Wie viel Kapital fehlt den europäischen Banken?

01.02.2014

Während eine OECD-Studie den EU-Banken einen Kapitalbedarf von insgesamt 84 Milliarden Euro zuschreibt, kommen Analysten allein für die HSBC auf bis zu 111 Milliarden Dollar

Die Vorabmeldung der WirtschaftsWoche über eine OECD-Studie, die den Kapitalmangel der europäischen Banken mit 84 Mrd. Euro beziffert, sorgt gerade für erhebliches Aufsehen. Immerhin ist mittlerweile klar, dass die Weltfinanzkrise von 2008 und ebenso die Eurozonenkrise von übergroßen, unterkapitalisierten und völlig außer Kontrolle geratenen Banken verursacht wurde, und noch immer ist weitgehend offen, was die "Assets" in den Bilanzen dieser Banken tatsächlich wert sind.

Hauptsitz der HSBC in Canary Wharf, London. Bild: Michael Pead/CC BY-SA 2.0 UK

Allerdings erinnert das Bewertungswesen ohnehin ein wenig an Schrödingers Katze, deren tatsächlicher Zustand sich erst mit der Messung realisiert. Eine "Messung" des "Werts" eines laufenden Kreditportfolios kann jedoch tatsächlich nur durch einen realen Verkauf erfolgen, der wiederum von den Marktverhältnissen und dem Verkaufsdruck auf den Verkäufer abhängt.

Die Gesamtrendite eines Kreditportfolios, die das wesentliche Bewertungskriterium darstellt, steht erst fest, wenn die letzten Raten eingegangen, die unbezahlten Forderungen erschöpfend betrieben und alle dabei hereingekommenen Sicherheiten verwertet sind. Das wird erst zu einem sehr weit in der Zukunft liegenden Zeitpunkt der Fall sein und bis dahin hängen alle Wertansätze von Vermutungen über eine lange Reihe unbekannter Faktoren ab, weshalb auf historische Daten zurückgegriffen wird, die extrapoliert werden. Das kann zwar durchaus Anhaltspunkte für die künftige Wertentwicklung liefern, im Grunde kann die Bewertungen aber nur dann mit einem "wahren Wert" übereinstimmen, wenn sich die Vergangenheit nicht von der Zukunft unterscheidet, was niemals der Fall sein wird. Folglich ist die Bewertung das "Vermögens" einer Bank stets mit erheblichen Unsicherheiten behaftet und bietet zudem so erhebliche Freiheitsgrade, dass deren Spielraum bei den meisten Banken locker das "Eigenkapital" übersteigt, das seinerseits eine bloße Residualgröße aus der Differenz zwischen buchmäßigem Vermögen und den Schulden darstellt.

Diese prinzipielle Unsicherheit trifft zwar auch die US-Banken, aber immerhin wurden diese kurz nach dem Lehman-Crash einem doch deutlich schärferem Stresstest unterzogen als ihre europäischen Konkurrenten, und sie mussten daraufhin auch in kurzer Frist erhebliche Mengen an Eigenkapital aufstellen, was sie jedenfalls aus Sicht der Finanzmärkte heute wesentlich besser dastehen lässt.

Gleichzeitig finden sich die Banken inmitten einer höchst widersprüchlichen makroökonomischen Situation. Weil die einzelnen Staaten seit dem Ausbruch der Eurozonenkrise allesamt sparen und die Stimulation der Konjunktur allein der EZB überlassen, unternimmt diese alles nur Mögliche, um die Banken zur Vergabe von Krediten an den Privatsektor zu motivieren. Gleichzeitig erheben die Staaten nun aber "Bankensteuern", die das Potential der Banken reduzieren, ihr Eigenkapital durch einbehaltene Gewinne zu erhöhen, während die Bankenaufsicht zudem eine deutlich höhere Mindest-Eigenkapitalausstattung fordert. Das zwingt die Banken dazu, entweder frisches Eigenkapital aufzutreiben - was bei Börsenkursen unter den Buchwerten eher schmerzhaft sein dürfte - oder eben ihre Bilanzsummen zu verringern, was beispielsweise erfolgen kann, indem die Kreditportfolios reduziert werden, was alle geldpolitischen Maßnahmen egalisieren könnte.

Dummerweise hängt die Refinanzierungsseite der Banken noch dazu wesentlich vom Vertrauen ab, das den Banken entgegengebracht wird, und so wäre es wohl allen am liebsten, wenn die Eurozonenkrise weiterhin als bewältigt gelten und der fragwürdige Zustand der Bankenlandschaft nicht zur Diskussion gestellt würde. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier behauptete dann auch schon gleich in der genannten WirtschaftsWoche, dass die großen europäischen Banken heute genauso gut kapitalisiert seien wie die amerikanischen, die in der OECD-Studie ausgiebig gelobt wurden. Auch die OECD selbst ruderte bereits zurück und qualifiziert die Studie von Dirk Schoenmaker und Toon Peek von der Duisenberg School of Finance, die übrigens regelmäßig für die OECD publizieren, als bloßen Beitrag der Ökonomen für ein OECD-Seminar. Auf der OECD-Website, auf der die Studie vorgestellt wird, ist kein Link auf die Studie selbst zu finden, obwohl sie hier längst abgerufen werden kann.

Zweifelhafte Zahlen

Das verwundert umso mehr. als der genannte Kapitalbedarf ohnehin am unteren Ende der absehbaren Bandbreite liegt und die Studie die Verhältnisse auch sonst eher positiv bewertet. So geht sie zuerst der Frage nach, ob es nach dem Ausbruch der Weltfinanzkrise zu einer "Kreditklemme" gekommen sei, was "insgesamt" den Professoren zufolge aber nicht der Fall gewesen sei. Dem werden nun freilich nicht nur etliche von der rigideren Vergabepraxis der Banken Betroffene nicht zustimmen, sondern vermutlich ist dieses Ergebnis auch nur den methodischen Probleme der Studie zu verdanken. So setzten die Professoren eine "Kreditklemme" empirisch mit einem Rückgang der kombinierten Bilanzsummen der Banken gleich. Das dürfte besonders in Ländern wie Italien zu beachtlichen Verzerrungen führen, wo die Banken ihre Bilanzen im Zuge der Eurozonenkrise massiv aufgebläht haben indem, sie taatsanleihen aufgekauft und sofort zur Refinanzierung an die EZB weitergereicht haben. Dafür wurde dann auch kein zusätzliches regulatives Eigenkapital benötigt, da das Risiko der Staatsanleihen amtlich mit Null bewertet wird.

So gerechnet findet sich von 2008 bis 2013 jedenfalls ein Wachstum der europaweit kombinierten Bankbilanzsummen von 3 Prozent, was für die Ökonomen bedeutet, dass tatsächlich keine Kreditklemme aufgetreten ist. Allerdings verzeichneten einige Staaten erhebliche Rückgänge, wobei Irland hier mit - 39 Prozent an der Spitzte liegt, dahinter Luxemburg (-20), Belgien (-17) und Zypern (-15). Im Krisenland Spanien hätten die kombinierten Bilanzsummen hingegen stagniert und in Portugal sollen sie sogar um zehn Prozent und in Italien um 14 Prozent zugelegt haben. Um zehn Prozent geschrumpft wären die Bilanzsummen hingegen in Österreich, womit mehr als klar sein sollte, dass der angenommene Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Bilanzsummen und der Verfügbarkeit von Krediten zweifelhaft ist.

Es stellt sich zudem die Frage, woher die Professoren ihre Zahlen bezogen haben. So nennen sie für Österreich für das Jahr 2008 eine kombinierte Bilanzsumme von 1.057 Milliarden Euro, während die Österreichische Nationalbank, die hier die einzige relevante Quelle sein dürfte, diese mit 1.175 angibt. Für 2013 werden von den Professoren hingegen 942 Mrd. Euro genannt, während die OeNB 1.109 Milliarden meldet, was doch einige Zweifel an der Empirie aufkommen lässt. In Deutschland sollen die Bank-Assets in den fünf Krisenjahren jedenfalls von 7.876 auf 7.827 Milliarden Euro zurückgegangen sein, was - vorausgesetzt die Veränderungen der Bilanzsummen spiegelten tatsächlich das Wachstum der aushaftenden Privatkredite wieder - zumindest inflationsbereinigt einen deutlichen Rückgang der real aushaftenden Kredite bedeuten würde.

Angesichts dieser methodischen Probleme drängt sich aber auch grundsätzlich die Frage auf, inwiefern die Ergebnisse dieser Studie - die laut den Autoren in etwa zu denselben Ergebnissen kommt wie der Stresstest der EZB - mehr als völlig willkürliche Ergebnisse bringen soll. Immerhin machen die außerhalb des Finanzsektors vergebenen Kredite bei kaum einer Großbank mehr als die Hälfte der Bilanzsumme aus, weshalb deren Zu- oder Abnahme mit steigender Bedeutung des jeweiligen Finanzsektors auch zunehmend durch reine Finanzmarktaktivitäten und nicht durch reale Kreditvergaben verursacht werden.

Bild: Dirk Schoenmaker und Toon Peek

Unbestreitbar dürfte immerhin die Feststellung der Professoren sein, dass der Rückgang in den europäischen Krisenländern Irland, Griechenland, Zypern sowie den baltischen Staaten vor allem durch einen Rückzug der ausländischen Banken aus diesen Ländern verursacht wurde.

Interessant ist zudem, dass die Bilanzsummen der Banken in Zentral-, Ost- und Südosteuropa mit zwölf Prozent überdurchschnittlich zulegen konnten, was die Autoren mit der "Wiener Initiative" erklären. Mit dieser hatten sich die in diesen Ländern dominierenden Auslandsbanken bereit erklärt, die Kreditvergaben weiterzuführen, während die Bilanzsummen in den baltischen Staaten - wo keine derartige Initiative versucht wurde - um 12 Prozent zurückgingen.

Die individuellen Bankbilanzen

Was die individuellen Bankbilanzen angeht, beschränken sich die Professoren nun auf die 30 größten Banken Europas (nach ihrem Tier 1 Eigenkapital von Ende 2011). Dazu gehören in Deutschland die Deutsche Bank, die Commerzbank sowie die Landesbanken von Bayern und Baden-Württemberg, in Österreich betrifft es die Erste Bank.

Immerhin nehmen die Professoren die umlaufende Kritik an dem von den Behörden vor allem betrachteten "regulativen Eigenkapital" auf, das auf den "risikogewichteten Aktiva" beruht und nicht besonders aussagekräftig ist, da die Banken diese Bewertungen auf Basis eigener Modelle und Geschäftszahlen selbst vornehmen dürfen. Das kann dazu führen, dass identische Kreditportfolios bei einer Bank doppelt so viel regulatorisches Eigenkapital erfordern wie bei einer anderen, weshalb die Autoren das Eigenkapital schlicht in Verhältnis zur gesamten Bilanzsumme setzen, wie es jetzt auch die Behörden machen, die neuerdings drei Prozent der Bilanzsumme als zusätzliche Eigenkapitaluntergrenze vorschreiben.

Die Autoren sehen aber auch bei einer Bewertung des Eigenkapitals anhand der Buchwerte Probleme (etwa dass Werterosionen erst mit einiger Verzögerung auf die Buchwerte durchschlagen), weshalb sie eine "marktbasierte" Alternative bieten. Anstelle des buchmäßigen Eigenkapitals ziehen sie hier die Marktkapitalisierung (Aktienkurs mal Zahl der umlaufenden Aktien) als Maßstab für den Kapitalbedarf heran - was immerhin insofern Sinn macht, als der Börsenkurs vor einem Konkurs in der Regel einbricht. Angesichts der oft rein von Marktstimmungen bedingten Kursentwicklungen dürfte im Gegenzug allerdings ein Element der Willkür einfließen, das bei positiver Börsenstimmung zu gute Werte ausweisen dürfte und bei schlechter Marktlage zu schlechte, was wiederum die so schon gefährlichen Prozyklizität des Bankgeschäfts weiter verstärken sollte.

Als Schwellen, die das Kapital mindestens erreichen muss, nehmen die Autoren nun die drei Prozent der Bilanzsumme, wie sie von der EZB künftig verlangt werden, dazu die fünf Prozent, wie sie die OECD "gut kapitalisierten" Banken empfiehlt und berechnet darüber hinaus den Kapitalbedarf ("Expected Shortfall") um die genannte 3-Prozent-Quote zu erreichen, sollte es zu einem Einbruch des breiten Gesamtmarktes um 40 Prozent kommen. In diesem Szenario, das angesichts des steigenden Rückfallpotentials bei DAX und S&P 500 zunehmend wahrscheinlicher erscheint, würden die 60 größten europäischen Banken demnach 241 Milliarden Euro benötigen. Um überhaupt auf die drei Prozent Quote zu kommen, wären auch ganz ohne Krise also die schlagzeilenträchtigen 84 Milliarden Euro erforderlich, während eine 5-Prozent-Quote ganze 365 Milliarden Euro an frischem Eigenkapital verlangen würde.

Den höchsten Kapitalbedarf hat die französische Bank Crédit Agricole, deren Unterfinanzierung (im krisenfreien 3-Prozent-Szenario) 31,5 Milliarden Euro betragen soll. An zweiter Stelle folgt die Deutsche Bank, der eine Kapitallücke von 19,0 Milliarden Euro nachgesagt wird. Unter den Banken mit dem größten Bedarf rangieren zudem die Commerzbank (7,7 Milliarden), Dexia (7,4 Mrd.) sowie Banca Monte dei Paschi di Siena und Natixis mit jeweils 3,9 Mrd. Euro an Kapitalbedarf.

Obwohl in der Studie nicht näher ausgeführt, dürften sich die hier als Maßstab herangezogenen Börsenkurse auf die Bilanzstichtage der jüngsten Bilanzveröffentlichungen beziehen und folglich rasch veraltende Momentaufnahmen darstellen. Die allgemeine Relevanz der Angaben wird letztlich auch davon in Frage gestellt, dass etwa für Europas größte Bank HSBC gar kein Eigenkapitalbedarf ausgewiesen wird, was eher unglaubwürdig erscheint. Denn das entspräche zwar dem bis vor kurzem noch tadellosen Ruf des Instituts, widerspricht jedoch der Einschätzung der meisten Analysten. Zuletzt etwa jenen des Informationsdienstes Forensic Asia, deren Analysten Thomas Monaco, der von der US-Fed kommt, und Andrew Haskins, der selbst 15 Jahre bei HSBC tätig war, warnen, dass die HSBC zwischen 63,6 Milliarden und 92,3 Mrd. Dollar an zweifelhaften Assets auf den Büchern habe und sich das aktuelle Kapitaldefizit auf 45 Mrd. Dollar belaufe. Demnach würde die HSBC - je nach Marktentwicklung - bis 2019 "mindestens" 60 Milliarden, vielleicht aber sogar bis zu 111 Milliarden Dollar an frischem Eigenkapital benötigen - allerdings auch dies auf Basis eines Stress-Szenarios, das nicht ausreichend definiert wird, um die Qualität dieser Schätzungen beurteilen zu können.

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