Ranking der am meisten gelesenen und kommentierten Telepolis-Artikel 2013

31.12.2013

Dank NSA standen zwei 14 Jahre alte Artikel ganz an der Spitze

Kürzlich wurde von Lesern anlässlich von Welche Themen stoßen bei den Lesern auf Interesse - und welche fallen durch? zurecht bemerkt, dass Artikel, die am meisten Forenkommentare erhalten, nicht notwendigerweise diejenigen sind, die am meisten aufgerufen werden. Ob Artikel mit vielen Pageviews tatsächlich gelesen werden, ist natürlich eine andere Frage. Zumindest in einem Zeitfenster von zwei Tagen kann man dies auf Telepolis auch auf den beiden Listen "Most Wanted" und "Most Commented" nachvollziehen.

Nach Studien werden oft nur Titel, Dachzeile und vielleicht einige Zeilen gescannt, um zu schauen, ob der Artikel überhaupt interessiert (Wer länger schreibt, ist früher tot). Wie hoch das Interesse ist, lässt sich am ehesten bei langen, auf mindestens zwei Seiten aufgeteilten Artikeln daran feststellen, wie oft nach dem ersten Teil die folgenden Teile noch aufgerufen werden, in der Regel liest ungefähr die Hälfte weiter.

Wie schon gelegentlich gemacht, hier einmal wieder die Telepolis-Top-Artikel von 2013. Nach der Homepage wurden die Rubrikseiten Politik und Wissenschaften am meisten aufgerufen.

Auch auf Telepolis haben die durch Snowden wieder bekannt gewordenen amerikanischen Lauscheskapaden Wellen geschlagen. Allerdings war die Aufregung nur deshalb so groß, weil man Bekanntes gerne verdrängt oder es aus dem Gedächtnis verloren hat. Viele Details waren neu, das Ausmaß des Abhörens allerdings nicht.

Deutlich macht das auch der Artikel How NSA access was built into Windows von Duncan Campbell vom 4. September 1999, der durch die von Snowden geleakten NSA-Dokumente neue Aktualität erfuhr. An vierter Stelle des Telepolis-Artikelrankings kam mit Peinlicher Fehler deckt die Unterwanderung von Windows durch die NSA auf noch ein zweiter Beitrag von Campbell zum selben Thema.

Ende der 1990er Jahre war mit den Enthüllungen über das von den "five eyes" betriebene Lauschsystem Echelon eine ähnliche Aufregung ausgebrochen, die aber bekanntlich zu nichts führte. Auf politischen Druck hin wurden die Lauschaktivitäten im Abschlussbericht des EU-Sonderausschusses klein geredet, dann kam 11/9 und es wurden panisch - oder dankbar? - allerorten die Überwachungskapazitäten möglichst erweitert, weil nun alle Bedenken zurückstehen mussten. Was durch Snowden an neueren Entwicklungen bekannt wurde, geht also weit zurück und ist stets geduldet worden.

Neue Hypothese zu 9/11

Ein Dauerbrenner sind die Hintergründe der 11/9-Anschläge geblieben. Zum 12. Jahrestag schlug Paul Schreyer in Neue Indizien legen nahe, dass den Anschlägen vom 11. September 2001 kein Selbstmordplan zugrunde lag eine neue Hypothese zur Erklärung vor, nach der die Flugzeugentführungen von Bin Ladens Al Qaida geplant wurden, aber keine Selbstmordanschläge vorgesehen waren.

Möglicherweise hätten Kreise in den USA davon erfahren und in ihrem Sinn manipuliert, um das Hegemoniestreben der mit Bush an die Macht gekommenen Falken aus den Reihen der NeoCons durchzusetzen und einen ernsthaften Konflikt mit Saudi-Arabien zu eliminieren.

FDP und Abhören im Adenauer-Deutschland und in Neuland

Mit einem ironischen Beitrag zum Wahlergebnis lag Markus Kompa am 23. September mit Die PARTEI kickt die FDP aus dem Bundestag an dritter Stelle. Er führte an, dass die FDP mit dem Ergebnis von 4,8 Prozent womöglich gerade die 0,2 Prozent der Stimmen gefehlt hätten, die die PARTEI erzielte: "Damit erreichte die PARTEI ihr offenbar wichtigstes politisches Nahziel, das Land vom Joch der schamlosen Lobbyisten-Partei zu befreien. Der diesjährige Wahlslogan "Das Bier entscheidet" kann als Kampfansage an den bisweilen als 'Weinkönigin' verspotteten Rainer Brüderle interpretiert werden."

Mit 7.200 Facebook-Likes dürfte der Beitrag auch mit an der Spitze liegen, während die 157 Forenkommentare nicht überdurchschnittlich viel sind. Auch die 47.000 Forum-Pageviews an den ersten beiden Tagen belegen dies.

Markus Kompa lag auch mit dem Artikel Abhören im Adenauer-Deutschland und in Neuland vom 29. Juni ganz vorne, nämlich auf dem fünften Platz. "Wie erst seit letztem Jahr durch Aktenfreigaben bekannt ist", schrieb Kompa, "hatten die diversen Bundesregierungen der Öffentlichkeit die Überwachungsrechte der drei Westmächte verschwiegen und hierüber teilweise sogar getäuscht. Noch heute bestehen neben dem NATO-Truppenstatut Ansprüche auf engste Kooperation an Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst." Kompa handelt auch kurz die in diesem Kontext interessanten Entwicklungen bis hin zu Echelon, den Otto-Katalogen und Prism ab.

Netzwerke und Manipulation der Bevölkerung

An sechster Stelle ist Marcus Klöckner mit dem Artikel Journalismusforschung:"Ganz auf Linie mit den Eliten" gelangt. Er hat den Kommunikationswissenschaftler Uwe Kröger über dessen Studie zu den Netzwerkverbindungen deutscher Spitzenjournalisten befragt. "Die Daten deuten darauf hin", sagte Kröger, "dass sich Journalisten vielerorts in vertraulichen Runden mit den Mächtigen treffen. Und das steht in einem klaren Gegensatz zu der demokratietheoretisch begründeten Erwartung, Journalisten sollten Distanz zu den Mächtigen halten, um sie kritisieren und kontrollieren zu können."

Er hat dies, wie im Verlauf des Gesprächs vermerkt, anhand einiger Journalisten verfolgt, die dann auch entsprechende Meinungsmache betreiben. Auffällig ist hier, dass der Artikel bislang keinen einzigen Facebook-Like erhalten hat, dafür aber 351 Mal retweetet wurde. Google+ ist bislang marginal. Interessant wäre einmal auszuloten, ob sich in verschiedenen sozialen Netzwerken auch politische und weltanschauliche Trends und Interessen niederschlagen.

Erfreulich ist zu sehen, dass viele Telepolis-Leser politisch sehr interessiert sind. Das zeigt sich auch bei dem am 10. August veröffentlichten Beitrag "10 Strategien der Manipulation" revisited von Jascha Jaworski, der auch bei Facebook-Likes und auf Google+ punkten konnte. Vorgestellt werden darin einige Tricks, wie ganze Bevölkerungen manipuliert werden könnten. Beispiel:

Betrachtet man die Welt als ein kausales Netzwerk, in dem eine unendliche Vielzahl von Ursachen und Wirkungen miteinander auf verschiedensten Ebenen verbunden ist, müssen ressourcenstarke Institutionen nicht einmal wissenschaftlich tiefgreifende Theorien entwerfen, sondern können allein über umfassende Dokumentation und statistische Analysen (Big Data und Data Mining) ein sagenhaftes Interventionswissen auf gesellschaftlicher Ebene hervorbringen, das zugleich nicht der Gesamtbevölkerung zur Immunisierung zur Verfügung gestellt wird, sondern stattdessen ihrer "sanften Manipulation" dient. Ein neoliberalisierter Wissenschaftsbetrieb von atomisierten Karrieristen lässt hierbei leider wenig Widerstand erwarten.

Gottesbeweis, Spinnennetze der Macht und Mollath

Große Aufmerksamkeit fand der von Raul Rojas verfasste Artikel Computer beweist die Existenz Gottes. Wissenschaftler aus Berlin und Wien hatten Kurt Gödels berühmten Gottesbeweis mit einem Computerprogramm bestätigt. Rojas sprach mit Prof. Dr. Christoph Benzmüller vom Fachbereich Mathematik und Informatik, AG Intelligente Systeme und Robotik, an der FU Berlin. Die Universität selbst wollte über die Formalisierung des ontologischen Gottesbeweises durch ein Computerprogramm nicht berichten.

Natürlich wurde im Forum darüber diskutiert, was dieser Gottesbeweis überhaupt aussagt, schließlich ist klar, dass damit nicht die Existenz Gottes bewiesen wird, sondern nur die Konsistenz der Annahmen und die Richtigkeit der logischen Argumentation.

Reinhard Jellens Gespräch "Das Rechtsstaatsprinzip bröckelt gewaltig" mit Jürgen Roth vom 8. April folgt auf dem neunten Platz. Es ging, auch im Hinblick auf den in Telepolis 2013 ausführlich dargestellten Fall Mollath, um dubiose Justiz- und Staatspraktiken in Deutschland, die durch "Spinnennetze der Macht" möglich werden. "Ich habe mit über fünfzig Staatsanwälten, Kriminalisten, Rechtsanwälten und prominenten Professoren der Justiz gesprochen", sagte Roth. "Sie alle, von wenigen Ausnahmen abgesehen, sprechen von einem selektiven Rechtsstaat, einem Zwei-Klassen-Justizsystem. Das Rechtsstaatsprinzip ist zwar in bestimmten Teilen Deutschlands noch existent, aber es bröckelt gewaltig."

Dies ist u.a. mit dem Fall Mollath ins Bewusstsein gehoben worden. Aber Einzelschicksale führen kaum zu einer notwendigen Veränderung des Systems. Notwendig wäre ein "Kampf für eine Kultur der Legalität" gegen die herrschenden Eliten, sagte Roth, der aber selbst nicht recht an einen Erfolg, zumal an einem schnellen, glauben mag.

"Der nächste 11.-September-Anschlag kommt per E-Mail"

Wieder mit einem böse ironischen Artikel über Äußerungen des Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt hat Markus Kompa noch einmal einen Hit mit Hacker bringen per E-Mail Atomkraftwerk zur Explosion am 19. Februar gelandet. Wendt warnte vor den angeblich realen Bedrohungen, dass "Hacker-Terroristen" ein AKW in die Luft fliegen lassen könnten und griff auch sonst ein bisschen daneben, um Angst zu schüren: "Der nächste 11.-September-Anschlag kommt per E-Mail. Deshalb brauchen wir schnellstens mindestens 2000 Cyber-Cops", sagte er. Markus Kompa riet:

Bis die dringend benötigten Cyber-Cops endlich eingestellt sind, rät der Heise-Verlag aus Sicherheitsgründen dringend davon ab, E-Mails zu öffnen, da sich in solchen Terroristen zu verstecken pflegen.

Fast gleich viele Pageviews erzielte Tomasz Konicz mit seiner Würdigung des zehnjährigen Jubiläums der Agenda 2010: Happy Birthday, Schweinesystem!. Die These, die Konicz ausführlich zu belegen suchte:

Mit der Agenda 2010 leitete diese ganz große Koalition die bislang größte und erfolgreichste Offensive gegen die kümmerlichen zivilisatorischen Mindeststandards ein, die dem bundesrepublikanischen Kapitalismus in den Nachkriegsjahrzehnten mühsam abgetrotzt werden konnten. Form und Inhalt kamen bei der Durchsetzung des auf gesamtgesellschaftliche Konkurrenzoptimierung ausgerichteten Maßnahmenpaketes, das wohl die wichtigste wirtschafts- und sozialpolitische Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte markiert, zu einer totalen Übereinstimmung: Ausgebrütet hinter verschlossenen Türen von Kapitallobbygruppen wie der Bertelsmannstiftung und Unternehmensberatern wie McKinsey, die im öffentlichen Diskurs beständig als "unabhängige Experten" firmierten, zielten die Reformen letztendlich auf die Unterwerfung aller Lebensbereiche unter eine betriebswirtschaftliche Logik.

Most Commented

Nur zur Vervollständigung noch die Artikel, die 2013 am meisten Foren-Pageviews erzielt haben. Dabei fällt auch auf, dass diese Artikel nicht auch notwendig große Resonanz in den sozialen Netzwerken haben. Inhaltlich sind die "Most Commented"-Artikel eher weltanschaulicher Natur, während die "Most Wanted"-Artikel eher mit Politik, Wirtschaft, Medien oder Wissenschaft zu tun haben.

  1. Wie sind die Anschläge ohne Selbstmordplan erklärbar?
  2. Aufschrei, Sexismus und die Krise der Männlichkeit
  3. Neue Indizien legen nahe, dass den Anschlägen vom 11. September 2001 kein Selbstmordplan zugrunde lag
  4. "Ihr Arbeitslosengeld fällt komplett weg"
  5. Guerilla-Photovoltaik per Steckdosen-Plugin
  6. An Gold ist nichts real
  7. Vom schönen Hartz-IV-Leben
  8. Esoterik an Hochschulen auf dem Vormarsch
  9. "Homöopathie ist institutionalisierter Geisterglaube"
  10. "Zölibatssyndrom" in Japan

Das Telepolis-Team wünscht bei dieser Gelegenheit allen Lesern einen schönen Dank für das Dranbleiben und einen guten Start in das neue Jahr, das wir auch wieder kritisch mit Ihnen und Ihren Kommentaren begleiten wollen.

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