Der Papst und der Homo-Hass

06.01.2014

Als verwundetes, reuevolles Opfer mit schlechtem Gewissen, das auf Mitleid und Barmherzigkeit wartet, kann der Papst die Homosexuellen akzeptieren. Wo sie aber schlicht gleiche Rechte wie Heterosexuelle fordern, zeigt sich der oberste Katholik als unnachgiebiger Hardliner

"Fortiter in re, suaviter in modo" war die Devise, die Claudio Aquaviva, einer der berühmtesten Jesuiten in der Gegenreformation ausgab. "Hart in der Sache, aber milde im Ton" könnte man das übersetzen. Mit diesem Motto ist man auch zugleich mitten in dem Dilemma, vor das uns der erste Jesuit auf dem Stuhl Petri stellt, besonders deutlich mit seinen großen Interviews für die Medien - und nun durch eine bekannt gewordene Aussprache mit dem Weihbischof von Malta, in der er die Homo-Ehe als "anthropologischen Rückschritt" bezeichnet.

Die Milde im Ton, in der Art und Weise der Vermittlung ist es, die die Medien bislang fast geschlossen zum Papstjubel motivierte. Dies geht so weit, dass Ende des vergangenen Jahres Advocate, das weltweit bekannteste Magazin für schwule Männer, Papst Franziskus wegen seiner liberalen Haltung gegenüber Homosexuellen gar zur Persönlichkeit des Jahres ernannte.

Eigentlich hatte man sich unter Benedikt schon an paranoide Homophobie sowie Diskriminierung von Frauen gewöhnt. Zu selbstverständlich geworden war die stolze Zurückweisung von allem, was nichts ins benediktinische Konzept einer Kirche als Weihrauch schwangerer, heiliger und konservativer Restherde passte. Und nun erleben wir atmosphärisch einen regelrechten Quantensprung.

Franziskus weiß um diese revolutionäre Änderung des Tons. Seine Warnung, sich nicht zu sehr auf Einzelheiten, wie etwa die Homosexualität oder Abtreibung, einzuschießen, ist eine Kritik an seinem Vorgänger, die treffender und härter nicht hätte ausfallen können.

Wäre der Katholizismus nur ein Gefühl, könnte man es getrost bei dieser Euphorie belassen. Die milde Methode der Jesuiten hatte aber von jeher das Ziel, letztlich die Sache schmackhaft zu machen und so durchzusetzen. Und die Catholica konstruiert sich fundamental aus einer Doktrin, die das Leben und die Kirchenpolitik ganz konkret bestimmen.

Bei der Doktrin jedoch zeigt Franziskus keinerlei Mut zur Veränderung. Wo es konkret wird, weicht er aus, stellt Gegenfragen, bleibt im Vieldeutigen von Bildern. Was bedeutet es schon, wenn Maria über den Bischöfen steht, die konkrete Rolle der Frau in der Kirche aber im Wesentlichen unverändert bleibt? Was haben Homosexuelle davon, wenn sie in ihrer Existenz als Menschen und Gläubige toleriert werden, diese Veranlagung aber nicht ausleben dürfen, ihre Selbstverwirklichung "Sünde", ja eine "soziale Wunde" am Leib der Kirche bleibt?

Dennoch kann man die Position des Jesuitenpapstes sehr schön zwischen den Zeilen erkennen. Wo es um die harten Inhalte geht, bleibt Franziskus ganz ein "Sohn der Kirche", hat nur die traditionellen Lösungen berat. Auch hier verblüfft wieder die Nähe zu Kardinal Aquaviva. Dessen "suaviter in modo" stammt aus dem Werk mit dem bezeichnenden Titel "Bestrebungen zur Heilung der kranken Seelen". Franziskus nimmt den Titel indirekt wieder auf, indem er die Gesellschaft als ein großes Schlachtfeld sieht, voll mit verwundeten Seelen. Die Kirche wird in dieser durch und durch antimodernen Vision zum "Feldlazarett". Die Rolle der Krankenschwestern nehmen die Kleriker ein, die im Beichtstuhl auf die reuigen Sünder warten um sie zu heilen.

Genau hier sieht Franziskus letztlich auch den Ort für jene Homosexuellen, die sich durch Ausleben ihrer Sexualität versündigt haben. Wenn sie wirklich bereuen und Besserung anzielen, wird ihnen dort die Barmherzigkeit der Kirche zuteil. Als verwundetes, reuevolles Opfer mit schlechtem Gewissen, das auf Mitleid und Barmherzigkeit wartet, kann man den Homosexuellen akzeptieren. Ob sich Franziskus darüber im Klaren ist, dass diese Wunden ganz wesentlich erst durch die kirchliche Dämonisierung von Homosexualität entstanden sind?

Ein Feldlazarett braucht nicht nur nette Krankenschwestern, sondern auch schon mal einen Arzt, der beherzt zum Skalpell greift. Das wird dann nötig, wenn Homosexuelle selbstbewusst auftreten und Gleichberechtigung fordern. So hat der Vatikan, in der Person des Kurienkardinals Coccopalmerio fast zeitgleich mit dem als liberale Wende gefeierten Interview des Papstes für die Jesuitenzeitschriften ein klares kirchenpolitisches Signal ausgesendet. Anlässlich einer Konferenz am Heiligen Stuhl ließ er die Öffentlichkeit wissen, dass es in Europa keine Gesetze gegen Homophobie geben dürfen. Homosexualität sei objektiv böse und das müsse man auch ganz klar zeigen dürfen. Aber auch Papst Franziskus hat noch im Juni vergangenen Jahres die französische Regierung aufgefordert, die Einführung der Homo-Ehe wieder rückgängig zu machen.

So schnell zerfallen die netten Kulissen des "suaviter modo" und der Blick wird frei auf die harten Realitäten. Der dogmatische Homo-Hass scheint eine dieser unverzichtbaren römisch-katholischen Fakten zu sein.

Der habilitierte Theologe David Berger ist Autor des Buches "Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche" (Berlin 8.Auflage 2013) und Chefredakteur des Livestylemagazins Männer.

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