als Faktum angesehene These der veränderten Trends in der Bevölkerungsentwicklung durch die arabischen Israelis nunmehr als "Mythos" bezeichnen.

Zwar sind derzeit ein Viertel der Neugeborenen in Israel Kinder muslimischer Eltern, doch die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Geburtenrate in Israel sind nicht mehr muslimische Araber, sondern ultra-orthodoxe Juden. Unter arabischen Christen und Drusen, die zusammen ungefähr 300.000 Menschen zählen, liegt die Geburtenrate sogar unter jener jüdischer Israelis.

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