Eine Chronologie des Erfolgs

16.12.2013

USA: Das lukrative Geschäftsfeld der ADHS-Verhaltensstörungen

"Die Kinder fuchteln häufig mit Händen oder Füßen oder winden sich auf den Sitzen" - aus der Symptomatik (siehe Stellungnahme der Bundesärztekammer von 2005 zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) von ADHS lassen sich ohne lange Suche Sätze herausnehmen, die anzeigen, weshalb die Diagnose der Verhaltensstörung so kontrovers diskutiert wird. Es gibt eine längere Reihe der Störungsbilder und diese sind teilweise so weitreichend und diffus, dass besorgte Eltern ihre Kinder leicht darin wiedererkennen können. So kommt es sehr auf das Vertrauen zum behandelnden Arzt an. Insbesondere, wenn es um Medikamente zur Behandlung der Verhaltensstörung geht.

Skeptiker verweisen schon länger darauf, dass die Krankheit mit dem reichhaltigen Störungsbild ein lukratives Geschäftsfeld für die Pharmaindustrie ist. Dem Verhältnis zwischen Ärzten und Pharmaindustrie wird nicht unbedingt großes Vertrauen geschenkt, umso mehr als bei den ADHS-Verhaltensstörungen ein Ansatz nicht ungebräuchlich ist, der beunruhigten und gestressten Eltern bequeme Hilfe verspricht: die Verschreibung von Pillen.

In den USA hat nun ein Team der New York Times versucht, etwas Licht in die Verbindung zwischen ADHS, Ärzten sowie dem Marketing von Medikamenten zu bringen.

Am Anfang steht eine erstaunliche Zahl. Laut Daten der Regierungsbehörde für Krankheitskontrolle und Vorbeugung (CDC) wird ADHS bei 15 Prozent der amerikanischen Schüler im High-School-Alter diagnostiziert. Wurden 1990 noch 600.000 Schüler mit ADHS-Medikamenten behandelt, so sind es aktuell 3,5 Millionen. Einer der von der Zeitung interviewten Gesprächspartner bezeichnet dies als "nationale Katastrophe mit gefährlichen Ausmaßen". Medikamente würden seiner Auffassung nach in einem bislang nicht gekannten und nicht zu rechtfertigendem Ausmaß ausgegeben.

"Versagen im Beruf" oder "Arbeitslosigkeit": Erfolgreiche Kampagne mit Einschüchterungen

Seit 2002 habe sich der Verkauf von Medikamenten verfünffacht. Das, so die Beobachtung der Zeitung, gehe einher mit einer seit zwei Jahrzehnten sehr erfolgreichen Kampagne von Pharmaunternehmen, die sich mit zum Teil einschüchternden Werbemethoden an Ärzte, Erzieher und Eltern wenden.

Einschüchternd deshalb, weil zum einen das Symtombild in den Marketing-und Werbebroschüren, -clips, - veranstaltungen sehr weit ausgedehnt wird, auf einen einfachen Begriff gebracht wird, so dass sich möglichst viele angesprochen und beunruhigt fühlen, zum anderen, weil dort Konsequenzen der Nicht-Behandlung angedeutet werden, die furchteinflößend sind.

So zitiert die NYT einen Ausschnitt aus einer Dia-Show über ADHS, wo davor gewarnt wird, dass Kinder mit ADHS, die nicht behandelt würden, sich auf ein "Versagen im Beruf" oder "Arbeitslosigkeit" gefasst machen müssen. Angereichert wird das Phobik-Repertoire noch mit Voraussagen, wonach eine "kriminelle Laufbahn" oder "ungewollte Schwangerschaften" wie auch "Geschlechtskrankheiten" ebenfalls zu jenen Aussichten gehören, die drohen, wenn Hilfe unterbleibt. Ein Hinweis darauf, ob Studien festgestellt haben, dass ADHS-Medikamente diese Risiken signifikant minimieren, wird unterlassen, notiert der Zeitungsbericht.

"Sicherer als Aspirin"

Herausgestellt wird demgegenüber die allgemein gute Wirkung der Medikamente in generellen Slogans, die in gegenwärtigen Verhältnissen auf größere Empfänglichkeit treffen: So wird als Wirkung der Medikamente gepriesen, dass - nach Einnahme - "die Leistung in der Schule wieder auf der Höhe der Intelligenz der Schüler ist", dass Spannungen in der Familie reduziert werden. So wirbt eine Mutter in einer Anzeige damit, dass die Resultate bei Schulprüfungen besser werden, dass zuhause mehr Hausarbeit erledigt wird und das Kind unabhängiger geworden ist und sie immer mit einem Lächeln rechnen kann.

Dass die Medikamente "sicherer als Aspirin" seien, gehöre zu den Standardaussagen, so die Zeitung. Mit solchen Aussagen ist nicht jeder einverstanden, die Nebenwirkungen der Medikamente sind Teil des Disputs über die Behandlung von ADHS.

Während Kritiker der medikamentösen Behandlung (in Deutschland häufig mit Ritalin) auf mögliche Suchtgefahren und Spätfolgen verweisen, bietet der Forschungsstand hier, wie auch Kritiker einräumen, auch ein "kontroverses Bild".

Gemeinhin werden als Nebenwirkungen Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder auch Weinerlichkeit aufgeführt.

Ritalin sei eine Notlösung, manchmal ein "Segen" für überforderte Familien, ist in einem Interview mit einem deutschen Kinder-und Jugendpsychiater zu lesen. Doch selbst der der moderate Befürworter von Ritalin weist auf eine Nebenwirkung hin - die etwa bei Aspirin gewöhnlich nicht auftritt -, die längst nicht alle akzeptieren wollen:

Aber die Kinder sind natürlich nicht mehr so lebendig wie vorher. Das fällt manchen Eltern durchaus auch unangenehm auf.

USA: "falsche oder irreführende Werbung"

Dass die Werbung für ADHS-Medikamente in den USA häufig unkorrekte Angaben macht, ist allerdings nicht eine Diagnose von Kritikern, die übertreiben (wie ihnen das in der deutschen Debatte vorgeworfen wird), sondern eine Erkenntnis der US-Behörde Food and Drug Administration, die bei allen größer bekannten ADHS-Medikamenten seit dem Jahr 2000 mindestens einmal wegen "falscher oder irreführender Werbung" moniert haben. Vor allem, wenn es darum ging, die Reichweite der Wirkungen der Medikamente darzustellen.

Im letzten Jahr sollen die Hersteller von ADHS-Medikamenten in den USA Arzneien im Wert von 9 Milliarden Dollar verkauft haben, so die New York Times. Ein Jahrzehnt zuvor waren es noch 1,7 Milliarden. Wie die Reporter der Zeitung herausgefunden hat, lassen sich unter amerikanischen Ärzten einige finden - als Musterbeispiel wird ein Kinderpsychiater von Harvard genannt -, die in lukrativen Beziehungen zu Pharamunternehmen stehen. Forschungsarbeiten würden großzügig mitfinanziert, Vorträge sehr gut bezahlt. Der Inhalt habe meist drei Botschaften:

Die Verhaltensstörung wird nicht oft genug diagnostiziert (" underdiagnosed"); die Medikamente sind wirkungsvoll und sicher; und unbehandeltes ADHS führt zu signifikanten Risiken, in der Schule zu scheitern, von Drogen abhängig zu werden, Autounfällen und Konflikten mit dem Gesetz.

Auch die Fachzeitschriften würden vom Anzeigengeld der Branche gut leben. So habe das Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry im Zeitraum von 1990 bis 1993 keine einzige Anzeige über ADHS-Medikamente geschaltet, ein Jahrzehnt später seien es etwa 100 Seiten im Jahr, fast jede farbige Anzeige über eine Seite werbe für ein solches Medikament.

Neue Zielgruppe: Erwachsene mit ADHS

Seit einiger Zeit hätten die Unternehmen ein neues Zielpublikum entdeckt: mittlerweile verbreitet sich in der amerikanische Öffentlichkeit das Wissen darum, dass ADHS nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen diagnostiziert werden kann.

In Deutschland berichtet die Organisation ADHS Deutschland e.V. zur ADHS im Erwachsenenalter:

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) im Erwachsenenalter, ein Krankheitsbild, bisher bei uns kaum bekannt und im Allgemeinen unterschätzt, hat eine ganz erhebliche Bedeutung. Schätzungsweise sind etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland betroffen, ohne die geringste Ahnung davon zu haben. Das Tragische dabei ist, dass die Krankheit relativ gut und mit großen Erfolgen behandelt werden kann, wenn sie erkannt wird.

Es ist nur wenig bekannt, dass Chaos, ständige Stimmungsschwankungen, Jähzorn, Impulsivität, Beziehungsunfähigkeit und auch Suchterkrankungen die Symptome einer ADHS sein können und diese sich wie ein roter Faden durch das gesamte Leben ziehen. Unerkannt gleicht die ADHS einem Phantom, das in alle Lebensbereiche hineinspukt, beträchtlichen Schaden hinterlassen und Beziehungen zerstören kann.

So entwickelt sich nicht selten eine Chronologie des Scheiterns.

So kommt es, wie so oft, auf das Vertrauen zum behandelnden Arzt an.

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