Die Illusion der Vollbeschäftigung

13.02.2014

Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich die Zahl der Reichen weltweit fortlaufend vergrößert, aber auch die Anzahl von Geringverdiener

Deutschland geht es gut. So sagt man. Eine zentrale Frage, ob es der Beschäftigungslage in Deutschland gut geht, misst man für gewöhnlich an der Abnahme der Arbeitslosigkeit. Reicht es aber aus, daran die Qualität der Beschäftigungslage zu messen? Müsste man nicht vielmehr danach fragen, wie es um die Vollbeschäftigung in der BRD steht? Dazu ist es ratsam die Arbeitslosenzahlen nicht mit vorherigen Zeitpunkten zu vergleichen, da die Arbeitslosenzahlen mehr über die Summe von abgeschlossenen Arbeitsverträgen aussagen und weniger etwas über die Situation der Vollbeschäftigung. Um herauszufinden, wie es um die Vollbeschäftigung bestellt ist, muss man die Frage beantworten, ob genug Arbeit da ist und zukünftig vorhanden sein wird.

Wenn man Vollbeschäftigung möchte in der BRD für die jetzigen Erwerbspersonen und eine 40 Stunden Woche als Maß für Vollbeschäftigung setzt, so ist klar, wie hoch das Arbeitsvolumen insgesamt sein muss, um die Voraussetzung für Vollbeschäftigung zu haben. Ein Jahr hat 52 Wochen. So folgt daraus ein notwendiges Jahresarbeitsvolumen von 2080 Arbeitsstunden für eine Vollzeitstelle. Dieser Wert wird multipliziert mit der Anzahl der Erwerbspersonen, um an die absolute Summe des Arbeitsvolumens zu kommen.

Die Zahl der Erwerbspersonen (Erwerbstätige + Erwerbslose) zwischen dem 15ten und 65ten Lebensjahr betrug nach dem Statistischen Bundesamt im Jahr 2012 41,6 Mio. Das heißt, im Jahr 2012 hätte es für Vollbeschäftigung ein absolutes Arbeitsvolumen von 86,6 Mrd. Stunden geben müssen. Tatsächlich wurde nach dem IAB im Jahr 2012 aber ein Arbeitsvolumen von gerade mal 58,1 Mrd. Arbeitsstunden ausgewiesen (Quelle: IAB). Das sind 32% weniger Arbeitsstunden als für eine Vollbeschäftigung mit der Bedingung der 40 Stunden Woche für jeden nötig gewesen wären. Offensichtlich schient es der Vollbeschäftigung nicht sonderlich gut zu gehen.

Wenn man die 2080 Jahresarbeitsstunden weiterhin als Voraussetzung für eine durchschnittliche Vollzeitstelle gelten lässt, so fiel das empirische Jahresarbeitsvolumen eines durchschnittlichen Erwerbstätigen erstmalig im Jahr 1970 unter 2000 auf 1956 Arbeitsstunden. Seitdem nehmen die jährlichen durchschnittlichen Arbeitsstunden kontinuierlich ab. Im Jahr 1990 hatte schließlich jede Erwerbsperson durchschnittlich nur noch 1566 Arbeitsstunden im Jahr zur Verfügung. Im Jahr 2011 waren es schließlich nach der OECD nur noch 1413 Arbeitsstunden.

Diese Minderung des jährlichen Arbeitsvolumens pro Erwerbsperson ist die direkte Folge der Produktivitätssteigerung durch den technischen Fortschritt. Wäre die Minderung der durchschnittlichen jährlichen Arbeitsstunden nicht die Folge der Produktivitätssteigerung gewesen, wäre die Wirtschaftsleitung entsprechend abgefallen. Aber die Wirtschaftsleistung verläuft genau entgegengesetzt. Umso mehr das Arbeitsvolumen abnahm, umso höher wurde das Bruttosozialprodukt: Diese Entwicklung wird auch nicht gestoppt werden können, da die fortlaufende Steigerung des Produktivität und die damit einhergehende Verringerung des Arbeitsaufwandes bzw. die Steigerung ihrer Ausbeute im Produktionsprozess ein notwendiges Mittel für hohe Gewinnmargen und für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen ist.

Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Einkommenshöhe

Zur weiteren Beurteilung der Beschäftigungslage war die Betrachtung des Arbeitsvolumens insofern ein wichtiger Indikator, da es die Entwicklung der Arbeitseinkommen bestimmt. Dieser Zusammenhang wird auch sichtbar durch solche Begriffe, wie Stundenlohn oder Monatseinkommen. Deswegen ist neben der Betrachtung des Arbeitsvolumens auch das Arbeitseinkommen sehr aufschlussreich. Geht es also dem Arbeitsvolumen auf lange Sicht mies, geht es den Arbeitseinkommen auf lange Sicht tendenziell auch mies.

Dieser Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Einkommenshöhe wird empirisch umso deutlicher bei den unteren Einkommensschichten und wird umso schwächer, je höher man in den Einkommensschichten aufsteigt. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Zusammenhang zwischen verfügbaren Arbeitsvolumen und Einkommenshöhe für den Großteil der Arbeitnehmerschaft Gültigkeit hat.

Wenn dem normalen Arbeitnehmer immer weniger Arbeitsvolumen für die Beschaffung von Einkommen zur Verfügung steht, dann ist das ein Grund zur Besorgnis und kein Grund zur Freude. Die durch die Produktivitätssteigerung verursachte Massenproduktion begünstigt in der Tat streckenweise die materielle Versorgung der wachsenden Zahl an Geringverdiener. Nur wo soll das hinführen, wenn die Produktivitätssteigerung fortlaufend verbessert und zugleich immer weniger Arbeitskraft für die einzelnen Produktionsprozesse benötigt wird?

Diese Teufelsspirale zwischen zunehmenden Geringverdienern und die Versorgung mit Ramsch und Billigprodukten wird nicht ewig funktionieren. Die alte Doktrin, dass entlassene Arbeitskräfte aufgrund von Produktivitätssteigerungen wieder in neue Wachstumsbranchen voll und ganz reintegriert werden können, ist empirisch wiederlegt (vgl. u.a. Jeremy Rifkin (2004) : Das Ende der Arbeit) Nicht umsonst spricht man seit Jahren vom "jobless growth".

Die Entwicklung der Rationalisierungstechnologien hat mittlerweile eine Geschwindigkeit angenommen, die schneller verläuft als die Wiederaufnahme der entlassenen Arbeitskräfte. Die Automobilindustrie erforscht serienreife Autopiloten, die zunehmend Taxifahrer und Spediteure ersetzen. In den USA werden voll automatisierte Medizintechniken entwickelt, die den Arzt überflüssig machen sollen. Therapie und Medikamente können dann per Knopfdruck ausgespuckt werden. Diese Liste ließe sich beliebig erweitern (vgl. u.a. Constanze Kurz (2012): Arbeitsfrei) Das Fatale an dieser Entwicklung ist, dass die letzten arbeitsintensiven Jobs zum Streitpunkt einer steigenden Zahl von Arbeitslosen werden. Das hemmt zwangsläufig die Lohnentwicklung und somit die Gesamtnachfrage.

Man kann von daher die gegenwärtige Situation am Arbeitsmarkt durchaus als einen strukturellen Zerfallsprozess der Vollbeschäftigung bezeichnen. Viele "Experten" bestreiten diese Beobachtung, indem sie erwidern, dass die Arbeitnehmerentgelte auch ständig gestiegen seien. Das stimmt. Die Arbeitnehmerentgelte sind tatsächlich in der Summe gestiegen, trotz des Rückgangs des Arbeitsvolumens. Bei dieser Argumentation gibt es allerdings ein Problem. Sie fragt nicht nach der Spreizung der Einkommen in der Arbeitnehmerschaft. Und als wäre das nicht schon Verklärung genug, gibt es zu allem Überfluss in der Republik Journalisten und Wissenschaftler, die sagen, dass trotz der Abnahme des verfügbaren Arbeitsvolumens eine steigende Anzahl von Beschäftigungsverhältnissen ein Gegenbeweis für den Zerfallsprozess der abhängigen Vollbeschäftigung ist.

Diese Experten sind der Meinung, dass es Ausreicht, mit einem Minijob sein Leben zu bestreiten. Man ist sogar der Ansicht, dass die Geringverdiener und die Abgehängten sich ausreichend aufgrund der Produktivitätssteigerung mit Billigprodukten materiell am Leben halten können. Solange also die Abnahme der Einkommen einhergeht mit einer materiellen Versorgung ist alles im Lot. Man passt dann einfach die Regelsätze für den Lebensunterhalt von Arbeitslosen und die Sozialhilfe an die Verbilligung der Waren an. Was interessiert von daher die Qualität der Beschäftigungslage, wenn jeder einen Arbeitsvertrag hat?

Diese Einstellung dieser "Experten" ist nicht nur zynisch, sondern "das spricht für den Horizont, mit dem sie die Dinge betrachten" (Franz Josef Strauss in: Politische Rhetorik - Das große Palaver). Wenn neun von zehn Arbeitnehmerhaushalten jeweils 1 Euro Arbeitnehmerentgelt bekommen und ein Haushalt 99.991 Euro, so bekommen statistisch gesehen alle Haushalte zusammen 100.000 Euro und durchschnittlich erhält jeder Haushalt 10.000 Euro. Das klingt sehr gut, ist aber volkswirtschaftlich eine Katastrophe.

Die Spreizung der Einkommen in der Arbeitnehmerschaft lässt sich empirisch daran erkennen, dass der Niedriglohnsektor größer wird, trotz der gestiegenen Arbeitnehmerentgelte seit den 1970er Jahren. Das kann logisch nur bedeuten, dass eine steigende Anzahl der Arbeitnehmerschaft immer weniger an den Arbeitnehmerentgelten partizipiert hat. Man kann auch sagen, dass mit der Verringerung des durchschnittlichen Arbeitsvolumens pro Erwerbsperson die Anzahl der Geringverdiener gestiegen ist. Der große Teil von Entgelten muss somit den restlichen besserverdienenden Erwerbspersonen zugerechnet werden. Ein Blick auf die Verteilung der Einkommen spiegelt diesen Sachverhalt auch sehr eindrucksvoll wieder. Während die unteren Einkommensschichten kaum bis gar nichts verdienten, kann die obere "Mittelschicht" mehr Einkommenszuwächse verbuchen als die untere "Mittelschicht".

Konflikt zwischen Arbeit und Kapital ist in den Konflikt zwischen vermögenden und armen Einkommensschichten übergegangen

In der BRD gibt es wegen dieser zunehmenden Spreizung der Einkommen in der Arbeitnehmerschaft auch kein politisches Gegengewicht, dass mit einer Stimme gegen die Repressionspolitik a la Agenda 2010 vorgeht. Nur so lässt sich auch die Entstehung der Linken als Abspaltung von der SPD begründen. Die SPD wird erst wieder mit den Linken koalieren, wenn die Einkommenselite der Arbeitnehmerschaft wegen dem fortschreitenden strukturellen Zerfallsprozess der Vollbeschäftigung selbst zunehmend in Bedrängnis geraten wird. Die CDU/CSU konnte bei der letzten Bundestagwahl 2013 unter anderem deswegen so hoch gewinnen, weil sie durch ihre glaubwürdige und effiziente Vermögenspolitik auch eine Anzahl der vermögenden Haushalte der Arbeitnehmerschaft hinter sich versammeln konnte. Die haben mittlerweile eingesehen, dass eine arbeits- und sozialrechtliche Solidarisierung mit ihren Kollegen, die in der deutschen Armutsökonomie in Schach gehalten werden, eher eine Bedrohung ist für ihren Wohlstand und - wenn es denn mal gelingt - für ihren weiteren Aufstieg.

Die steigenden Vermögen in der besserverdienenden Arbeitnehmerschaft werden ebenso wenig voll und ganz für den Konsum verbraucht, wie die Vermögen aus den obersten Einkommensschichten, sondern nur ein geringer Teil. Damit sind diese Vermögensanteile volkswirtschaftlich gesehen ebenso nachfrageunwirksam wie die Vermögen aus arbeitslosen Renteneinkommen (Mieten, Zinsen, Dividenden usw.). Zugegeben, die Vermögen der besserverdienenden Arbeitnehmerschaft sind im Vergleich zu den Vermögen der obersten Einkommensschichten verhältnismäßig gering. Aber eine zunehmende Verdichtung von Vermögensarten, sei es aus Renten- oder Arbeitseinkommen verschmilzt unweigerlich. Zumeist wird das gebündelte nachfragunwirksame Vermögen dann rentabel angelegt. Solche Anlageklassen werden dann häufig dermaßen überbewertet, so dass sie irgendwann platzen.

Dass bei einer Abwertungsspirale, die nach dem Platzen einer Blase in Gang gesetzt wird, die höchsten Vermögensspitzen unverwüstlich bleiben, hat die Geschichte der Finanzcrashs immer wieder eindrucksvoll bewiesen. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 hat sich die Zahl der Millionäre und Milliardäre weltweit fortlaufend vergrößert, aber auch die Anzahl von Geringverdiener. Bei dieser Entwicklung ist inakzeptabel, dass die wohlhabende Minderheit sich mit einem Bruchteil ihres Vermögens die politische Macht sichert (vgl. Michael Hartmann: Soziale Ungleichheit - Kein Thema für die Eliten?) und dann die große Mehrheit der Bevölkerung über den nicht steuerbaren Zerfallsprozess der Vollbeschäftigung hinaus durch die öffentliche Manege treibt. Dabei sei nochmal ausdrücklich gesagt, dass der Zerfallsprozess der Vollbeschäftigung ein strukturelles Problem ist und kein konjunkturelles.

Die Menschen, die mehr und mehr aus dem Arbeitsprozess herausfallen, werden früher oder später untergehen. Die Quittung werden alle bekommen, wenn sich die politischen Strömungen radikalisieren und aus falschen Schutzreflexen Gewaltbereitschaft signalisieren. Das sind die unangenehmen Nebenwirkungen, wenn die Vermögenden nur mit sich selbst beschäftigt sind. Das Erstarken der rechten Szene in vielen europäischen Ländern ist ein Warnsignal. Es scheint ganz so, als hätte man es geschafft, den alten Konflikt zwischen Arbeit und Kapital erfolgreich weiterzuentwickeln in einen Konflikt zwischen vermögenden und armen Einkommensschichten.

Wenn die Politik nur den Schutz und die Mehrung der Privatvermögen zum Gegenstand hat, dann wird das Fortschreiten des strukturellen Zerfallsprozesses der abhängigen Vollbeschäftigung und die sozioökonomischen Folgen bis zur Unkenntlichkeit verschleiert. Anstatt sich also mit der Erhöhung des Renteneintrittsalters zu verzetteln, was nur dazu führt, das durchschnittlich noch weniger Arbeitsvolumen für jeden Arbeitnehmer zur Verfügung steht, sollte die Politik sich besser darum kümmern, den Widerspruch zwischen Arbeit und Produktivitätssteigerung in der Hinsicht aufzulösen, so dass seine unumkehrbaren Folgen nicht weiter verschärft werden.

Deutschland geht es nicht gut, sondern die Menschen in Deutschland stehen mitten in dem schleichenden strukturellen Zerfallsprozess der abhängigen Vollbeschäftigung, der zunehmend erst unten und dann immer weiter oben bemerkbar wird. Es wird Zeit, dass dieser Sachverhalt auf die politische Agenda kommt.

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