Peak Oil erfordert eine Transformation der Wirtschaft

04.12.2013

Der Wirtschaftswissenschaftler Christian Kerschner über die gegenüber Peak Oil und den daraus folgenden Preisanstiegen verletzlichsten Branchen in den USA und welche Gegenmaßnahmen Wirtschaft und Politik ergreifen müssten

Christian Kerschner, Fellow am Integrativen Forschungsinstitut zu Transformationen von Mensch-Umwelt-Systemen (IRI THESys) an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat in einer Studie zusammen mit Christina Prell, Kuishuang Feng und Klaus Hubacek die US-Wirtschaft unter dem Blickwinkel ihrer Verletzlichkeit gegenüber Peak Oil untersucht. Konkret gingen die Wissenschaftler in der Studie, die in der Zeitschrift Global Environmental Change erschienen ist, der Frage nach, welche Preissteigerungen die einzelnen Branchen für ihre jeweiligen Produkte ertragen müssten, wenn sich der Ölpreis von heute etwa 100 US$ auf 200 US$ verdoppeln würde. Im Ergebnis sortierte Kerschner die einzelnen Branchen in ein Diagramm, in welchem die jeweilige Branche hinsichtlich ihres Beitrags zum Bruttoinlandsprodukt (monetäre Bedeutung), hinsichtlich ihrer Bedeutung innerhalb der Vernetzungsstrukturen (strukturelle Bedeutung) sowie der zu erwartenden Preissteigerungen eingeordnet wurden. Als besonders verletzlich in dieser Konstellation wurden insbesondere die Metallverarbeitung und den Transportsektor identifiziert, aber teilweise auch die chemische Industrie.

Grafik: Elsevier

Welche sind die nach dieser Analyse am stärksten betroffenen Branchen bzw. Produkte/Dienstleistungen?

Christian Kerschner: Wie in unserer Studie und ihrer zentralen Grafik ersichtlich geht es nicht nur darum, wie anfällig die einzelnen Wirtschaftssektoren sind. Die Anfälligkeit auf Sektorebene wird in unserer Grafik durch die Größe der Blasen dargestellt, welche wiederum spezifische Sektoren repräsentieren. Vielmehr geht es uns darum zu eruieren, welche dieser anfälligen Sektoren besonders wichtig für eine bestimmte Volkswirtschaft sind - in unserer Fallstudie die USA.

Aus der Kombination Wichtigkeit und Anfälligkeit für Peak-Oil wird ersichtlich, durch welche Sektoren die Gesamtwirtschaft in diesem Kontext verwundbar wird. Das sind bei uns zum Beispiel die Düngemittelerzeugung (130), die petro-chemische Industrie (120), Plastik- (127) und Polystyrolerzeugung (146), die Metallindustrie (Eisenhütten (170), Aluminiumerzeugung (172)) und der Transportsektor (z.B. der Flugverkehr). Weniger zentral für die Wirtschaft aber dennoch von starken Preiserhöhungen bedroht ist zum Beispiel das wenig bekannte Kohlenschwarz (124) - ein zentraler Grundstoff in der Reifenerzeugung.

Inwiefern wurden bei dieser Analyse systemische Rückkopplungen berücksichtigt, wie beispielsweise Nachfrageverschiebungen beim Automobilabsatz durch Erhöhung der Kraftstoffpreise?

Christian Kerschner: Unser Modell ist eine Momentaufnahme und kann Änderungen auf der Nachfrageseite nicht berücksichtigen. Allerdings weiß man, dass beispielsweise der Treibstoffkonsum sehr preisunelastisch ist, das heißt selbst bei hohen Preisen sinkt die Nachfrage kaum. Da jede Wirtschaft im Grunde von billiger fossiler Energie angetrieben wird, kann man davon ausgehen, dass die Nachfrage nach Öl allgemein sehr preisunelastisch ist.

Inwieweit ist die Analyse der US-Wirtschaft auf die deutsche oder die europäische Wirtschaft übertragbar?

Christian Kerschner: Wir werden bald noch mehr Anwendungen durchführen, aber erwarten uns kaum Unterschiede.

Die Schieferlagerstätten erreichen ihre maximale Fördermenge, ihren Peak, sehr rasch

Die Analyse konzentriert sich stark auf Wirtschaftssektoren. Lässt sich aus den Ergebnissen auch etwas über die Verletzlichkeit für das individuelle und gesellschaftliche Leben ableiten?

Christian Kerschner: Nein. Allerdings wenn man von einer erhöhten gesamtwirtschaftlichen Verwundbarkeit ausgehen kann, dann gilt dies auch als Bedrohung für die Gesellschaft allgemein, z.B. durch Arbeitslosigkeit, was zur politischen Instabilität beitragen kann.

Sie haben Ihr Vorgehen als eine Art "Gesundheitscheck für die Ökonomie" bezeichnet, aus dem heraus man vorbeugend Gegenmaßnahmen ableiten kann. Ressourcenmanagementstrategien wären daraus entwickelbar. Sie schlagen vor, die am meisten gefährdeten Branchen so umzubauen, dass ihre monetäre und/oder strukturelle Bedeutung abnimmt: Sie wären dann weiterhin durch Peak Oil gefährdet, aber ihre Verletzlichkeit würde nicht mehr so stark die Gesamtwirtschaft bedrohen. Als Beispiel sagen Sie, man könne die Abhängigkeit der Landwirtschaft durch Düngemittel dadurch verringern, dass mehr ökologischer Landbau betrieben werden sollte und lokale, dezentrale Wirtschaftsformen unterstützt werden, um die zurückgelegten Wege zu verringern. Hierzulande gelten solche Ansätze ja oft noch mehr als grüne Spinnereien, denn als handfeste ökonomische Option. Werden solche Maßnahmen in den USA diskutiert?

Christian Kerschner: Meines Wissens nach kaum. Alleine schon deshalb weil oft angenommen wird, dass man die Knappheit fossiler Energien durch den neuen Schieferöl- und -gasboom um Jahrzehnte verzögern kann. Ein Irrglaube. Die Schieferlagerstätten erreichen ihre maximale Fördermenge, ihren Peak, sehr rasch.

Ich fürchte, diese Empfehlungen passen nicht in die heutige Wirtschaftspolitik, die meines Erachtens immer noch stark mit großen Leuchtturmprojekten von globaler Bedeutung agiert, statt Klein- und Kleinstunternehmen in regionalen Wirtschaftskreisläufen zu fördern. Müsste nicht eine grundlegende Neujustierung unserer wirtschaftspolitischen Instrumente erfolgen?

Christian Kerschner: Auf jeden Fall. Was nicht heißt, dass gewisse große Projekte, zum Beispiel bei den Erneuerbaren, nicht wichtig sein können. Für mich sind viele der verwendeten Technologien wichtig für eine Transformation unserer Wirtschaft. Vor allem eben für die Übergangszeit. Langfristig gesehen glaube ich, dass wir viele alte, weniger hoch-technologisierte Praktiken entdecken und wieder-entdecken werden.

Das klingt nach Ernst Friedrich Schumachers "small is beautiful" und seiner Idee "mittlerer Technologien". Eine andere Schlussfolgerung ihres Papers ist es, nach Substituten zu suchen, mit denen der Output verletzlicher Branchen durch den Output weniger verletzlicher Branchen ersetzt werden kann. Solche Maßnahmen könnte möglicherweise die Politik fördern, aber auch Unternehmen selbst könnten so vorbeugen, indem sie sich gezielt Lieferanten suchen, die wenig verletzlich sind. Würden jedoch viele Unternehmen diesem Beispiel folgen, könnten aus heute noch unbedeutsamen Industrien die bedeutsamen von morgen werden. Sie schlussfolgern daher auch, dass es zwar notwendig ist, unsere Ökonomien an Peak Oil anzupassen, es aber kein einfacher Weg ist.

Politik beschäftigt sich nur mit Themen, deren Lösungen nicht zu radikal sind

Wie stark würde sich unsere Wirtschaft verändern, wenn wir Öl aus dem Wirtschaftsprozess zu drängen versuchen? Würde dies nicht einen Transformationsprozess ungeheuren Ausmaßes mit sich bringen?

Christian Kerschner: Ganz eindeutig ja, wie schon erwähnt. Und es ist meines Erachtens nicht so, als ob wir hier eine Wahl hätten. Wir können uns, zumindest in Theorie, aussuchen, uns gezielt darauf vorzubereiten und anzupassen, anstatt einfach blind auf den Abgrund zuzulaufen. Ein interner Anpassungsprozess hat meiner Meinung nach schon länger begonnen, da viele Menschen jetzt schon wissen, dass es so nicht weitergehen kann. Allerdings fehlen die Alternativen. In der neu entstehenden und sehr schnell wachsenden Degrowth- oder Postwachstumsbewegung und -forschung beschäftigt man sich intensiv mit der Suche nach diesen Alternativen.

Ihr Papier hat durch die Pressearbeit des Instituts vergleichsweise große mediale Aufmerksamkeit erhalten. Gibt es Wirtschaftsverbände oder Wirtschaftspolitiker, die sich für diese Arbeit interessieren?

Christian Kerschner: Derzeit noch nicht. Erwarte ich mir aber auch eher nicht. Ich habe mich länger mit der Frage beschäftigt, warum man sich mit dem Thema "Peak Oil" nicht an offizieller Stelle beschäftigt und dazu auch publiziert. Eine meiner Schlussfolgerungen ist, dass die Politik nur solche Themen aufgreift, zu denen sie auch Lösungen präsentieren kann, die einen gewissen Rahmen nicht sprengen - das heißt: die nicht zu radikal sind. Schließlich will man wiedergewählt werden und nicht als Botschafter des Unheils in die Geschichte eingehen.

Abseits aller Wissenschaft: Wie beurteilt der Mensch Christian Kerschner den Problemkomplex Peak Oil?

Christian Kerschner: Das wird Sie vielleicht überraschen, aber für mich sind Grenzen etwas Positives. Peak Oil ist so eine Grenze, die uns als Stein des Anstoßes zur gesamtwirtschaftlichen Umorientierung dienen kann. Wir dürfen nicht vergessen dass es hier nicht nur darum geht, dass wir vielleicht in der nahen Zukunft nicht mehr Autofahren können. Der Reichtum an billiger fossiler Energie hat viel Gutes gebracht, aber auch zu einer Vielzahl von sich ständig verschlechternden Sozial- und Umweltproblemen geführt. Denken Sie nur an den Klimawandel.

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