Werden Mittelschichtskinder von vorne bis hinten bedient?

04.02.2014

Stressabbau zuhause: Prinz und Prinzessin an die Spülmaschine und in die Wäschekammer!

Die Technikerkrankenkasse hat vor ein paar Tagen eine Studie veröffentlicht, die wieder einmal die häusliche Belastung als Stressfaktor herausrückt. Mit einem kleinem Zugeständnis an den zeitgemäß korrekten Sprachgebrauch, denn das Kernergebnis wird folgendermaßen präsentiert: "So sagen sieben von zehn Hausfrauen und -männern hierzulande, dass sie häufig oder manchmal gestresst sind." Hausmänner?

Wieviele Hausmänner sich unter den 1.000 Befragten der Studie genau befanden, geht aus der Untersuchung nicht genau hervor. Der Anteil der Männer an der repräsentativen Gesamtstichprobe liegt bei 51 Prozent.

In der Kurzzusammenfassung der Ergebnisse ist dann auch vor allem von "Hausfrauen" die Rede, die zu zwei Drittel klagten, dass ihr Leben stressiger geworden ist. Damit ragen sie aus dem Durchschnitt heraus, denn insgesamt gab nur die Hälfte an, dass sie so empfinden. Als Gründe werden genannt: Bei Familien sind die Stressfaktoren besonders ausgeprägt. Aufgezählt werden: "Arbeit, private Konflikte, hohe Ansprüche an sich selbst sowie finanzielle Sorge".

Das gilt allerdings für Männer wie Frauen. Die Präsentation der Ergebnisse unter dem Titel "Hausfrauen unter Druck" legt nahe, was in der Berichterstattung der jüngsten Zeit geradezu zum Dauerbrenner wurde, in der Studie aber nicht eigens thematisiert ist: Dass die häusliche Aufgabenaufteilung aller ausgerufenenen Gleichstellung zum Trotz häufig noch immer nach traditionellen Schemata verteilt wird. Demnach verrichten Frauen den Löwenanteil an Hausarbeiten, auch wenn sie erwerbstätig sind, während Männer ihre Energie lieber in den Arbeitsplatz investieren?

Die Doppelbelastung von berufstätigen Vätern

In der beobachteten Wirklichkeit von Mittelschichteltern bietet sich jedoch ein Bild, das von mehr Nuancen geprägt ist: In den vielen Familien sieht man Männer beim Abwasch, Wäsche herumtragen, Einkaufen, Essenzubereiten etc. Oft ist auch die Arbeit, die anfällt nach Fähigkeiten und Vorlieben aufgeteilt. Wohlverstanden: Das sind subjektive Beobachtungen und der Eindruck, der sich aus Gesprächen mit anderen Eltern ergibt.

Zu erkennen ist dabei, was in Studien bislang noch kaum erfasst wurde, die Doppelbelastung von berufstätigen Vätern, die in der veröffentlichten Wahrnehmung noch kaum herausgestellt wurde. Wiedergegeben wird sie bislang meist nur in Erfahrungsberichten. Der einfache Schluss, der sich daraus ziehen lässt, heißt, dass zusätzliche Arbeit für kein Geschlecht zu mehr Entspannung führt.

Bemerkenswert ist bei der Stressstudie, in der sich übrigens Frauen den Angaben der Männern gegenüber, in der Gesamtheit als zufriedener einstuften, der Stressfaktor "Ansprüche an sich selbst", der, wenig verwunderlich, auf Platz drei hinter privaten Konflikten, also Streitigkeiten, steht. Zu den Ansprüchen gehört in der Familie immer auch, dass es den Kindern gut geht. Der Stress, Kinder möglichst perfekt zu erziehen, sei ein Grund, lieber auf Kinder zu verzichten, schrieb neulich eine Autorin der FAZ.

Die eigenen Ansprüche an das Glück der Kleinen

Das Streben nach Perfektion, oder anders gesagt: der Optimierungsdruck, trifft möglicherweise die Sache nicht ganz: Es ist die Stellung, die Kindern in vielen Mittelschichtfamilien eingeräumt wird, die viel psychischen, konfliktreichen Stress und viel Arbeit verursacht.

"Kinder von Mittelschichteltern werden auf eine seltsame soziale Position gehievt, die sie früher nicht hatten", erklärt etwa die amerikanische Buchautorin Jennifer Senior, deren Anliegen es ist, dass das Familienleben mehr wieder danach ausgerichtet wird, woran der Titel der Technikerkrankenkasse an die ganze Nation appelliert: "Bleib locker, Deutschland".

Stress und Unzufriedenheit in der Familie hängen laut Senior damit zusammen, dass Kinder neuerdings an der Spitze der Hierarchie von Mittelschichtsfamilien sind, "ohne dass sie Verantwortlichkeiten haben". Diese Position würde alle unglücklich machen, die von Doppelbelastungen überforderten Eltern und die Kinder.

Als Grund für den psychischen Stress nennt Senior das ausgemachte Ziel des Familiennests: Die Kinder sollen glücklich sein. Das sei ein überzogenes, unrealistisches Ziel, so Senior, wichtiger sei es, Kindern etwas beizubringen. Zum Beispiel, dass sich der Haushalt doch von einem Hotel unterscheidet.

Was ein leichter erreichbares Ziel (als Glück, Einf. d. Verf.) wäre ist, das produktive Kind wieder anzusprechen. Ich denke daran, dass Kinder früher arbeiteten, auch mehr im Haushalt mithalfen. Ich will dabei nicht zu den Zeiten zurück, die Dickens beschrieben hat, mit ausbeuterischer Fabrikarbeit von Kindern. Wenn man will, dass Kinder eine aktivere Rolle im Haushalt spielen, dann strebt man auch nicht diese Härten an, sondern man macht es, damit die Kinder Bekanntschaft damit schließen, was Wirtschaft im eigenen Haushalt bedeutet.

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