Die Prophezeiung

27.12.2013

Walter Benjamins 1921 entstandenes Fragment "Kapitalismus als Religion" liest sich wie eine adäquate Beschreibung der gegenwärtigen Krise. Kapitalismus als säkularisierte Religion - Teil 3

Die Wahrnehmung des Kapitalverhältnisses als eine Religion, als einen fetischistischen Opferkult, ist nicht neu. Insbesondere die in Südamerika verankerte "Theologie der Befreiung" kritisiert "den Markt als Götzen und den neoliberalen Kapitalismus als Heilslehre und Opferkult", wie es der Theologe Heribert Böttcher formulierte. In Reaktion auf die neoliberale Revolution in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts knüpfte die Befreiungstheologie an die biblische Unterscheidung zwischen dem christlichen "Gott der Befreiung" und dem "Götzen des Todes" an, der mit dem buchstäblich ins Totalitäre strebenden Kapitalverhältnis identifiziert wird.

Teil 2: Ora et labora

In Reaktion auf die tiefe Krise des kapitalistischen Systems in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts (Das Ende des "Goldenen Zeitalters" des Kapitalismus und der Aufstieg des Neoliberalismus) ging der Neoliberalismus in eine Offensive über, bei der die Systemgrundsätze buchstäblich ins Extrem getrieben wurden. Alles wird zu Ware, alle Gesellschaftsbereiche werden den Gesetzen des kapitalistischen Marktes unterworfen, alle Menschen haben ihr Leben in fortwährender kapitalistischer Selbstoptimierung zu verbringen. Der Kapitalfetisch duldet nun keine alternativen Reproduktionsformen, keine nichtkapitalistischen Nischen mehr neben sich.

Diese marktvermittelte Totalität des Kapitalverhältnisses, das gerade in Reaktion auf seine sich immer stärker abzeichnende Krise ins Extrem getrieben wurde, habe dieses zu einer "alles bestimmenden Wirklichkeit" werden lassen. Dieser Begriff fungiere in "der pluralistischen Religionstheorie … als Oberbegriff für das Göttliche", wie Böttcher in Anlehnung an ein eine These des Theologen Thomas Ruster ausführt:

Nicht mehr das Christentum, sondern der Kapitalismus repräsentiere die religiöse Erfahrung einer "alles bestimmenden Wirklichkeit" und werde damit zur Religion der Gesellschaft. Kapitalismus versteht er [Ruster, T.K.] als durch Geld vermittelten Warentausch. Sein Selbstzweck ist die Vermehrung des Geldes. Das Geld ersetzt Gott und wird zur "alles bestimmenden Wirklichkeit".

Der in Reaktion auf seine tiefe Systemkrise ins Extrem getriebene Kapitalkult wird also erst in seiner alles verschlingenden Totalität als ein religiöses System, als eine "alles bestimmende Wirklichkeit", erkennbar. In seiner Krise kommt der irrationale, götzenhafte Charakter des über die Menschen - und durch die Menschen - herrschenden automatischen Subjekts (siehe Teil 2:Ora et labora) zum Vorschein.

Kapitalismus als Religion

Indes ist der religiöse Charakter des Kapitalkultes vom Philosophen und Literaturkritiker Walter Benjamin schon weitaus früher erkannt worden. Sein höchstwahrscheinlich 1921 verfasstes Fragment "Der Kapitalismus als Religion" liest sich wie eine Prophezeiung der gegenwärtigen Krisenverwerfungen, wobei der Autor seiner Zeit die allgemeine Durchsetzung dieser Erkenntnis - deren Nachweis - als verfrüht ansah:

Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben. Der Nachweis dieser religiösen Struktur des Kapitalismus, nicht nur, wie Weber meint, als eines religiös bedingten Gebildes, sondern als einer essentiell religiösen Erscheinung, würde heute noch auf den Abweg einer maßlosen Universalpolemik führen. Wir können das Netz, in dem wir stehen, nicht zuziehn. Später wird dies jedoch überblickt werden.

Dem kapitalistischen System wohnt somit eine konkrete, historische Dynamik eigen; es stellt keine "natürliche" überhistorische Konstante menschlichen Daseins dar, wie es durch den Ewigkeitsanspruch des Kapitalkultes ja immerfort propagiert wird. Der Kapitalismus ist eine fetischistische Gesellschaftsformation, die einen Anfang, eine historische Konstitutionsphase in der Frühen Neuzeit hat, sie erreicht ihre Epoche des Hochkapitalismus im späten 19. und 20. Jahrhundert, um vor rund 40 Jahren in die historische Abstiegsperiode des Spätkapitalismus zu einzutreten. Das Wesen des Kapitals als einer "essentiell religiösen Erscheinung" wird somit erst mit dessen voller historischer Entfaltung offenbar - namentlich mit der totalen Entfaltung der inneren Widersprüche des Kapitalverhältnisses, sobald es an die totale Schranke seiner Reproduktionsfähigkeit stößt.

Das Netz der sich immer weiter zuspitzenden Systemzwänge, der eskalierenden Widersprüche, zieht sich um die Insassen der kapitalistischen Tretmühle immer stärker zu, sodass dessen Maschen sichtbar werden und der kultische Charakter uferloser Kapitalakkumulation durch das automatische Subjekt bei global eskalierenden Verwerfungen und Zusammenbruchstendenzen evident wird. Die Absurdität immer weitergetriebener Anhäufung abstrakten Reichtums, bei der immer mehr Menschen ausgeschlossen werden, ist angesichts ihrer verheerenden sozialen und ökologischen Folgen eigentlich evident.

Die gegenwärtige Krise stellt somit eine Vorbedingung dar, um den Nachweis erbringen zu können, dass es sich beim Kapitalismus um eine kultische Veranstaltung handelt. Benjamin benennt drei Charakterzüge, die dieser religiösen Struktur des Kapitalismus eigen sind:

Erstens ist der Kapitalismus eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. Es hat in ihm alles nur unmittelbar mit Beziehung auf den Kultus Bedeutung, er kennt keine spezielle Dogmatik, keine Theologie. Der Utilitarismus gewinnt unter diesem Gesichtspunkt seine religiöse Färbung. Mit dieser Konkretion des Kultus hängt ein zweiter Zug des Kapitalismus zusammen: die permanente Dauer des Kultus. Der Kapitalismus ist die Zelebrierung eines Kultes sans rêve et sans merci. Es gibt da keinen "Wochentag", keinen Tag, der nicht Festtag in dem fürchterlichen Sinne der Entfaltung allen sakralen Pompes, der äußersten Anspannung des Verehrenden wäre.

Der vom Utilitarismus, vom blinden Nützlichkeitsdenken geprägte Kapitalkult, der ununterbrochen praktiziert werden muss, fußt auf einer Grundlage, die in der spätkapitalistischen Ideologie als sakrosankt gilt: auf der Lohnarbeit. Der religiöse Schein, den die protestantische Ethik und die Mönchsorden des Mittelalters der Arbeit verpassten, ist vom Jenseits ins Diesseits hinabgestiegen.

Die den Kapitalismus als Religion konstituierende kultische Handlung, die alle Lohnabhängigen alltäglich zu verrichten haben, welche noch nicht aus der kriselnden Arbeitsgesellschaft verbannt wurden, besteht in der Verrichtung von Lohnarbeit. Arbeit unter Kapital ist tatsächlich mehr, als sie zu sein scheint. Die konkrete Arbeit im Kapitalismus dient einem abstrakten, "fremden" Zweck, der aber nicht ins Jenseits hineinprojiziert werden muss, wie bei den Benediktinern oder Calvinisten, sondern ganz diesseitig-real ist: Arbeit weist einen Doppelcharakter auf und wird im Kapitalismus nur dann verrichtet, wenn sie neben der Schaffung von Gebrauchswerten auch zur Vermehrung des Werts beiträgt.

Da Lohnarbeit die Substanz des Kapitals bildet, die Kapitaldynamik letztendlich also in der Anhäufung immer größerer Quanta verausgabter Arbeit ihren Selbstzweck findet, bildet der kapitalistische Arbeitsprozess die reale Grundlage des Kapitalkultes. Die Schaffung von Gebrauchsgütern dient dem Automatischen Subjekt somit nur dazu, den in ihnen verdinglichten Mehrwert zu realisieren. Das Konkrete (der Gebrauchswert, die konkrete Arbeitstätigkeit) ist nur als Träger des Abstrakten (Wert und abstrakt-allgemeine Arbeit) von Belang, die konkrete Arbeit gilt nur bei gleichzeitiger Realisierung des durch sie erzeugten Mehrwerts als gesellschaftlich gültig.

Deswegen kann es im Kapitalismus durchaus "sinnvoll" sein, massenhaft "unverkäufliche" Wohnungen oder Lebensmittel zu vernichten - deren Wert nicht realisiert werden kann - während zugleich Menschen hungern oder erfrieren. Die kultische Essenz der Lohnarbeit als Quelle der Verwertungsbewegung des Automatischen Subjekts bringt ja auch die korrespondierenden Waren hervor, die nach Möglichkeit kurz nach Ablauf der Garantiefrist kaputtgehen oder möglichst schnell veraltern sollen, um so die Grundlage für einen abermaligen Verwertungskreislauf möglichst schnell zu schaffen.

Zugleich bedeutet dies, dass der Begriff des Automatischen Subjekts eine doppelte Bedeutung hat. Zum einen ist damit die besagte Eigenbewegung und unkontrollierbare gesamtgesellschaftliche Dynamik der marktvermittelten Verwertungsbewegung gemeint, die den Marktsubjekten - die sie ja selber in ihrer Gesamtheit erzeugen - als eine fremde, "göttliche" Macht gegenübertritt. Doch zugleich bringt der Begriff zum Ausdruck, dass Subjektivität im Kapitalismus nur innerhalb des Automatismus der Verwertungsbewegung möglich ist.

Nur bei der Entscheidung, wie die uferlose Akkumulation von Kapital zu beschleunigen und zu optimieren wäre, können die "Wirtschaftssubjekte" tatsächlich ihre Subjektivität zur Geltung bringen. Die zu ohnmächtigen Objekten der verwalteten Welt (Adorno) zugerichteten Menschen können nur noch hinter der kultischen Charaktermaste (Marx) ihrer ökonomischen Funktion den pervertierten Traum eines selbstherrlichen Subjekts träumen - indem sie den Automatismus der Verwertungsbewegung in Eigenregie permanent optimieren.

Die Ödnis dieses Kultes ist offensichtlich: Alle menschliche Tätigkeit, alle Hervorbringungen dieser Gesellschaft dienen nur dazu, das wucherungsartige Wachstum des Automatischen Subjekts zu befördern - indem die Menschen sich als Automatische Subjekte betätigen.

Der von Benjamin erwähnte Utilitarismus, ein hohles rationalistisches Nützlichkeitsdenken, das von dem irrationalen Ziel der Verwertung der Lohnarbeit absieht, bildet tatsächlich das tragende Moment des Kapitalkultes. Mittels einer bornierten instrumentellen Rationalität, die zu einer beständigen Revolutionierung der Produktionskräfte führt, wird die Dynamik des Automatischen Subjekts beschleunigt. Doch damit werden auch die Widersprüche zugespitzt, die der kapitalistischen Produktionsweise innewohnen. Der Kapitalkult, dessen einzige kultische Handlung in der endlosen Verausgabung wertbildender Lohnarbeit besteht, strebt zugleich danach, die Lohnarbeit durch Rationalisierung aus dem gesellschaftlichen Reproduktionsprozess zu verbannen. Das Kapital geht so sukzessive seiner eigenen Substanz - der wertbildenden Arbeit - verlustig, sodass der Kapitalismus nur noch vermittels globaler Schuldenmacherei als ein totales Weltsystem aufrechterhalten werden kann.

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