Besser lernen ohne Schule?

02.01.2014

Freilerner, Unschooler und Homeschooler - eine kleine Gruppe von Schulpflichtgegnern verweigert sich dem Bildungssystem der Bundesrepublik

Wer nicht zur Schule geht, bleibt dumm: Was für die meisten eine Binsenweisheit ist, sieht eine kleine Gruppe von Schulpflicht-Gegnern vollkommen anders. Sie sind überzeugt: Ohne Schule lernt es sich sogar besser. Und sie nehmen ihre Bildung selbst in die Hand - und Ärger mit den Behörden wegen des Verstoßes gegen die Schulpflicht billigend in Kauf. Zwar organisiert sich die Szene in Deutschland immer stärker, wie groß sie genau ist, weiß jedoch keiner.

Von Montag bis Freitag jeden Morgen in die Schule aufzubrechen: Für die meisten Kinder und Jugendlichen in Deutschland ist das Alltag. Und obwohl manche von ihnen eher ungern die Schulbank drücken - einfach zu Hause bleiben scheint dann doch keine Option zu sein: ohne Schule kein Abschluss, ohne Abschluss keine Arbeit, ohne Arbeit Hartz IV. Diese düsteren Aussichten treiben die Schülerinnen und Schüler dann doch allmorgendlich in den Unterricht.

Doch von der Allgemeinheit kaum beachtet, verweigert sich eine kleine Gruppe von Schulpflichtgegnern dem Bildungssystem der Bundesrepublik. Gemeint sind damit nicht die klassischen Schulschwänzer, sondern Freilerner, Unschooler und Homeschooler. Wie viele es davon in Deutschland gibt, ist unklar. Obwohl sich die Szene mehr und mehr organisiert, können selbst Insider nur spekulieren, wie viele Jugendliche trotz Schulpflicht lieber zu Hause lernen.

Der Grund ist denkbar einfach: viele Familien leben versteckt, führen teilweise ein Leben wie im Untergrund, nur um keine Probleme mit den Behörden zu bekommen. Aufgrund der Angst, entdeckt zu werden, nehmen sie mit Gleichgesinnten teilweise erst nach Jahren Kontakt auf.

Stundenplan beim Schulfrei-Festival. Foto: Silvio Duwe

Trotzdem ist die Szene nicht vollständig abgeschirmt. So fand im September in Westfeld bei Hildesheim das Schulfrei-Festival statt. Organisiert wurde es von Karen Kern, einer ehemaligen Grund- und Hauptschullehrerin, die mittlerweile seit einem Jahrzehnt Kinder und Jugendliche unterstützt, die ohne Schule lernen wollen. Die Gründe, warum sich Kinder und ihre Eltern gegen die Schule entscheiden, seien vielfältig, berichtet sie:

Das kann sein, dass die Kinder in der Schule nicht zurecht kommen. Sei es im sozialen Bereich, sei es, dass sie vom Lernen her nicht mitkommen oder über- oder unterfordert sind. Sei es, dass sie irgendwelche Diagnosen haben wie Asperger oder ähnliches.

Kern gehört zu den wichtigsten Köpfen der deutschen Freilerner-Szene und leitet die deutsche Sektion der Clonlara-Schule - eine Schule ohne Klassenzimmer, ohne festen Lehrplan und ohne anerkannte Abschlussprüfungen. Oberstes Leitbild der Freilerner ist es, den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, selbst zu bestimmen was, wann und wie sie etwas lernen wollen.

Im Vordergrund steht nicht, ein von außen gesetztes Ziel bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erreichen - Differenatialrechnung zu beherrschen oder das Abitur zu schaffen beispielsweise. Stattdessen sollen die "Schüler" Zeit haben, eigene Interessen zu entwickeln, ihre Begabungen zu entdecken und daraus ihren eigenen Bildungsweg zu entwickeln. Wer sich dann für einen bestimmten Beruf, eine Ausbildung oder ein Studium interessiert, wird motiviert von sich aus die nötigen Dinge lernen, um das selbst gesteckte Ziel zu erreichen, so die Philosophie.

Der Weg zum Schulabschluss

Die Schulpflicht erfüllen Schüler der Clonlara-Schule nicht. Auch kann die Schule keine in Deutschland anerkannten Abschlüsse vergeben. Wer die Anforderungen erfüllt, kann aber ein Zeugnis bekommen, welches ein Studium in den USA ermöglicht. Ein Teil der Clonlara-Schüler in Deutschland hat sich für diesen Weg entschieden. Doch selbst wer nie eine staatlich anerkannte Schule besucht hat, kann am Ende einen anerkannten deutschen Schulabschluss erwerben.

Schulfrei-Festival. Foto: Silvio Duwe

Über so genannte Externen- oder Schulfremdenprüfungen, die einmal jährlich stattfinden, können sie einen Haupt-, oder Realschulabschluss, aber auch das Abitur ablegen, um sich damit auf einen Ausbildungs- oder Studienplatz zu bewerben. Auch auf diesem Weg bietet die Clonlara-Schule Hilfe an.

Allerdings ist dieser Weg zum Schulabschluss teurer als an einer staatlichen Schule: 165 Euro kostet allein die Anmeldung bei Clonlara, hinzu kommen Jahresgebühren von mindestens 625 Euro und je nach Bedarf weitere Gebühren, etwa für die Anmeldung zum High School-Abschluss Schulmaterialien müssen zusätzlich gekauft werden.

Problem Schulpflicht

Zu den größten Problemen, vor denen die Schulverweigerer stehen, gehört die Schulpflicht. Wer sich unter den Teilnehmern des Schulfrei-Festivals umhört, stellt aber auch fest: Nicht immer gehen die Behörden mit aller Konsequenz gegen Familien vor, die ihre Kinder aus Überzeugung nicht in die Schule schicken. Teilweise treffen sie auf verständnisvolle Beamte, mit denen sie einen Kompromiss schließen können, so dass die Ämter auf Bußgelder und andere Zwangsmaßnahmen verzichten.

Doch nicht jeder schafft es, sich mit den Behörden zu einigen. Manche Familien wollen den potentiellen Problemen von vornherein entgehen und ziehen ins Ausland, sobald sie sich gegen die Schule entschieden haben. Denn zahlreiche Länder in Europa kennen keine Schulpflicht und gestatten ganz regulär, Kinder auch außerhalb von staatlich anerkannten Einrichtungen zu beschulen.

Länder wie Österreich, Frankreich und Großbritannien sind beliebte Ziele für deutsche Schulverweigerer. Die Regeln, die dabei einzuhalten sind, unterscheiden sich von Land zu Land und sind mal mehr, mal weniger restriktiv.

So müssen Kinder, die nicht zur Schule gehen, in Österreich einmal jährlich eine Prüfung ablegen, bei der sie nachweisen müssen, dass sie über den gleichen Kenntnisstand verfügen wie die Kinder in ihrem Schuljahrgang. Schaffen sie die Prüfung nicht, so müssen sie das Schuljahr an einer regulären Schule wiederholen. Bestehen sie das Schuljahr dann, dürfen sie wieder zu Hause lernen.

In Frankreich erhalten Heimschüler in regelmäßigen Abständen Besuch von den Behörden - das soll sicherstellen, dass die Kinder und Jugendlichen tatsächlich Lernfortschritte machen. In Großbritannien dagegen sind die Kontrollen eher schwach: Eltern müssen den Behörden nicht einmal mitteilen, dass sie sich gegen eine staatlich anerkannte Schule entschieden haben. Entsprechend schwach fallen die Kontrollen aus.

Tricks

Um der deutschen Schulpflicht, die von Freilernern und Homeschoolern als Zwang gesehen wird, zu umgehen, greifen viele der Schulrebellen zu Tricks: Immer wieder schaffen es die Familien, die Behörden zu täuschen, indem sie ihren Hauptwohnsitz ins Ausland verlagern - ohne wirklich umzuziehen.

Karen Kern. Foto: Silvio Duwe

Formal sind die Kinder dann in der neuen Heimat schulpflichtig, und die deutschen Ämter haben keine Möglichkeit mehr, gegen die Schulverweigerer vorzugehen. Teilweise pendeln die Familien aber auch tatsächlich zwischen Frankreich, Österreich oder der Schweiz und Deutschland.

Wieder andere Familien bleiben in Deutschland und führen ein Doppelleben, um den Erwartungen von Bekannten und Behörden zu entsprechen. Helge berichtet auf dem Schulfrei-Festival von seiner Zeit als Freilerner:

Wir haben es halt auch angesichts der rechtlichen Situation heimlich gemacht und waren dann auch immer vormittags für die Öffentlichkeit nicht zu sehen. Wir haben auch uns sehr nahe stehenden Personen gesagt, dass wir zur Schule gehen. Und um so genauer die gefragt haben, um so genauer habe ich denen meinen Schulalltag erklärt. Und das war einfach der Punkt, wo wir gesagt haben, das ist der Preis, den wir zu zahlen haben.

Lernalltag

Auch der Lernalltag der Kinder und Jugendlichen unterscheidet sich stark. Da sind einerseits die Homeschooler, die versuchen, den Schulalltag in den eigenen vier Wänden abzubilden. Homeschooler haben einen Stundenplan und feste Unterrichtszeiten, die Eltern übernehmen die Rolle des Lehrers. Vor allem streng religiöse Familien, die mit den Lehrinhalten an den regulären Schulen unzufrieden sind, entscheiden sich für diese Form des Lernens.

Auf der anderen Seite stehen Freilerner und Unschooler. Für sie ist Lernen ein natürlicher Prozess, der im Leben quasi nebenbei abläuft. Sie vertrauen auf die Neugier des Menschen - und seinen Drang, sich die Dinge selbst beizubringen, die er braucht und interessant findet. In die Gruppe der Freilerner gehört Laura - sie hat nie eine Schule besucht.

Also bei mir persönlich war es so, dass ich mir tatsächlich sehr viel ganz frei und selber ausgesucht habe und gemacht habe was ich wollte. Es gab ab und an mal Phasen, wo wir zum Beispiel gesagt haben, ein Tag in der Woche ist Schultag, Lerntag, und da haben wir dann irgendwelche Sachen gemacht.

Aber das waren sehr geringe Phasen wo das wirklich so strukturiert war. Und ab und an habe ich mit großer Begeisterung Schulbücher durchgelesen oder Arbeitshefte durchgearbeitet oder so. Aber das sind Phasen von 1 oder 2 Wochen gewesen.

Heute arbeitet sie freiberuflich als Grafikdesignerin. Und widerlegt damit das Vorurteil, dass man ohne Schulabschluss auf der Straße steht.

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