Rasterfahndung aus dem Weltraum wird zur Routine

07.01.2014

EADS, die Fraunhofer-Gesellschaft und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt forschen in EU-Projekten zur Erkennung und Verfolgung verdächtiger Schiffe mit Migranten

Mehrere deutsche Institute und Firmen entwickeln Anwendungen zum satellitengestützten Tracking von Küstengebieten und Schiffen. Die Projekte werden von der Europäischen Union finanziert und sollen die Abwehr unerwünschter Migration unterstützen. Alle Ergebnisse der Aufklärung aus dem All werden nun dem EU-Satellitenzentrum EUSC sowie der Grenzagentur FRONTEX übermittelt und von dort an die nationalen Kontrollzentren der angeschlossenen Mitgliedstaaten weitergereicht.

Frontex Situation Centre. Bild: Frontex

Seit vergangenem Dezember hat die EU ihr Überwachungssystem EUROSUR in Betrieb genommen, das maßgeblich auf der Satellitenaufklärung beruht. Entsprechende Dienste werden im Programm "Global Monitoring for Environment and Security" (GMES) bereitgestellt (Grenzschutz mit Satellitenüberwachung). GMES basiert auf optischen sowie hochauflösenden Radarsatelliten, die von der EU ins All geschossen werden. Bilder werden auch von kommerziellen Diensten hinzugekauft. Mittlerweile ist GMES in "Copernicus" umbenannt worden.

Eines der neueren Forschungsprojekte zur Weiterentwicklung von "Copernicus" trägt den Namen "Services Activations For Growing EUROSUR's Success" (SAGRES). Ziel ist die Detektion von Schiffen auf hoher See, aber auch das Aufspüren möglicher Orte, von denen die Migranten in See stechen. So soll ermöglicht werden, die Wasserfahrzeuge über Hunderte Kilometer zu verfolgen und etwa einen Alarm auszugeben, wenn diese bestimmte Kriterien erfüllen oder ein "abnormales Verhalten" aufweisen. Hierzu gehört beispielsweise eine bestimmte Größe, das Ab- oder Anlegen fernab von Häfen oder eine geringe Geschwindigkeit.

Auch die NATO forscht mit

SAGRES startete vor einem Jahr und hat eine Laufzeit von 24 Monaten. Das Vorhaben wird von der spanischen Firma GMV angeführt, die Raumfahrt- und Militärtechnologie vertreibt. Zu den Partnern gehören mehrere Unternehmen des Airbus-Konzerns (früher EADS), die auf Satelliten-Technologien spezialisiert sind und in Deutschland, Spanien oder Griechenland ansässig sind. Im Bereich der Forschung arbeitet das FKIE-Institut der Fraunhofer-Gesellschaft mit. Unklar ist aber woran geforscht wird: Auf seiner Webseite schweigt sich das FKIE über seine Teilnahme an SAGRES aus.

Auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist beteiligt. Das Zentrum entwickelt laut dem Bundesinnenministerium Algorithmen und optimiert "prä-operationelle Systemketten". Unklar ist, welche Abteilung des DLR in SAGRES forscht. Es dürfte sich aber um das Zentrum für Satellitengestützte Kriseninformation (ZKI) handeln, das selbst an zahlreichen ähnlichen Vorhaben beteiligt ist und bereits beim G8-Gipfel in Heiligendamm Erfahrungen sammeln konnte (Libyen-Krieg mit Satellitenaufklärung aus Neustrelitz).

Selbst militärische Kapazitäten sollen in SAGRES eingebunden werden. Hierfür ist beispielsweise das NATO-Unterwasser-Forschungszentrum, das auf Wasserschall spezialisiert ist. Als Endnutzer fungieren die Grenzbehörden Portugals und Spaniens. Beide unterstehen als Gendarmerie dem Militär, übernehmen aber polizeiliche Aufgaben im Innern. Zwar gehört dies nicht zu den offiziellen Kernzielen von SAGRES, doch scheint auch die Nutzung der Satelliten für die militärische Aufklärung beforscht zu werden: Bilder auf der Projektwebseite zeigen "interessante Ziele" weit über das Mittelmeer hinaus, darunter vor Somalia, Indien oder dem Iran.

Deutsche Knotenpunkte von EUROSUR in Potsdam, Bad Bramstedt und Cuxhaven

Als besonderes Feature von SAGRES gilt die Einbindung gleich mehrerer Sensoren ("merging multi-source"). Hierzu gehören nicht nur verschiedene Typen von Satelliten, sondern auch private Unternehmen. Mehrere Anbieter von kommerziellen Satellitenbildern sind deshalb ebenfalls an Bord des EU-Projekts.

Zu den weiteren Zielen gehört die Illustration von Möglichkeiten der Satellitentechnologie sowie die Entwicklung und Weiterbildung entsprechender Kapazitäten. Schon lange vor dem Start von EUROSUR hatte die EU ähnliche Forschungen finanziert, auf denen nun aufgebaut wird. Das gilt auch für das Programm LOBOS, das zeitgleich mit SAGRES gestartet war und teilweise von den gleichen Instituten bzw. Firmen betrieben wird. Während SAGRES eher technisch ausgerichtet ist, soll LOBOS Szenarien zur Nutzung der EU-Satelliten entwickeln und diese zur Überwachung von Grenzen optimieren. Auch der deutsche Rüstungsdienstleister IABG mbH ist an Bord, angeführt wird das Projekt vom EADS-Ableger Astrium.

SAGRES und LOBOS waren noch im Rahmen des 7. EU-Forschungsrahmenprogramms gestartet. Mittlerweile hat die EU das neue Programm "Horizon 2020" gestartet. Wieder sind mehrere Projekte zur Satellitenaufklärung und ihrer polizeilichen Nutzung geplant, darunter auch für EUROSUR. Zwar gilt Grenzüberwachungssystem als "System der Systeme", womit die nationalen Plattformen der Mitgliedstaaten gemeint sind. Jedoch wird EUROSUR selbst in einen noch größeren Aufklärungsverbund integriert: Das sogenannte "European Situational Picture", das dem Europäischen Auswärtigen Dienst mit nötigen Erkenntnissen versorgen soll (EU auf dem Weg zur "maßgebenden Weltraummacht").

Bereits jetzt ist die Bundespolizei in der "Baltic Sea Region Border Control Cooperation" tätig. Der Kooperationsverbund wurde zur Überwachung der Ostsee eingerichtet, alle Anrainerstaaten sind beteiligt. Norwegen und Island verfügen über einen Beobachterstatus. Deutschland wird wie einige andere EU-Mitgliedstaaten aber erst im Dezember 2014 an EUROSUR angeschlossen. Das deutsche nationale Koordinierungszentrum wird dann im Lage- und Führungsdienst des Bundespolizeipräsidiums in Potsdam eingerichtet. Für die Seeaußengrenzenüberwachung in der Nord- und Ostsee ist aber die Bundespolizeidirektion Bad Bramstedt und das Gemeinsame Lagezentrum See (GLZ See) in Cuxhaven zuständig.

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