Digitale Währungen

14.01.2014

Lasst tausend Coins blühen

Über Weihnachten wurden einige Millionen "Dogecoins" entwendet, eine neue Art digitales Geld. Mittlerweile kann jeder zu Hause eine eigene Bank gründen: Dafür muss man nur den frei verfügbaren Quellcode für Bitcoins bzw. Litecoins leicht anpassen. Inzwischen tummeln sich bis zu 60 verschiedene digitale Währungen auf den Internet-Marktplätzen.

Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?

Bertolt Brecht

Der libertäre Traum

Mit der Kindheit der Bitcoins und ähnlichen digitalen Währungen ist es bühnengerecht vorbei. Wenn das Internet die neue elektronische Frontier sein soll, eine unendliche Weite, die noch zu entdecken und zu erobern ist, schaut es jedoch mittlerweile dort aus wie in Tombstone, Arizona, d.h. wie im damaligen amerikanischen Westen mit dessen prominenten Outlaws.

Bitcoin-Markenlogo

Als der sagenumwobene Satoshi Nakamoto die Bitcoins ins Leben rief, konnte man noch die volle Karre der libertären Träume auffahren: Geld sollte nicht von Banken und noch weniger von Zentralbanken kontrolliert werden. Geld sollte wieder "the people" gehören. Das vereinte Volk sollte sich erheben und eine eigene Währung ins Leben rufen. Geld sollte nicht der Bereicherung von Wenigen dienen, sondern einfach den Warenaustausch vereinfachen und anonymisieren.

Die Realität sieht heute anders aus. Bitcoins sind zum Spekulationsmittel verkommen. Die Besitzer halten sie fest, benutzen sie nicht, weil sie vielleicht morgen mehr wert sein könnten. Man versucht, sie durch den Besuch von Bitcoin-Kasinos zu vermehren. Mittlerweile ist die Konzentration der Bitcoins in wenigen Händen so weit fortgeschritten, dass 47 Personen 3,5 Millionen Bitcoins besitzen, d.h. fast 28% des nominellen Bitcoin-Reichtums. Satoshi Nakamoto selbst gehören angeblich eine Million Bitcoins, womit sein "Portfolio" gegenwärtig 860 Millionen Dollar wert wäre. Die im Dezember 2013 ermittelte Konzentration der Bitcoins ist:

PersonenBitcoins
473,5 Millionen
8802,6 Millionen
10.0003,0 Millionen
63.0001,8 Millionen
210.0000,6 Millionen
350.0000,1 Millionen
560.000(unter 0,1 Bitcoins pro Kopf)

Weniger als 1.000 Personen besitzen also fast die Hälfte der Bitcoins, während eine halbe Million sich mit unter 0,1 Bitcoins pro Kopf begnügt. Sogar eine ominöse Transaktion ist vor kurzem aus dem Blockchain ausgegraben worden. Die "Überweisung" verknüpft das Wallet von Satoshi mit Silk Road (der mittlerweile zerschlagene Marktplatz für Drogen und Waffen). Die renommierten Forscher Adi Shamir und Dorit Ron haben die "Überweisung" von 1.000 Bitcoins (60.000 Dollar zu jener Zeit) im Jahr 2009 an den Silk Road Besitzer entdeckt.1 D.h. nur Wochen nach dem Beginn des Bitcoins-Netzes gab es bereits eine überprüfbare Verbindung zwischen Nakamoto und Silk Road.

Bitcoin und die Nachahmer

Der ganze Witz des Bitcoin-Netzes ist, dass die Buchhaltung darüber, wer wem etwas zahlt, nicht von einer Bank, sondern vom gesamten Peer-to-Peer-Netz durchgeführt wird. Es ist, als ob alle Netzteilnehmer in einer großen Runde jede Transaktion beobachten und notieren würden. Die Teilnehmer tragen aber eine Maske in Form ihrer individuellen Nummer, womit die Transaktionen für alle sichtbar, jedoch anonym bleiben. Mittlerweile ist die Datei mit all den Transaktionen und Bitcoindaten (die sogenannte Blockchain) bis auf 13 Gigabyte angewachsen. Es ist unklar, wie viele Personen selbst Bitcoins schürfen, aber nehmen wir an, es wären 100.000. Wenn jeder die Blockchain gespeichert hat, wären es 1,3 Petabytes für die Verwaltung von momentan etwa 12 Millionen Bitcoins.

Der Erfolg der Bitcoins im Jahr 2013 war überwältigend. Bis auf 1.200 Dollar pro Bitcoin ist der Preis im November gestiegen, brach aber in wenigen Tagen auf die Hälfte ein. Immerhin ist aber die "Peer-to-Peer-Bitcoin-Bank" immer noch fast 9 Mrd. Dollar wert. Es sollte also nicht wundern, dass Nachahmer bereits eigene Banken gestartet haben. Litecoin, eine Bitcoin-Variante, die mit schnelleren Bestätigungszeiten pro Transaktion als bei Bitcoins wirbt, hat eine Marktkapitalisierung von gegenwärtig 560 Millionen Dollar. Sogar die "Dogecoins", die als Witz in Australien ins Leben gerufen wurden, und die eine minimale Programmiervariante der Litecoins sind, erreichen mittlerweile eine Marktkapitalisierung von 9 Millionen Dollar. Deshalb: Um eine Bank zu gründen, muss man anscheinend nur a) die Bitcoin-Software ändern und benötigt b) eine Bühne, um die neue digitale Währung schnell zu popularisieren. Für die Dogecoins hat die Reddit-Community die notwendige Plattform geliefert. Der Rest ist Geschichte.

Die Website coinmarketcap.com listet gegenwärtig bis zu 63 digitale Währungen, darunter solche mit Namen wie "Mastercoin" (102 Mio. Dollar Marktwert), "PeerCoin" (89 Mio. Dollar), "WorldCoin", "MegaCoin", "Cryptogenic Bullion", und "Deutsche eMark". Mein Favorit sind allerdings die "Philosopher Stones" mit ihrem Logo (eine Quadratur des Kreises), die bereits einen Marktwert von insgesamt 258.000 Dollar erreicht haben.

Barbaren ante Portas

Paul Krugman klingt in seinen wöchentlichen Beiträgen für die New York Times selten genervt. Über Weihnachten hat er aber die Bitcoins mit einer neuen Art der Barbarei verglichen ("Bits and Barbarism"). Dafür geht er zurück zu Adam Smith, der bereits im 17. Jahrhundert die Golddeckung der Banknoten als unnötig und als Verschwendung bezeichnet hatte.

Gold wird heute weiter abgebaut, dafür wird die Umwelt in Brasilien und sonst wo verseucht, um dann sofort wieder in den Tresoren der Banken vergraben zu werden. Banknoten können aber einfach durch eine Zentralbank ausgegeben und kontrolliert werden, damit das Geld seine Funktion als stabiler Wertmaßstab und als vertrauliches Zahlungsmittel erfüllt. Dafür ist keine Golddeckung notwendig. Eine Währung wie die Bitcoins, die durch artifizielle Knappheit eine Preisdeflation erzwingt (womit die Bitcoins tendenziell wertvoller werden), kann als Tauschmittel nicht funktionieren. Wer wird dieses Geld ausgeben wollen, wenn es angeblich von alleine an Wert gewinnt?

Beispiel für physische Bitcoins. Bild: Casascius / Public Domain

Irrational ist auch, dass die Knappheit durch Ressourcenverschwendung erreicht wird: Dafür wird die Buchhaltung der Bitcoins-Transaktionen künstlich erschwert. Es ist eine Lotterie, bei der die Knoten, die mehr Rechenzeit einbringen, bessere Chancen auf den Erhalt von neuen Bitcoins haben. Es wäre interessant zu wissen, wie viele Megawatts bereits in Bitcoins gesteckt wurden - völlig unnötig.

Es ist aber noch schlimmer mit den neuen Bitcoin- und Litecoin-Klonen. Die taufrischen Währungen werden erst publik gemacht, wenn bereits jemand vorher einige Millionen digitale Münzen für sich selbst geprägt hat. Die jungfräuliche Konvertiten zahlen dann die Zeche: Sie tauschen echtes Geld gegen Spielgeld. So geschieht es mit MegaCoins (die bereits 18 Millionen Dollar wert sein sollen) und anderen verwandten Entwürfen, die eher Pyramidensystemen ähneln.

Wie werden aber solche irrsinnigen Marktkapitalisierungswerte erreicht? Hier ist das Rezept. Es wird eine künstliche Obergrenze für die Anzahl der digitalen Münzen gesetzt, z.B. 15 Millionen. Die Gründer der neuen Währung, die keine großartigen Programmierkenntnisse benötigen, da sie einfach eine schon existierende Währung klonen, erzeugen die ersten Transaktionen und schürfen die ersten 3 Millionen Münzen. Dann wird das Publikum eingeladen, sich am neuen "Investitionsmechanismus" zu beteiligen. Zahlen ein paar Leute einen Dollar für eine solche digitale Münze (da ein Dollar nicht weh tut), ist die Marktkapitalisierung augenblicklich auf 3 Millionen Dollar gestiegen, obwohl die tatsächliche Anzahl der täglichen Transaktionen minimal bleibt. Die theoretische Marktkapitalisierung ist deswegen rein fiktiv: Würden alle Besitzer der neuen Coins versuchen, sie zu realisieren, würde der Wechselkurs ins Bodenlose stürzen. Aus Nichts wird Nichts.

Mit den Bitcoins geschieht etwas Ähnliches. Das geschätzte tägliche Transaktionsvolumen beträgt etwa einhunderttausend Bitcoins (aus 12 Millionen, die vorhanden sind). Das ist weniger als ein Prozent aller Bitcoins. D.h. die meisten Bitcoins sitzen einfach in den Wallets ihrer Besitzer und warten. Nur wenige Bitcoins werden im Vergleich zu den vorhandenen jeden Tag verkauft und gekauft. Das System ist auf den Zufluss von immer neuen neugierigen bzw. naiven Investoren angewiesen. Als die Chinesen mangels Investitionsalternativen bei den Bitcoins eingestiegen sind, ist der Wechselkurs explodiert.

Wenn jemand mit Bitcoins Geld transferieren will, ist der Wechselkurs relativ unwichtig, solange die Transaktionen schnell erfolgen. Man kaufe Bitcoins in China für je 1.000 Dollar pro Bitcoin, transferiere das Geld in die USA, und wenn in 30 Minuten jedes Bitcoin immer noch 950 Dollar bei einem Händler in den USA einbringt, hat sich die Sache gelohnt. Der Verlust hält sich in Grenzen und der momentane Wechselkurs ist für die Gesamttransaktion unerheblich, solange er relativ stabil bleibt (oder sogar ansteigt).

Dasselbe gilt, wenn man im Kasino spielt. Man tausche 100 Euro und wette damit in einem Bitcoin-Kasino. Wenn man verliert, ist das Geld einfach weg. Wenn man das Geld verzehnfacht, kann man wieder umtauschen und schon wieder war der Wechselkurs unerheblich. Für Geldwäsche oder Wetten ist der Wechselkurs praktisch bedeutungslos. Daraus ergibt sich aber die fantastische Marktkapitalisierung der Bitcoins. Anders gesagt: deren Wechselkurs ist mehr ein Produkt des Zufalls als Ausdruck eines echten intrinsischen Wertes. Vielleicht ist der große Verdienst der neuen digitalen Währungen gerade, dass sie diese Logik des schnellen Reichtums aus dem Nichts ad absurdum führen. Jetzt gründet jeder seine Bank im Schlafanzug auf dem Bett liegend.

Jemand hat deswegen bereits die "Ponzicoins" vorgeschlagen, von denen es nur eine gibt, im Besitz des Erfinders. Jeder ist eingeladen einen Teil davon zu kaufen, um schon wieder eine großartige neue digitale Währung zu starten.

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