Black Box der Weltpolitik

25.01.2014

Was die kommende Weltmacht in Fernost im Schilde führt, weiß so recht niemand. Dafür gibt es allerhand Spekulationen über das Land, seine Absichten und Ziele

Vergangene Woche trafen sich erneut rund zweieinhalbtausend Topmanager, Spitzenpolitiker und Starökonomen aus rund hundert Ländern in Davos zum alljährlich stattfindenden Weltwirtschaftsforum. Bewacht wurden sie dabei von etwa dreitausend Soldaten und Polizisten, die den Nobelskiort in den Schweizer Bergen weiträumig absperrten. Von größeren Protestaktionen, die vor Jahren noch zu teilweise bürgerkriegsähnlichen Zuständen führten, war hingegen nichts mehr zu bemerken.

Shanghai vom Shanghai World Financial Center aus gesehen. Bild: Patrick Nagel/CC-BY-SA-3.0

Statt vermummter Gestalten, fliegender Steine und verletzter Demonstranten gab es viele mahnende Worte, von Christine Lagarde etwa, der Chefin des IWFs, und von Franziskus, dem neuen Herz-Jesu-Jünger auf dem heiligen Stuhl in Rom. Beide mahnten die Teilnehmer, "Verantwortung für die Ärmsten und Schwächsten der Welt" zu übernehmen und mehr "Einsatz für soziale Gerechtigkeit" zu zeigen. Dem Appell wurde schließlich später auch gehorsam Rechnung getragen. Einige Milliardäre diskutierten auch brav über die wachsende Einkommensungleichheit in der Welt.

Die Um- und "Neugestaltung der Welt", worauf man sich diesmal nach etlichen Krisenjahren im Vorfeld verständigt hatte, lässt aber vermutlich doch länger auf sich warten als gedacht. Folgt man Berichten der letzten Monate und Tage, dann scheint die globale Drift von West nach Ost, von den alten Mächten zu den "aufstrebenden Ländern", nicht nur erst mal zum Stillstand gekommen zu sein.

Besser noch: Der Westen erholt sich und rappelt sich zusehends wieder auf. Die neuen Stars sind wieder die alten und werden in den kommenden Jahren die Zugpferde der Weltwirtschaft sein. "Das Imperium ist wieder wer" - diese Schlagzeile war jüngst gar in Spiegel Online zu lesen.

Der Dollar macht es

Vor Amerikas wiedergewonnener ökonomischer Potenz schlottern den neuen Bossen in Fernost und dem Rest der Welt zunehmend die Knie. Während Europa, von Deutschland mal abgesehen, mehrheitlich noch in der Rezession steckt, mit hoher Arbeitslosigkeit und einem wenig flexiblen Arbeitsmarkt zu kämpfen hat, entwickelt sich die alte Weltmacht zusehends dynamischer. Dank der lockeren Geldpolitik, die die FED gegenüber dem Dollar zeigt, sind die Vereinigten Staaten für potentielle Investoren begehrter denn jemals zuvor.

Sorgen bereiten mittlerweile eher die aufstrebenden Mächte. Schon schießen Spekulationen über eine mögliche neue "Asienkrise" ins Kraut. Wirtschaft und Wachstum lahmen und stagnieren in den BRICS-Ländern, in Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Hinzu kommt, dass die neuen Mächte diese Geldgeber durch ihre Politik zunehmend vergrault haben und sie sich deswegen von diesen Märkten Stück für Stück zurückziehen. So verwunderte es auch nicht, dass sich eine Diskussionsrunde in Davos mit der Frage beschäftigte, ob die "BRICS-Staaten in der Midlife-Crises?" wären.

In den Midlife Crises

Anzeichen dafür gibt es zuhauf. Vor gut eineinhalb Jahren hat die Ratingagentur "Standard & Pours" Indien, von dem der "Economist" vor Jahren noch behauptete, es werde China bald überflügeln, vehement darauf hingewiesen, seine Märkte zu öffnen, mehr Liberalismus zu wagen und die Hände vom Protektionismus zu lassen.

Käme das Land dem nicht nach, verlöre es seine Bonität. Was zur Folge hätte, dass seine Bonds, mit denen Länder sich ausländisches Kapital zuführen und sicheren, zu Schrottpapieren erklärt würden. Schon am darauffolgenden Tag ging die Rupie gegenüber dem Dollar auf Talfahrt und die Aktienmärkte in Bombay brachen ein.

Ähnliche Vorgänge und Entwicklungen sind auch in anderen BRICS und/oder Schwellenländern zu beobachten, in Russland und Brasilien ebenso wie etwa in den Türkei, in Argentinien oder Indonesien. Auch in den sogenannten "Emerging Markets" gehen die Währungen dramatisch in den Keller. Was am Wochenende auch den deutschen Aktienindex in Mitleidenschaft zog und seinen Höhenflug stark abbremste. Statt an der 10 000 Marke zu kratzen, wie vielfach erwartet, verlor der DAX allein am Freitag zweieinhalb Prozentpunkte seines Wertes.

Strukturwandel stockt

Im Zuge der Finanz- und Schuldenkrise vor gut fünf Jahren suchten Anleger nach neuen Ankermöglichkeiten für ihr Kapital. So kam es, dass in den darauffolgenden Jahren Hunderte von Milliarden in die Wachstumsländer gepumpt wurde. Das viele und vergleichsweise billige Geld führte dazu, dass glänzende Fassaden in diesen Ländern hochgezogen wurden und mehr konsumiert als produziert wurde. Dadurch wurden allerdings Wettbewerbsprobleme übertüncht oder verdeckt. Ebenso die hohen Leistungsbilanzdefizite, an denen etwa Indien und die Türkei litten. Das machte viele dieser Staaten vom anhaltenden Kapitalzufluss abhängig, der urplötzlich abgeebbt ist und jetzt anscheinend wieder in die USA fließt. Zudem wurde und wird in diesen Staaten nach Ansicht diverser Analysten und Chefökonomen viel zu wenig getan, um strukturelle Probleme, wie etwa mangelhafte Infrastruktur, Kreditblasen, Abhängigkeit vom Rohstoffhandel, Schutz heimischer Produkte usw., zu lösen. Stattdessen gewinnen in diesen Staaten Abschottung und Regulierung, Gift für einen liberalen und offenen Welthandel, wieder die Oberhand.

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