Medienspektakel um Schumachers Unfall widert an

31.12.2013

Ist der Unfall des mehrfachen Formel-1-Weltmeisters wirklich eine Topnachricht, die auch die Bundeskanzlerin kommentieren muss?

Nach seinem Skiunfall, bei dem er abseits der Piste fahrend mit dem Kopf gegen einen Felsen prallte und trotz Helm ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat, befindet sich der Ex-Formel-1-Fahrer Michael Schumacher derzeit in einem Krankenhaus in Grenoble im künstlichen Koma. Der Zustand ist angeblich weiterhin äußerst kritisch. Das sagten die behandelnden Ärzte bei einer Pressekonferenz. Wir fühlen mit Schumacher mit, aber sind doch verwundert über das mediale Spektakel, das seinen Unfall begleitet und das offenbar auch selbst seiner Familie zu viel wird.

Cover der Bild-Zeitung

Gestern machte die Tagesschau, immerhin eine Institution seriöser Nachrichten, nicht nur mit der Berichterstattung über Schumacher auf, sondern widmete dem Thema 5 Minuten, also ein Drittel der Sendezeit. Auch die Tagesthemen fühlten sich bemüßigt, daraus eine weltbewegende Nachricht zu inszenieren. Ebenso im ZDF spielte man mit und eröffnete das heute journal mit dem Formel-1-Weltmeister. Es fehlte gerade noch der Brennpunkt. Der Focus meinte, nichts weniger als ein Live-Ticker könne dem Ereignis gerecht werden. Selbstverständlich mischt die Bild-Zeitung, die Apo der Großen Koalition, ganz vorne mit.

Schumacher ist bekannt, er ist ein Promi, der bei einem Sport, den nicht alle schätzen, der mit dem Risiko spielt, große Erfolge erzielt hat. Da fließt viel Geld, große Konzerne spielen mit, es geht um Männer und um eigentlich überlebte Technik. Schumacher ist auch einer der Superreichen, deren Geiz sie dazu getrieben hat, aus Deutschland in die Schweiz in eine 55-Zimmer-Villa zu ziehen, weil er dort weniger Steuern zahlt. Warum schätzen das die Deutschen? Er hat überlegt, die Schweiz zu verlassen, weil man dort auch nicht unbedingt den Superreichen weiter Zugeständnisse machen will, die man Normalsterblichen mit gewöhnlichen Einkommen nicht macht. Ist man vielleicht auch schadenfroh, weil es der risikofreudige und egoistische Strizzi doch nicht ganz davongekommen ist?

Ist sein Unfall tatsächlich wichtiger als die Terroranschläge in Russland, neue Enthüllungen über NSA-Hacks, Proteste der Textilarbeiter in Kambodscha, der Anschlag auf die Residenz des deutschen Botschafters in Athen oder die üble, von der CSU ausgelöste Debatte über Zuwanderung aus Osteuropa? Müssen wir mit Schumacher mitleiden, was wir mit Millionen anderer Menschen nicht machen, die uns am Arsch vorbeigehen?

Offenbar ist die Ansteckung so groß, dass auch Bundeskanzlerin Merkel und ihre Berater der Meinung waren, sie müssten nun auch zu dem Fall Stellung beziehen, der irgendwie von nationalem Interesse zu sein scheint. Persönlich wollte sich Merkel denn doch nicht äußern, sie schickte lieber ihren Sprecher Steffen Seibert an die Medienfront, der erklärte, dass Merkel und die Mitglieder der Bundesregierung "wie Millionen von Deutschen" außerordentlich bestürzt gewesen seien, als sie von Schumachers schwerem Skiunfall erfahren hätten.

"Wir hoffen mit Michael Schumacher und mit seiner Familie, dass er die Verletzungen überwinden und genesen kann", so Merkel nach Seibert. Der twitterte auch: "Wir wünschen Michael #Schumacher von Herzen, dass er genesen kann. Seiner Familie wünschen wir Kraft+Zusammenhalt in diesen schweren Stunden."

Ist Schumacher mit seinem tragischen Unfall, der jedem anderen Deutschen auch passieren könnte, politisch wichtig? Welchen Auswahlkriterien folgen Medien und Kanzlerin, um ihre Anteilnahme zu demonstrieren? Es gibt ganz offenbar den Aufmerksamkeitsadel, dem sich auch die demokratisch legitimierte Politik meint, unterwerfen zu müssen, und das gewöhnliche Volk, das zwar Souverän ist, aber als Individuen keine Aufmerksamkeit findet und im Dunklen lebt und stirbt.

Klar, Schumacher wird zu einem kollektiven Stellvertreter, der als Prominenter "herausgehoben" ist und dessen Schicksal deswegen vielen bekannt ist. Man kann an solchen Prominenten mithin Fragen behandeln, die jeden betreffen, die aber nie ins Licht der Aufmerksamkeit treten werden, egal wie schlimm ihr Schicksal ist, sofern sie nicht eine spektakuläre finale Aufmerksamkeitstat inszenieren, beispielsweise einen Amoklauf, der viele Menschen mit in den Tod reißt. Nicht nur die Vermögensverteilung ist ungerecht, sondern auch die der Aufmerksamkeit. Beides hängt oft zusammen: Wer Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann und prominent ist, ist normalerweise auch relativ wohlhabend.

Schumi ist also ein Prominenter und erleidet einen Unfall, weil er sich riskant verhalten hat. Dass sein Schicksal nicht am Ende der Nachrichten verhandelt wird, sondern eben ganz prominent am Anfang, ist eine Entscheidung der Verantwortlichen - ebenso wie Merkel und Co. meinen, sie müssten sich äußern, um beim Volk gut anzukommen, das angeblich für Schumi mitfiebert. Es geht nicht um die Person und ihr Schicksal, sondern darum, die Aufmerksamkeit für sich auszubeuten. Und es ist schwierig, dieser Spirale zu entkommen, selbst wenn man Kritik übt und peinlich von dieser aufdringlichen Schamlosigkeit berührt ist, die sich als Teilnahme gibt.

Was soll ich sagen? Mich ekelt das an. So genau kann ich meinen Widerwillen gegen diesen Prominentenkult nicht artikulieren, der aber zynisch gegenüber dem Schicksal der Meisten und zudem falsch ist. Warum spielen alle mit und wollen profitieren? Weil Aufmerksamkeit bzw. Prominenz Aufmerksamkeit bzw. Prominenz erzeugt? Finden hier memetische Infektionen statt? Sind wir noch nicht weit im Aufklärungs- und Demokratisierungsprozess gekommen? Oder ist es einfach so, dass jeder, der irgendwie prominent wird, auch eine höhere Anteilnahme erfährt, so unproduktiv und unsinnig seine "Leistungen" auch sind?

Im Fall von Schumi geht es darum, ein bisschen schneller als Andere eine Strecke abzufahren. Dreht sich darum das Leben, während die Tätigkeiten der Massen, bei denen es um Erfüllung der Aufgaben, aber nicht um Hundertstelsekunden beim Rasen im Kreis geht, völlig belanglos sind? Das mag so sein, das soll aber nicht so sein. Moralisch. Gerecht. Aber wen kümmert das schon? Oder sind die Prominenten, wenn sie denn scheitern, auch die Sündenböcke, die dann büßen müssen, weil sie es immer gehabt haben? Ehrlich ist da kaum jemand. Für mich ist Schumacher jedenfalls eigentlich kein wichtigerer Mensch als jeder andere. Aber ich schreibe auch nicht über die Unfälle von zahllosen ungenannten Anderen.

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