USA: Armut als Schicksal

24.01.2014

Der "Amerikanische Traum" ist nach einer Studie von Harvard-Ökonomen tatsächlich nur ein Traum, aber es gibt große regionale Unterschiede

In vielen Studien wurde festgehalten, dass in den USA die soziale Mobilität wie in anderen Ländern geschrumpft ist. Die Einkommensverteilung zwischen Arm und Reich ist nach einem Bericht des Congressional Research Service eine der größten in den Industrieländern. Ein Aufstieg von ganz unten nach ganz oben kommt danach ziemlich selten vor: "Wo man in der Einkommensverteilung beginnt, bestimmt wesentlich, wo man in ihr endet." Armut und Reichtum würden so gewissermaßen vererbt. Das wird auch von anderen Untersuchungen bestätigt (Millionär bleibt Millionär, Tellerwäscher bleibt Tellerwäscher).

Die Aufstiegschancen haben sich kaum verändert. Bild Equality of Opportunity Project

Eine aktuelle Studie von Harvard-Ökonomen sagt hingegen, dass die Kinder, die heute in den USA aufwachsen, zumindest dieselben Aufstiegschancen wie die Kinder vor 50 Jahren haben. Sozialprogramme und weitere Veränderungen haben dies offenbar nicht beeinflusst oder sich gegenseitig ausgehebelt.

Das klingt beruhigend, allerdings hat sich die Kluft zwischen den unteren und oberen Einkommensschichten vertieft. Weil die enormen Wohlstandsgewinne aber nur wenige an der Spitze der Leiter - das reichste 1 Prozent - betreffen, so die Autoren, sind die Aufstiegschancen in etwa gleich geblieben. Die reichste Schicht ist in den USA nicht verbunden mit Mobilität. Bestätigt wird zudem erneut, dass im Land des "amerikanischen Traums" die soziale Mobilität im Vergleich zu den anderen Industrieländern unverändert gering ist. Etwa 8 Prozent der Kinder aus dem untersten Einkommensfünftel erreicht das reichste Fünftel, in Dänemark sind es mit 15,8 Prozent fast doppelt so viele. In den USA gibt es zudem, was eine weitere Studie derselben Ökonomen zeigt, große Unterschiede, so dass es nicht nur darauf ankommt, aus welcher Schicht man stammt, sondern auch, wo man in den USA lebt.

Wer aus dem unteren Fünftel der Einkommensklassen kommt, wird also in aller Regel dort bleiben. Kaum ein Tellerwäscher wird zum Millionär oder gar Milliardär. Aber es gibt riesige Unterschiede. Während in Charlotte ein Kind aus dem untersten Fünftel nur eine von 4,4 Prozent hat, in das oberste Fünftel aufzusteigen, ist die Chance in San Jose mit 12,9 mehr als doppelt so hoch. Die Wissenschaftler schreiben, die USA seien kein "Land der Chancen", man müsse eher von einer "Sammlung von Staaten" sprechen, von denen einige "Länder der Chancen" mit einer hohen sozialen Mobilität sind.

Für die Studie haben die Wissenschaftler die anonymisierten Einkommenssteuerinformationen von mehr als 40 Millionen Kindern und ihren Eltern zwischen 1996 und 2012 ausgewertet. Erst ab den 1980 Geborenen konnten über Steuerangaben Elter mit Kindern verlässlich verbunden werden. Deswegen konnte nur das Einkommen von Kindern erfasst werden, die 2012 32 Jahre alt waren. Das Familieneinkommen wurde zwischen 1996 und 2000 erfasst, das Einkommen der Kinder 2011 und 2012. Untersucht wurde auch das Familieneinkommen und die Ausbildung der Kinder sowie die Mutterschaft Minderjähriger. Regional wurden die Menschen lokalisiert in "Community Zones" CZ). Das sind jeweils mehrere Counties, in denen die Menschen leben und arbeiten. Es gibt 741 dieser CZs, die aus jeweils 4 Counties bestehen. Mehr als 83 Prozent der Kinder lebten im Alter von 16 Jahren noch in dem CZ, in dem sie im Alter von 5 Jahren waren. Daher wurden die Kinder in den CZs lokalisiert, in denen sie mit 5 Jahren lebten.

Die Aufstiegschancen sind regional höchst unterschiedlich. Bild Equality of Opportunity Project

Die Aufstiegsmobilität ist im Südosten der USA am geringsten und in den Great Plains am höchsten, relativ hoch ist sie auch an der Westküste und im Nordosten. Aber auch zwischen den Regionen gibt es große Unterschiede, beispielsweise zwischen Nord- und Süddakota. Im Allgemeinen ist die soziale Mobilität nach oben in den Städten geringer als auf dem Land. Darin drückt sich auch die geografische Mobilität aus. 44,6 Prozent der Kinder aus ländlichen Regionen leben im Alter von 30 Jahren in Städten, unter diesen steigen 55,2 Prozent vom unteren Einkommensfünftel zum obersten Einkommensfünftel auf.

Die Wissenschaftler, die für ihre Untersuchungen zur Ungleichheit eine Webseite aufgebaut haben, gingen auch möglichen Gründen nach, warum sich die Mobilität regional so stark unterscheidet. Als einen Grund haben sie ausgemacht, dass dort, wo es einen hohen Anteil von Afroamerikanern gibt, die Mobilität von Afroamerikanern und von Weißen nach oben geringer ist. Vermutlich verdankt sich dies der sozialen Segregation, die in überwiegend von Afroamerikanern bewohnten Gebieten am stärksten ist. Allgemein trifft es zu, dass dort, wo die Segregation nach dem Einkommen - d.h. die Trennung der Armen von der Mittelklasse - am stärksten ist, die Menschen mit geringem Einkommen stärker isoliert sind, die Aufwärtsmobilität am geringsten ist.

Interessant ist auch, dass Gebiete, in denen die Pendelentfernungen zur Arbeit kürzer sind, eine deutlich höhere Mobilität nach oben aufweisen. So sind geringes Einkommen und lange Pendelzeiten, d.h. wenig Arbeit in der Nähe, mit geringerer Mobilität verbunden. Es gehen auch weniger Kinder aufs College und es gibt mehr Schwangerschaften bei Minderjährigen. In den Regionen, in denen ein größerer Anteil an Steuern zur Unterstützung der Ärmeren ausgegeben wird und in denen es bessere Schulen, gibt es wiederum bessere Aufstiegschancen. Auch Familienstrukturen spielen eine Rolle. Gebiete, in denen viele Alleinerziehende und Geschiedene leben, weisen eine geringere Aufstiegsmobilität auf. Dazu gibt es eine Korrelation mit dem "sozialen Kapital" eines Gebiets (Kriminalität, politische Partizipation, Wahlbeteiligung, Religion).

Armut wird großenteils "vererbt". Pech hat, wer an Orten aufwächst, in denen die soziale Mobilität von unten nach oben gering ist. Wenn die Analyse stimmt, dann kann Politik aber die Chancengleichheit und damit die Durchlässigkeit durch Stadtplanung, Ausbildungsprogramme und Förderung sowie durch eine andere Steuerpolitik verstärken. Das sind bekannte Maßnahmen, die aber zunehmend nicht nur in den USA unerwünscht scheinen.

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