Trauriges Europa

04.12.2013

Nach einer weltweiten Umfrage gehören zu den Ländern, in denen die Menschen am stärksten leiden, neben Haiti, Syrien oder Afghanistan auch Bulgarien oder Griechenland

Gerne wird in letzter Zeit zu eruieren versucht, in welchen Ländern sich die Menschen selbst am glücklichsten bezeichnen, in denen es also eine hohe Lebenszufriedenheit gibt (Die Menschheit sagt, ob Geld glücklich macht, In reichen Gesellschaften wächst mit dem Wohlstand nicht die Lebenszufriedenheit). Ein solches Ranking lässt sich natürlich auch andersherum durchführen. So versucht Gallup auch die Länder zu ermitteln, in denen die Menschen am meisten leiden. Für Europa sieht dieses Ranking nicht gut aus, mit Bulgarien führt ein EU-Land sogar das Ranking von 143 Ländern für 2012 an.

Für die Umfrage wurden von Gallup 2012 jeweils 1000 Menschen und mehr über 15 Jahre in jedem Land befragt. Verfälscht wird die Umfrage dadurch, dass aus Sicherheitsgründen die Menschen in Gebieten, in denen Krieg oder Bürgerkrieg herrscht oder es für die Interviewer einfach zu gefährlich wäre, außen vor blieben, beispielsweise die Region um Homs (Syrien), Teile Jemens, die Stammesgebiete in Pakistan, die nördlichen Gebiete von Mali oder zahlreiche Regionen in Libyen.

Gallup stuft Menschen als "leidend" gegenüber "kämpfend" oder "gut gehend" ein, wenn sie auf einer von 0 bis 10 reichenden Skala einen Wert von 4 und weniger für die Gegenwart und ebenso niedrigen Wert für die Beurteilung ihres Lebens in 5 Jahren angeben. Daraus wird indirekt geschlossen, dass es den Menschen ziemlich schlecht geht, was als leidend kategorisiert wird. In 20 der Länder bewerten mehr als ein Viertel der Menschen ihr Leben jetzt und in Zukunft so schlecht, dass sie für Gallup leiden. Davon befinden sich sechs in Europa. Die meisten leidenden Menschen findet man mit 24 Prozent in Südasien, gefolgt von 21 Prozent im Balkan sowie im Nahen Osten und Nordafrika.

Allein mit Armut hat die Selbsteinschätzung also nicht zu tun, vermutlich spielt auch eine große Rolle, ob sich die Verhältnisse drastisch verändert haben und welche Vergleichsmaßstäbe die Menschen in ihrem Land und zu anderen Ländern ansetzen. Wenn es auch den Menschen in den reichen Ländern insgesamt besser geht, so finden sich bei denjenigen, die an der Spitze liegen und in denen 2 Prozent oder weniger ihre Leben jetzt und in Zukunft als schlecht beschreiben, nicht nur die üblichen Kandidaten wie Island, Schweden, Norwegen, Schweiz, Dänemark oder die Niederlande, sondern erstaunlicherweise auch Libyen. Hier wurden die Menschen im März und April 2012 befragt, allerdings in kritischen Regionen nicht. Libyen liegt beim BIP pro Kopf an 65ster Stelle, möglicherweise war die die Hoffnung nach dem Sturz von Gaddafi noch groß. Auch Katar gehört dazu, das weltweit an zweiter Stelle beim BIP pro Kopf liegt, die vielen Fremdarbeiter, die dort leben, wurden aber nicht mit einbezogen. Aber auch in Nigeria (beim BIP pro Kopf an Stelle 138), Somaliland und Venezuela scheinen die Menschen gut zurechtzukommen. Das trifft auch in Thailand zu, obgleich sich hier gerade wieder einmal der Zorn der reichen Schichten Luft gemacht.

Die Menschen in den Ländern, in denen diese ihr Leben als "gut gehend" beschreiben, haben nach Gallup dennoch im in der Regel ein relatives hohes Einkommen sowie eine relativ gute Bildung, Gesundheit und Arbeit. Sie sagen auch, dass ihre Region auch ein guter Platz für Menschen aus unterschiedlichen Ethnien und Kulturen sei. Menschen, die sich als kämpfend gelten, haben mehr Geldprobleme im Alltagsleben, den Leidenden fehlt eher auch Lebensnotwendiges wie Essen oder Unterkunft.

Bulgarien, Ungarn, Rumänien, Griechenland …

Weltweit am schlimmsten scheint es den Menschen in Bulgarien zu gehen, dem ärmsten Mitgliedsland der EU, wo die Korruption hoch ist. Beim BIP pro Kopf liegt es an 79ster Stelle. 39 Prozent der Menschen leiden hier nach Gallup, wobei sich die Befindlichkeit gegenüber dem Vorjahr offenbar verbessert, wo noch 45 Prozent als leidend galten. Armenien (BIP: 115) folgt mit 37 Prozent an zweiter Stelle, dann Kambodscha (BIP: 145) mit 34 Prozent und Haiti (BIP: 163) mit 32 Prozent, gleichauf mit Ungarn, dem nächsten EU-Land (BIP: 56). Aber auch Rumänien mit 27 Prozent und Griechenland mit 22 Prozent.

Während in Rumänien gegenüber dem Vorjahr derselbe Anteil als leidend gilt, wuchs deren Anzahl in Griechenland um einen Punkt (von 2010 auf 2011 war der Anteil bereits von 19 auf 24 Prozent gestiegen) und in Ungarn um vier Punkte. Dass die Unzufriedenheit oder das Leiden in Proteste, aber auch in Ausländerfeindlichkeit und einem Rechtsruck umschlagen können, zeigen die europäischen Krisenstaaten: in Griechenland kam es immer wieder zu Prosteten, in Bulgarien wurde die Regierung gestürzt, Ungarn driftet nach rechts und es gab Pogrome gegen Roma.

Die "Befreiung" hat im Irak und in Afghanistan den Menschen nicht mehr Zufriedenheit verschafft, auch die Menschen im Ausgangsland des Arabischen Frühlings, in Tunesien, sind bedrückt, dass dies auch auf Syrien zutrifft, liegt auf der Hand. In Iran sind die Menschen nach der Umfrage mit 31 Prozent sehr unzufrieden. Die neue Regierung hat wohl auf die explosive Stimmung reagiert und versucht, die Boykottregeln durch Zugeständnisse zu lockern. Auch im Libanon, in das der Krieg in Syrien hineinreicht und wo sich der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten zuspitzt, wächst die Unzufriedenheit.

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