Gegen den Strom

07.01.2014

Wie Handelsketten auch mit fairen Löhnen guten Profit machen

In den USA machen sich Firmen-Chefs für höhere Löhne stark und in Großbritannien generiert ein Genossenschafts-Modell hervorragende Umsätze.

Im Handel ist in den letzten Jahren kein Stein auf dem anderen geblieben. Vor allem die Möglichkeiten des Online-Shoppings haben traditionellen Händlern zugesetzt. Insbesondere Amazon ließ im vergangenen Jahr mit seinen "steuerschonenden" Praktiken und dem aktuellen Tarifkonflikt in Deutschland aufhorchen. Während es an den deutschen Amazon-Standorten in der Belegschaft weiterhin rumort, macht sich ausgerechnet im Mutterland des Konzerns, in den USA, eine Gruppe von Unternehmern seit geraumer Zeit für bessere Löhne stark. Sie vertreten einen Unternehmergeist, der sich nicht ausschließlich am Shareholder-Value orientiert. Zu den Befürwortern der Anhebung des Mindestlohns von derzeit 7,25 US-Dollar auf zumindest über zehn US-Dollar pro Stunde zählt Craig Jelinek, CEO der Handelskette Costco.

Costco Wholesale mit dem Hauptsitz in Issaquah bei Seattle ist im NASDAQ-100 gelistet und betreibt inzwischen weltweit 648 Filialen. Die meisten davon in den USA. Das Unternehmen eröffnete 1983 seinen ersten Selbstbedienungsmarkt und beschäftigte heute rund 185.000 Mitarbeiter. Das Geschäftskonzept basiert auf dem Einkauf von großen Waren-Kontingenten. Costco-Members (derzeit etwa 71 Millionen) zahlen jährlich eine Mitgliedsgebühr (derzeit 55 US Dollar) und können dann nahezu zu Großhandelspreisen einkaufen. Von Zahnpasta über Nudeln und Fernseher bietet Costco seinen Mitgliedern Waren aller Art.

Bei den Konsumenten punktet die Handelskette vor allem aufgrund der günstigen Preise. Doch wer meint, niedrige Preise würden automatisch schlechte Arbeitsbedingungen bedeuten, irrt in diesem Fall. Im Gegenteil: Costco ist stolz darauf, überdurchschnittlich gut zu bezahlen. Das Durchschnittsgehalt beträgt über 20 US-Dollar pro Stunde, berichtet das Wirtschaftsmagazin Bloomberg Businessweek. Im Vergleich dazu zahle der Branchenriese Walmart im Schnitt lediglich 12,67 US-Dollar pro Stunde.

Die Einstiegsgehälter bewegen sich im US-Handel und in der Gastronomie oft nur um die gesetzlich vorgeschriebene Mindestmarke von 7,25 Dollar pro Stunde. Auch hier sticht Costco mit einem Einstiegsgehalt von mindestens 11,50 Dollar hervor. Hinzu kommen Zuschüsse für Krankenversicherungen und für amerikanische Verhältnisse überdurchschnittlich viele Urlaubstage. Ein Angestellter bringt es bei Costco durchschnittlich auf 40.000 US-Dollar im Jahr. Trotz der überdurchschnittlich guten Gagen für die Mitarbeiter steigerte Costco sogar in den Jahren der Wirtschaftskrise seine Gewinne.

Mit vernünftigen Gehältern würde man Mitarbeiter motivieren und langfristig halten können. Geringe Fluktuation wiederum würde einem Unternehmen auch finanziell zugute kommen, zumal Akquise-Kosten gespart werden könnten, zeigt sich CEO Craig Jelinek von der Costco-Mitarbeiter-Politik überzeugt:

At Costco, we know that paying employees good wages makes good sense for business. We pay a starting hourly wage of $11.50 in all states where we do business, and we are still able to keep our overhead costs low. An important reason for the success of Costco’s business model is the attraction and retention of great employees. Instead of minimizing wages, we know it’s a lot more profitable in the long term to minimize employee turnover and maximize employee productivity, commitment and loyalty. We support efforts to increase the federal minimum wage.

Unternehmen für einen fairen Mindestlohn

Jelinek steht mit seiner Meinung indes nicht alleine da. Inzwischen haben sich zahlreiche Unternehmer einer Wirtschaftsinitiative angeschlossen, die sich für die Erhöhung der Mindestlöhne in den USA einsetzt. Auf der Website Business For a Fair Minimum Wage finden sich zahlreiche andere Statements von Firmenchefs , mehrheitlich aus dem Handelssegment. Dass darunter auch zahlreiche kleinere Unternehmer sind, verwundert kaum. Gerade die "small business owner" kommen durch die Niedriglohnpolitik diverser Konzerne häufig unter Druck und haben dabei oft einen persönlicheren Bezug zu ihren Angestellten als das Management von großen Ketten. "Manche Firmen zahlen ihren Mitarbeitern so wenig, dass diese kaum davon leben können", sagt etwa Brian England von Britisch American Auto Care.

"Business for a Fair Minimum Wage"-Director Holly Sklar bringt in seinem Statement durchaus handfeste Interessen des Handels an höheren Löhnen ins Spiel. Wer mit seinem Lohn kaum überleben kann, bringt auch wenig in Umlauf, was dem Handel und sonstigen Dienstleistern direkt schadet. Das Hauptproblem sei die mangelnde Kaufkraft der Massen:

The biggest problem for Main Street businesses is lack of customer demand. Minimum wage increases have been so little and so late that workers making the current $7.25 an hour – just $15,080 a year — have less buying power than minimum wage workers in 1956, and far less than they had at the minimum wage’s $10.59 high point in 1968, adjusted for inflation. Corporate profits are at their highest since 1950, as a percentage of national income, while the share going to employees is near its low point. We can’t build a strong economy on a falling wage floor.

Unterstützung von Ökonomen

Dass sich hier eine recht vitale Bewegung formiert, dürfte auf politischer Seite auch mit dem Aktivisten und Verbraucherschutzanwalt Ralph Nader zu tun haben. Mit zahlreichen Briefen an Unternehmen (darunter auch Costco) macht er bereits seit einigen Jahren für die Anhebung des Mindestlohns mobil.

Auf Naders Kampagnenseite Time For A Raise findet sich eine Unterstützungserklärung von über hundert Ökonomen, die eine Anhebung auf 10,5 Dollar befürworten. Eine Erhöhung würde ihren Berechnungen zufolge eine Verbesserung des Lebens für Menschen im Niedriglohnsektor bedeuten, während die Kosten für die übrigen gesellschaftlichen Gruppen minimal wären. Sie widersprechen damit den Gegnern, darunter beispielsweise der Fastfoodkette Subway:

Moreover, the overwhelming factor determining employment opportunities for low-wage workers is macroeconomic conditions—whether the economy is growing or in a recession. Thus, in 1968, when the U.S. minimum wage reached $10.65 in real dollars, the overall unemployment rate was 3.6 percent. By contrast, during the depths of the 1982 recession, the real value of the minimum wage had fallen to $8.05 while unemployment peaked at 10.8 percent. In short, the "Catching Up to 1968 Act" will be an effective means of improving living standards for low-wage workers and their families and will help stabilize the economy. The costs to other groups in society will be modest and readily absorbed.

Innovation, Erfolg und Fairness in Großbritannien

Abgesehen von diesen ökonomischen und politischen Implikationen, kristallisieren sich gerade im Handel einige Beispiele heraus, die Kreativität, soziale Verantwortung und wirtschaftlichen Erfolg vereinen. Bloomberg zufolge hat sich der Börsenwert von Costco seit 2009 verdoppelt.

In Großbritannien verzeichnet ein genossenschaftlich ausgerichtetes Handelshaus gute Gewinne. Die Kette John Lewis setzte in den vergangenen Jahren auf einen Mix aus realem Einkaufserlebnis und Online-Shopping. In den Kaufhäusern stehen Touchscreens, die dem Käufer den Weg zu einem Produkt weisen oder Alternativen vorschlagen und immer wieder auf die Möglichkeit des Online-Shoppings hinweisen. Die smarte Sales-Strategie hat sich bezahlt gemacht. Während Mitbewerber über die Konkurrenz von Amazon klagen, konnte John Lewis die Gewinne in den letzten beiden Jahren steigern. Auch im diesjährigen Weihnachtsgeschäft hatte John Lewis aufgrund der Online-Strategie die Nase vorn, was dem Independent eine ausführliche Geschichte wert war.

Bemerkenswert ist, dass das 1864 gegründete Traditionshaus John Lewis eine "Partnership" ist und im Grunde genommen den rund 38.000 Mitarbeitern gehört. Ein Großteil der Entscheidungen wird in Ausschüssen getroffen, sogar wie viel der Chef verdienen darf. Respektvoller Umgang sei dadurch gegeben, wird eine Mitarbeiterin im Handelsblatt zitiert.

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