13 Prozent der Polen glauben, dass Juden das Blut von Christenkindern für geheime Rituale nutzen

28.01.2014

Vorurteile und Verschwörungstheorien werden nicht schwächer, sondern stärker

Das Zentrums für die Erforschung von Vorurteilen an der Universität Warschau hat ungefähr tausend Polen dazu befragen lassen, was sie über Juden denken. Im Vergleich mit einer Umfrage vor vier Jahren deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Vorurteile und Verschwörungstheorien in dem osteuropäischen Land nicht schwächer, sondern stärker werden.

So stimmen beispielsweise 18 Prozent der Polen der Behauptung zu, die Juden trügen die Verantwortung für den Tod des christlichen Religionsstifters Jesus, der - wenn überhaupt - vor etwa 2000 Jahren lebte. Das sind fünf Prozent mehr als 2009. 53 Prozent lehnen diese Behauptung explizit ab. Vor fünf Jahren lag der Anteil dieser Gruppe noch bei 66 Prozent.

13 Prozent bejahen nun die Behauptung, dass Juden das Blut von Christenkindern für geheime Rituale nutzen. 2009 gaben sich lediglich 10 Prozent dieser Auffassung. Damals hielten das 46 Prozent explizit für Unsinn, heute sind es nur mehr 35 Prozent. Wie viele Polen glauben, dass Juden hinter dem am Montag bemerkten Diebstahl der Blut-Reliquie des polnischen Papstes Johannes Paul II. stecken, wurde nicht ermittelt, weil die Umfrage bereits vorher stattfand.

So stellte sich Hartmann Schedel 1493 einen Ritualmord vor

Trotz dieser Steigerungen hebt Michal Bilewicz, der Betreuer der Umfrage, hervor, dass die Verbindung von Antisemitismus und Katholizismus schwächer geworden sei. Dies macht er daran fest, dass der statistische Zusammenhang zwischen regelmäßigem Kirchenbesuch und Antisemitismus zurückgeht. Dafür steigt bei Kirchgängern die Ablehnung von Homosexuellen, die Bilewicz zufolge die Juden teilweise als Feindbild ablösten.

Fragt man die Polen über das religiöse Vorurteil hinaus, dann wird Antisemitismus noch deutlich besser sichtbar: Mit 67 Prozent glauben beispielsweise über zwei Drittel, dass Juden ihren weltpolitischen Einfluss vergrößern wollen und 44 Prozent sind sogar der Meinung, dass die Juden die Weltherrschaft anstreben.

Der gleiche Prozentanteil äußert bemerkenswerterweise die Auffassung, die Juden und deren Propaganda seien daran schuld, wenn die Welt glaubt, die Polen seien Antisemiten. Gegenüber diesem Vorwurf gibt man sich trotz der erfragten Haltung empfindlich: 2009 führte der Hollywood-Film Defiance zu Protesten, weil er polnischen Antisemitismus im Zweiten Weltkrieg darstellte, 2011 sah sich der Historiker Jan Gross mit einem Shitstorm konfrontiert, weil er in einem Buch anhand zahlreicher Quellen belegte, wie sich Polen am Holocaust bereicherten, und 2013 traf der polnische Volkszorn das Zweite Deutsche Fernsehen, das sich im Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter mit dem Thema beschäftigt hatte.

Erklärbar wäre der weit größere Anteil des transreligiösen Antisemitismus damit, dass ein Glaube über die Generationen hinweg teilweise neue Erscheinungsformen annimmt. Seine Träger meinen dann zwar, sie hätten die volkskatholischen Weltbilder ihrer Vorfahren überwunden, tatsächlich aber hängen sie strukturell ähnlichen politischen Religionen an, die oft stark eschatologisch geprägt sind und angebliche Verschwörungen oder apokalyptische Zeichen eines baldigen Untergangs betonen.

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