Wenn die Mama ein Mann ist

14.01.2014

In den USA werden Transgender mit Kinderwünschen als der "nächste Grenzbereich" der Reproduktionsmedizin ausgemacht

Sind konservativ geprägte Zeitgenossen gerade dabei, sich daran zu gewöhnen, dass Kinder mit zwei Mamas oder Pappas aufwachsen - gemeint ist damit nicht die Patchwork-Familie, die sich aus Fragmenten früherer Beziehungen neu zusammengesetzt hat, sondern gleichgeschlechtliche Eltern - so wartet schon die nächste Herausforderung an ihr Weltbild: schwangere Männer, präziser: Transmänner, deren Gebärorgane intakt sind, die mittels künstlicher Befruchtung ein Kind austragen, was im kollektiven Fotoalbum noch zu den Urbildern des Weiblichen gehört. Ein Fall in den USA zeigt, dass mit neuen Möglichkeiten der Medizin Fragen aufkommen, die nicht leicht zu beantworten sind.

Im Fall, den Sarah Elizabeth Richards in der New York Times vorstellt, geht es um einen Trans-Mann, der biologisch ein junges Mädchen war und als junges Mädchen bereits einen Kinderwunsch hatte, den er nicht ablegte. Zwar unternahm er ab dem Alter von 18 Jahren Schritte, um auch äußerlich zum Mann zu werden, Namensänderung, Einnahme von Testosteron und die Entfernung der Brüste, die weiblichen Gebärorgane ließ er jedoch, wie es in dem Bericht heißt, "intakt".

Mit Mitte Zwanzig entschied er, dann dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, er setzte das Testosteron ab und begab sich in eine Klinik für Reproduktionsmedizin. Er wählte sich eine Klinik aus, die bekannt war für ihre offene Haltung - "with an anti-discrimination policy for gender identity" - und wurde abgelehnt, mit der Begründung, dass man dort nicht genügend Erfahrung für die Behandlung mit Transgender-Patienten habe. Eine andere Klinik äußerte diese Bedenken nicht, dank Samenspende und In-vitro-Fertilisation wurde der Transgender-Mann schwanger und gebar später ein Mädchen.

"Anklagepunkt: sexuelle Diskriminierung"

Danach verklagte er die erste Klinik, die seine Behandlung ablehnte. Sein Anklagepunkt: sexuelle Diskriminierung. Die sieht er darin, dass die Klinikleitung von ihm ein Gutachten seines Therapeuten verlangte, wonach er emotional dazu bereit sei, mit der Schwangerschaft und später mit Erziehungsaufgaben zurechtzukommen. Dies würde von anderen Patienten, die nicht Transgender sind, nicht verlangt, so seine Begründung. Die Entscheidung darüber ist nun Sache der Argumentationsstärke der jeweiligen Anwälten, möglicherweise trifft man eine außergerichtliche Übereinkunft.

Diesem Fall dürften noch einige andere folgen, so Sarah Elizabeth Richards,Transgender seien der "nächste Grenzbereich" der Reproduktionsmedizin, behauptet sie mit Blick auf Studien in den USA und in Belgien, die auf einen hohen Anteil (zwischen 40 bis 54 Prozent) von Transgendermännern -und Frauen schließen lassen, die einen Kinderwunsch haben und entsprechende Überlegungen anstellen.

Dazu gehört, wann sie schwanger werden sollen, vor oder nach der Hormontherapie, ob es psychologisch besser ist, Eier vor dem Umwandlungsprozess einfrieren zu lassen und sie später befruchtet von eine Leihmutter austragen zu lassen oder ob man wie beim geschilderten Fall, mit Hormongaben stoppt, ohne allerdings genau zu wissen, wie sich jahrelange Hormongaben auf die Eier auswirken - ähnliche Fragen stellen sich beim Sperma auch. Und, wie im geschilderten Fall, gibt es dann auch die Überlegung, ob es nicht besser ist, die Brüste zu behalten, um das Kind später stillen zu können, wobei auch hier sich Frage nach der Auswirkungen der Hormontherapie stellt.

Probleme der Akzeptanz

Die Fragen, auf die sich das Forum zum Artikel konzentriert, sind andere. Sie haben weniger damit zu tun, wie trans*Väter_Mütter ihre Schwangerschaften gestalten, sondern mit Bedenken, die manchmal im gemäßigten Ton und oft mit ziemlicher Entrüstung geäußert werden. Selbst bei denen, die viel Verständnis für ungewohnte Geschlechterrollen äußern, ist Distanz zu spüren, wenn es darum geht, dass die Kosten der reproduktionsmedizinische Unterstützung zumindest teilweise vom staatlichen Gesundheitssystem übernommen werden.

Mit Obamacare könnte dies jetzt möglich sein, deutet der NYT-Artikel an. Im Forum wird damit gekontert, dass es kein Recht auf ein Kind gebe, weswegen die Allgemeinheit für solche "Sonderwünsche" nicht aufkommen muss.

Das träfe allerdings auch auf Heteropaare zu, die von Krankenkassen unterstützt werden. Auch vom Vorwurf bzw. dem Verdacht, dass Kinder zur Selbstverwirklichung von Eltern missbraucht werden könnten, können Heteropaare nicht ausgeschlossen werden. "Das soll ja auch bei normalen Paaren mit normaler Geschlechtsidentität der Fall sein, wird aber offenbar zum Problem bei abweichenden Geschlechts- und Paarverhältnissen." (vgl. Der Mann, der ein Kind bekam, weil er auch eine Frau ist).

Dass Transgender generell anderen psychischen Belastungen ausgesetzt sind, wie dies zum Teil sehr drastisch und polemisch vorgebracht wird, wäre ein Argument, aber kein sonderlich griffiges, weil pauschales. Die Instanz, die dafür zuständig ist, sind die reproduktionsmedizinischen Einrichtungen, die sich die Einzelfälle genau anschauen, bei Heteros, Schwulen und Lesben, wie auch bei den Transgendern, ohne Diskriminierung, das wäre das Ideal.

Und die KInder?

In der Realität sind Voraussagen, wie gut sich jemand als Mutter oder Vater entwickelt, nicht leicht möglich. Die Kinder erwartet bei Transgender-Eltern jedenfalls eine besondere Situation. Das ist eine anspruchsvolle Verantwortung mit außergewöhnlichen Schwierigkeiten. "Norm-Paare" scheitern schon an kleineren Hürden.

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