Unser täglich Gift gib uns heute

Schon wieder soll gentechnisch manipulierter Mais auf unseren Feldern und Tellern landen - was nicht nur undemokratisch vonstatten geht, sondern auch unkalkulierbare Risiken birgt

Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte. Jedenfalls beim Gen-Mais. Der steht einmal mehr auf der aktuellen Menükarte der EU-Politiker: Auch ohne das geplante Freihandelsabkommen (TTIP) mit den USA streicht Brüssel vor deren Lobbyisten die Segel - bereits am 6. November 2013 hatte die EU beschlossen, den Import der gentechnisch manipulierten Maissorte "SmartStax" als Futter- und Lebensmittel zuzulassen (EU-Kommission lässt die umstrittene Maissorte SmartStax als Futter- und Lebensmittel zu). Der smarte Mais kann sechs Insektengifte produzieren und ist resistent gegen die Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat (Roundup) und Glufosinat. Die Frage, wer diese Gifte herstellt, erübrigt sich fast: natürlich die US-Agrarkonzerne Monsanto und Dow Agroscience.

Aktuell steht der Gentechnik-Mais "1507" (Herculex(R) I Insect Protection) als weiteres Schmankerl auf der Menükarte der EU. Serviert wird das ganze vom US-Unternehmen Pioneer Hi-Bred International, Inc., einem der weltgrößten Entwickler und Anbieter von Anbaupflanzen und Saatgut. Wie "SmartStax" produziert auch "1507" Insektengifte, die vor allem für den Maiszünsler tödlich sind - eine Schmetterlingsart, die pro Jahr etwa 4 Prozent der weltweiten Maisernte vertilgt. Das Bt-Toxin in "1507" greift auch Bienen (Rettet ein Skorpion die Honigbiene?) und andere Insekten an.

Dieses Gift wird normaler Weise vom Bodenbakterium Bacillus thuringiensis produziert und ist wegen seines natürlichen Ursprungs auch im Ökolandbau erlaubt. Beim Genmais wird das Gift jedoch permanent und von allen Pflanzenzellen produziert, weshalb der Pollen - mit dem die Bienen sich und ihre Brut ernähren - hohe Konzentrationen aufweist. Imkerverbände warnen eindringlich vor einer Zulassung.

Der Import und Verkauf von "1507" als Lebens- und Futtermittel ist in der EU schon seit längerem erlaubt. Jetzt soll auch der Anbau genehmigt werden: Am 5. Februar 2014 entscheidet die schwarz-rote Bundesregierung, wie sie am 11. Februar 2014 abstimmen wird, wenn die EU über die Anbauzulassung von "1507" verhandelt.

Zwar hatte sich am 16. Januar das EU-Parlament gegen eine Zulassung des Gen-Mais "1507" ausgesprochen, entscheidend ist jedoch das Votum der Minister der EU-Staaten, also die Entscheidung des EU-Ministerrats. Kommt dieser zu keiner Einigung, entscheidet die EU-Kommission - und die ist, wie die Vergangenheit gezeigt hat, für genmanipulierte Pflanzen sehr aufgeschlossen.

Die Bevölkerung jedoch lehnt die Gen-Gift-Cocktails entschieden ab: Laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung im Auftrag von Greenpeace sind 88,1 der Bundesbürgerinnen und Bürger gegen eine Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen in Deutschland. Zudem fordern 88,4 Prozent, dass Deutschland in der EU gegen den Gen-Mais 1507 stimmt. Greenpeace weist auf Mängel in der Sicherheitsbewertung und Verfahrensfehler hin.

Und was sagen unsere gewählten Volksvertreter? "Wir erkennen die Vorbehalte des Großteils der Bevölkerung gegenüber der grünen Gentechnik an", heißt es lakonisch im Koalitionsvertrag der Großen Koalition (Seite 123). Ansonsten überwiegen das Profitstreben und undemokratische Entscheidungen, die den eindeutigen Willen der Bevölkerung eiskalt ignorieren - geschweige denn, dass sie Gesundheitsrisiken für Menschen, Tieren und Pflanzen berücksichtigen.

Die große Nachfrage nach Energie (Agrosprit) und Fleisch macht die Mais-Monokulturen profitabel

Wird ein gentechnisch veränderter Organismus einmal in die Umwelt entlassen, gibt es kein Zurück. Die Erbsubstanz lässt sich nie wieder entfernen. Pollen werden vom Wind kilometerweit getragen und können beispielsweise die Biofelder des Nachbarn kontaminieren, wie es bereits vielfach geschehen ist. Für Biolebensmittel gilt aus gutem Grund eine Regelung, nach der nur 0,9% zufällige Beimischungen von Genpflanzen toleriert werden. Eigentlich wollen Bio-Produzenten und -Konsumenten 0% Gentechnik auf den Tellern, doch das ist schon heute unrealistisch.

Und nicht nur Biobauern sind betroffen: Im Oktober sind fünf bayerische Imker vor dem Bundesverwaltungsgericht mit einer Klage gescheitert: Ihr Honig war zu über vier Prozent mit "MON-810"-Pollen verseucht gewesen, woraufhin sie ihn nicht verkaufen durften. Begründung: Die Pollen sind nicht als Lebensmittel zugelassen. Das Gericht bewilligte den Bienenzüchtern auch keine Entschädigung. "Wir wollen unsere Bienen vor der Gentechnik geschützt wissen, der Gesetzgeber hat diesen Schutz bislang ebenso versagt, wie jetzt das Bundesverwaltungsgericht", erklärte Karl Heinz Bablok, einer der betroffenen Imker.

Die zur Biomasse- und Futtermittelproduktion angebauten Maismonokulturen sind eine Brutstätte für multiresistente Schädlinge. Erst durch jahrelangen Raubbau an der Natur konnten sich die Insekten an die Gifte anpassen. In diesem sinnlosen Wettrüsten gibt es keine Gewinner. Einzig durch verantwortungsbewussten Anbau in vielfältigen Fruchtfolgen kann man einer Niederlage in diesem Kräftemessen vorbeugen. Doch dem stehen finanzielle Interessen entgegen: Die große Nachfrage nach Energie (Agrosprit) und Fleisch macht diese Monokulturen profitabel. Das verschärft nicht nur die Schädlingsproblematik, sondern gefährdet außerdem die Umwelt. Mais beginnt erst spät zu wachsen. Deshalb ist der Boden der Erosion durch Wind und Regen besonders ausgeliefert, wertvoller Humus geht verloren. Außerdem sind Maisfelder agrarökologische Wüsten mit geringer Artenvielfalt. Je ärmer ein solches System ist, desto anfälliger ist es wiederum für Schädlinge, weil deren Antagonisten keinen Lebensraum haben.

Langzeitfolgen sind noch unbekannt

Welche gesundheitlichen Auswirkungen der Gen-Mais hat, wenn er als Futter- und Lebensmittel eingesetzt wird, ist weitgehend unerforscht. Im schlimmsten Fall könnten die gentechnisch veränderten Pflanzen zu Allergien, Fehlgeburten oder gar Krebserkrankungen führen, wenn sie über das verzehrte Fleisch der gefütterten Nutztiere oder über Maisstärke direkt in den menschlichen Körper gelangen.

Auch wenn die Langzeitfolgen unklar sind, liegt auf der Hand, dass genmanipulierte Pflanzen nur Großkonzernen nutzen. Sie sichern ihnen über Knebelverträge mit Bauern enorme Profite. Sie stellen einen massiven Eingriff in die Natur dar - und in jene Lebensmittel, die wir zu uns nehmen.

"Der schlechten Prognose den Vorrang zu geben gegenüber der guten, ist verantwortungsbewusstes Handeln im Hinblick auf zukünftige Generationen. Denn man kann ohne das höchste Gut, aber nicht mit dem höchsten Übel leben", warnte der Philosoph Hans Jonas in seinem Werk Das Prinzip Verantwortung von 1979. Sind die Risiken einer Technik bekannt, muss stets das "höchste Übel" für möglich gehalten werden. Auch sämtliche Atomkatastrophen wurden vorher von Experten ausgeschlossen. Wenn etwas schiefgehen kann, dann geht es auch schief, heißt es nicht nur scherzhaft in "Murphy’s Law".

Wegen dieser Risiken, aber auch wegen der massiven Umweltzerstörungen und wegen des ungezügelten Geldhungers von Monsanto und Co. ist es höchste Zeit, Genmanipulation an Pflanzen ohne Wenn und Aber zu verbieten. Hans Jonas‘ Philosophie gipfelt in der Formulierung eines erweiterten Kategorischen Imperativs: "Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden." Ausschneiden, aufhängen, beherzigen!

Sarah Buron (*1986) lebt in Berlin und ist Ökolandbau-Absolventin. Patrick Spät (*1982), lebt als freier Journalist und Autor in Berlin.

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