Wie Edward Snowden zum Erzengel Michael werden könnte

29.12.2013

Der Grundstoff der E-Commerce-Branche, das Vertrauen, beginnt sich angesichts der digitalen Nacktheit aufzulösen

Das Jahr 2013 ist gelaufen. Und wenn es zukünftig dumm läuft, dann könnte Edward Snowden mit seinen NSA-Enthüllungen im Rückblick als der Erzengel Michael des E-Commerce erscheinen. Also als jene Gestalt mit dem Flammenschwert, die all jene Firmen, die sich im Internet tummeln und damit Geld verdienen, aus dem Paradies verjagt - hinab in jene düstere Regionen, in denen es den Akteuren klar werden wird, um wie viel härter man sein Geld auch verdienen kann.

Das Jüngste Gericht von Hans Memling. Bild: The Yorck Project/gemeinfrei

Die zentrale Aussage in Sachen Entstehung der komitativen Sphäre (Der neue Leviathan) lautet: Wir sind nie wieder allein. Nie war dieser Satz aktueller seit dem Drama um den Whistleblower Edward Snowden und seine Enthüllungen über das Ausmaß der Lauschangriffe des amerikanischen Geheimdienstes NSA, ja, sie scheinen extra dazu angetreten, diese Aussage zu stützen und zu konkretisieren.

Doch Snowden deckt nicht einfach nur illegale Praktiken eines Geheimdienstes auf. Nein, seine Enthüllungen lassen darüber hinaus eine der grundsätzlichen Eigenschaften der komitativen Sphäre aufscheinen, die aus dem Kern dieses kulturell-technischen Phänomens stammt: Alles, was geschieht, ist lesbar. Alles, was eingespeist wird, kann abgefragt werden. Alles, was ist, ist erschaffen. Der neue Leviathan - die komitative Sphäre - entwickelt gottesähnliche Züge: Nichts bleibt verborgen, nichts bleibt unsichtbar. Wir stehen nackt und bloß - gut, noch nicht vor unserem Schöpfer - aber vor dem Abschöpfer der Datenmengen, sitzt er nun in Nebraska oder Wolgograd.

Erinnern wir uns an die Bibel: Nach dem Sündenfall wurden Adam und Eva aus dem Paradies gewiesen und erkannten sie ihre Nacktheit. Und was bisher vielleicht für die IT-Security Thema war, wird nun für den Bürger im Online-Zustand zur unerbittlichen Gewissheit: Seine digitale Nacktheit, Firewall hin oder her.

Digitale Nacktheit

Diese digitale Nacktheit lässt sich vielleicht kurzfristig durch ein neues Verschlüsselungsprogramm verdecken, bis auch dieses wiederum entschlüsselt ist - die historische Erfahrung der deutschen Enigma-Systems lässt grüßen. Was von Menschen erdacht ist, lässt sich auch von Menschen nachvollziehen. Es gibt keinen technischen Schutz. Oder wenn, dann nur mit einem derartig hohen Aufwand, dass sich derlei Maßnahmen vielleicht Staaten leisten können, der Normalbürger aber nicht. Bisher haben wir uns über diese Tatsache hinweggetäuscht, in dem wir an politische Gesetze als Sperrriegel geglaubt haben. Wir glaubten, unsere Blöße sei durch jene Gesetzesblätter bedeckt, auf denen uns die Unverletzlichkeit unserer Privatsphäre garantiert wurde.

Aber sehen wir uns doch einmal an, was passiert, wenn wir uns plötzlich dieser Nacktheit bewusst werden. Bekanntlich läuft in dem Märchen von des "Kaisers neue Kleider" alles so weiter wie bisher, solange alle mitspielen und die Nacktheit des Königs geleugnet wird. Das heißt wir können an die Unverletzlichkeit unserer Privatsphäre weiter glauben und weiterhin unsere intimen Daten in die komitative Sphäre beziehungsweise das Internet einspeisen: Unsere Vorlieben für bestimmte Literatur oder Auto-Oldtimer, unsere Blutwerte und medizinischen Diagnosen, unsere Beschwerde-mails und Verabredungen, schließlich unsere Kontodaten, Zugriffscodes und Passwörter.

Wenn wir uns klarmachen, dass dies alles sichtbar ist, dann werden geschäftliche Transaktionen zu einem Hasard-Spiel. Wirtschaft, so heißt ein arg strapazierter Allgemeinplatz, beruhe zu einem großen Teil auf Psychologie. Zu dieser Psychologie gehört auch der Begriff des Vertrauens. Dieses Vertrauen ist etwa im Spiel, wenn ich der Bedienung im Restaurant Geldscheine in die Hand drücke. Sie vertraut darauf, dass es keine wertlosen Stück Papiere sind, ich vertraue darauf, dass niemand in der Küche in die Suppe spukt.

Vertrauen ist jene Basis, ohne die es keine Geschäftsbeziehungen, ja gar keine Beziehungen geben kann. Zivilisation ist, sich an Spielregeln zu halten. Zum Beispiel an Gesetze. Sie regulieren unser Zusammenleben und dies eigentlich sehr effektiv. Sie ermöglichen es uns einkaufen zu gehen, ohne dass wir abgesägte Schrottflinten dabei haben müssten.

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