Gaystapo und Katholiban

04.02.2014

Schwule Männer sehen sich in der Öffentlichkeit zunehmend mit dem Vorwurf einer neuen Christenverfolgung durch die "Homo-Lobby" konfrontiert. Ein deutscher Bischof spricht gar von "Pogromstimmung gegenüber Katholiken". Ein Ausflug ins homophobe Weihrauchmilieu

Der stämmige Mann auf dem Talkshowsessel des SWR-Nachtcafés kämpft mit den Tränen. Der Deutschtürke Ibrahim Can erzählt davon, wie er im Juli 2008 vom Fenster der Ferienwohnung in Istanbul dabei zuschauen musste, wie sein Geliebter, Ahmed Yildiz von seiner eigenen Familie auf offener Straße hingerichtet wurde; wie er auf die Straße lief, wo sein Freund kurz darauf in seinen Armen starb.

Selbst in Zeiten des Gefühlsfernsehens merkt man den anderen Gästen und dem Moderator die sprachlose Ergriffenheit an. Lediglich die als strenge Vertreterin katholischer Moral geladene Publizistin Gabriele Kuby findet schnell die Sprache wieder. Und hält dagegen: Auch sie habe ein Problem, denn sie sei Christin und in unserer Gesellschaft werde es für Christen "außerordentlich eng", wenn sie sich gegen Homosexualität aussprechen und sich gegen politische Forderungen Homosexueller zur Wehr setzen. Es könne doch nicht angehen, dass eine Mehrheit für eine Minderheit, dass für ganze 2,5 % Homosexuelle in der Bevölkerung nun alle Christen geopfert würden. Der Wortwechsel ist eine Schlüsselsituation für eine sich in der katholischen Kirche zuspitzende Lage: Man möchte sich selbst zunehmend als Opfer der Homosexuellen sehen, insbesondere der schwulen Männer. Selbst für den Papstrücktritt im letzten Frühjahr machten italienische Medien "schwule Netzwerke" innerhalb des Vatikan verantwortlich, denen der Stellvertreter Christi auf Erden nicht mehr gewachsen gewesen sei.

Junge Schwule verführen katholische Priester

Öffentlichkeitswirksam so recht in Fahrt kam die Botschaft von dem Verfolgtsein der katholischen Kirche und ihrer Diener durch Homosexuelle im Kontext des Missbrauchsskandals. Amtskirchlich wollte man unter allen Umständen das vermeiden, was alle Fachleute empfahlen, um erneuten Missbrauch zu verhindern, nämlich tiefgreifende Reformen von Strukturen und traditionell kirchlichen Denkmustern. Also brauchte man Erklärungsmuster, die das Unheil außerhalb dieser kirchlichen Strukturen suchen. Und man fand sie recht schnell.

Auf dem Höhepunkt des Missbrauchsskandals hatte der zweithöchste Mann der Kirche neben dem Papst, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, im April 2010 auf einer Pressekonferenz in Chile keine Probleme damit, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Homosexualität und den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche zu konstatieren. Nicht die eigentlichen Täter, nicht die Priester, nicht die Sexualmoral der katholischen Kirche, nein, vielmehr die Homosexuellen seien schuld an den zahlreichen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche.

Sind die Katholiken die "neuen Juden" und die Schwulen die "neue SA"?

Ganz vorne mit dabei bei der Bedienung homophober Ressentiments, verbunden mit der bequemen Verharmlosung der Missbrauchsfälle als "Hoax", war seit 2004 die Internetseite kreuz.net. Was der Papst und die Seinen in diplomatisch mehr oder weniger verklausulierter Form den Gläubigen nahe brachten, das formulierte das Portal auf brutalistisch-derbe Weise. Und fand damit deutlich mehr Interessenten als die offiziellen katholischen Internetpräsenzen.

Für "Kotstecher aus der Homo-Hölle", die der Kirche Christi sowie der abendländisch-christlichen Kultur den Kampf angesagt hätten, wünschte man sich die Todesstrafe zurück. Man spionierte das Privatleben schwuler Priester aus und publizierte im Kommentarteil auch schon mal direkte Gewalt- und Mordaufrufe an geoutet lebende schwule Persönlichkeiten, versehen mit kompletter Adresse der Betroffenen.

Insgeheim um die inhaltliche Verwandtschaft wissend, schwieg die offizielle Kirche jahrelang zu der Hassseite und bediente sich schon mal gerne der Spitzelinformationen, um Mitarbeiter zu disziplinieren. Sie distanzierte sich sehr spät und halbherzig von den Medien gedrängt, unternahm aber nichts Merkbares um dem bösen Treiben ein Ende zu bereiten. Dies wiederum veranlasste schließlich im Oktober 2012 den Bruno Gmünder Verlag zusammen mit der "Männer" aktiv zu werden. Keine ganzen zwei Monate überlebte kreuz.net die daraufhin einsetzende Kampagne "Stoppt kreuz.net".

Sehr früh bot die Initiative der Deutschen Bischofskonferenz eine Zusammenarbeit an. Das Angebot blieb allerdings unbeantwortet. Stattdessen setzte wiederum sehr früh die Strategie der Opferrolle ein. Nicht das Hass-Portal kreuz.net, sondern diejenigen, die zum ersten Mal etwas Wirkungsvolles dagegen unternahmen, waren nun die Bösen. Den Auftakt am 20. November 2012 bildete dabei ein Beitrag des Chefredakteurs der Zeitung "Tagespost", die als Leitmedium des katholischen Milieus gilt. Er unterstellte der Kampagne "Stoppt kreuz.net" kurzerhand, sie wolle "eine Schlammschlacht gegen die Kirche" veranstalten.

Was hier nur zwischen den Zeilen lesbar war, das sprachen andere unverblümt aus. Schon zwei Wochen vor der "Tagespost" hatte kreuz.net selbst die Gefechtskonstellation entworfen: auf der einen Seite die guten Katholiken, auf der anderen die böse "deutsche Gaystapo und das Kirchenhassmagazin, 'Der Spiegel'", die "im Stechschritt gegen die Religions- und Meinungsfreiheit der Katholiken" marschieren. Kreuz.net lag schon in den letzten Zügen, als der Macher des katholischen Forums "kreuzgang.org" die bei konservativen Katholiken umgehenden Aversionen am 23. November auf den Punkt brachte:

Wie vor Jahrzehnten auf die Hetze der Nazibewegung, die Kostümparaden der SA, die Hetze der Stürmer und Völkischen Beobachter bald Reichskristallnacht und Konzentrationslager folgten, so wird auch auf die aktuelle Hetze und die Kostümumzüge der Sodomitensturmabteilung die offene Verfolgung all derer folgen, die offen vertreten, was jahrtausendelang Gemeingut aller zivilisierten Völker war, dass nämlich die Sodomie naturwidrig und in höchstem Maße verwerflich ist und keinerlei öffentliche Duldung - geschweige denn Begünstigung - genießen darf.

Kurz: die homophoben Katholiken sind die neuen Juden, deren Verfolgung durch die neue SA, die durch selbstbewusste Homosexuelle gebildet wird, mit dem Engagement gegen kreuz.net endgültig eingesetzt hat. So geschmacklos der Vergleich mit der Judenverfolgung, so beliebt scheint er bis in die höchste kirchliche Hierarchie hinein zu sein. Anfang Februar macht Bischof Müller, der neue Chef der Vatikanischen Glaubenskongregation, Schlagzeilen mit der Aussage, es herrsche eine "neue Pogromstimmung" gegen die katholische Kirche.

Die "Homo-Mafia": mit okkulten Kräften gegen die Kirche

In der Nacht auf den ersten Advent 2012 verschwindet kreuz.net aus dem Netz. Die großen Medien sehen dies als Verdienst der Kampagne "Stoppt kreuz.net" an, Kardinal Lehmann bedankt sich in einer beispiellosen Erklärung kurz darauf ausdrücklich beim "schwulen Bruno Gmünder Verlag" für dessen Engagement. Was die Wut der sich ohnehin von der "Homo-Lobby" verfolgt fühlenden Katholiken endgültig zum Überlaufen bringt. Selbst okkulte teuflische Kräfte scheinen nun bei der "Homo-Mafia" im Spiel:

"Die Hauptursache für das, was da abgeht, ist die Homo-Mafia, und ihre jahrzehntelangen Machenschaften in der ganzen Welt. Naiv wäre zu meinen, dass diese Homomafia einfach eine zufällige Erscheinung sei, eine Grassrootsbewegung, die nicht von mächtigen okkulten Kräften gefördert wurde und wird."

Spätestens jetzt sei deutlich geworden, dass mit den Homos nicht zu spaßen sei und es mit ihnen keinen Frieden geben könne, "dass es keine friedliche Koexistenz mit einer Seuche geben kann. Eine Seuche muss man bekämpfen." Man droht auf gloria.tv am 16.01.2013 etwa im Stil der Sprengstoffgürtel-Taliban: "In den islamischen Ländern" würde man "der Gaystapo schon zeigen", was sie verdienen. Aber auch für die Katholiken in Deutschland gelte: "Wir werden uns wehren. Keine Sorge, denn wir fürchten weder den Teufel, noch die Homos, noch den Tod, denn wir leben ja weiter in seiner Herrlichkeit."

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