Griechenland: Gesundheit SOS

Mit sofortiger Wirkung hat der griechische Gesundheitsminister Adonis Georgiadis sämtliche Polikliniken des Landes geschlossen

Faktisch fehlt dem Land nach der Schließung der Polikliniken die primäre ärztliche Grundversorgung. Verkündet wurde sie bereits vor der Veröffentlichung eines entsprechenden Erlasses im Staatsanzeiger vom Minister höchstpersönlich. Damit wurden auf einen Schlag 8.500 Ärzte und Pfleger auf die Straße gesetzt.

Ärzte bei einer Streikkundgebung. Bild: W. Aswestopoulos

Georgiadis verweigert den ehemals beim erst Ende 2011 gegründeten medizinischen Dachverband EOPYY Angestellten jegliche Entlassungsentschädigung. Die Ärzte laufen Sturm gegen diese Entscheidung. Sie halten die Polikliniken besetzt und wollen dort in den nächsten Tagen ohne Bezahlung oder Versicherungsnachweis Patienten behandeln. In den Medien wird von einem "Krieg der Ärzte" gesprochen.

In den EOPYY waren mit Wirkung vom 1.1.2012 die Gesundheitsdienste der griechischen Sozialkassen in einem Dachverband vereinigt worden. Seinerzeit wurde die Umstellung auf eine einheitliche Gesundheitsversorgung als notwendige Reform der Krisenzeit präsentiert.

Seit im Juni 2012 Georgiadis den Posten des Gesundheitsministers antrat, geriet er mit den Ärzten in den Clinch. Der Minister möchte die möglichen Einnahmequellen der Mediziner deckeln und den EOPYY zerschlagen. Bislang waren die Ärzte Griechenlands halbtags bei den Sozialversicherungsträgern beschäftigt. Den kargen Grundlohn, der maximal in der Größenordnung von 1.200 Euro brutto pro Monat liegt, besserten sie mit einer parallel betriebenen Privatpraxis auf. Wollen sie in das Nachfolgeunternehmen übernommen werden, dann müssen sie vorher, um einen entsprechenden Antrag zu stellen, die Arztpraxen schließen.

Seit knapp drei Monaten befanden sich die Ärzte wegen dieser Pläne des Ministeriums im Streik. Die Gesundheitsversorgung in den Polikliniken fand zwar statt, wurde jedoch nur mit Notfallbesetzungen durchgeführt. Während dieser Zeit erlaubte Georgiadis privaten Vertragsärzten pro Monat 200 Patienten der staatlichen Gesundheitsversicherer zu behandeln. In den Polikliniken konnten jedoch bislang selbst unversicherte Bürger zumindest eine diagnostische Grundversorgung erhalten. Bei den Vertragsärzten ist dies nicht möglich. Amtlich wurde diese Regelung erst Ende Januar beschlossen. In der Praxis fand die Grundbehandlung bereits vorher statt. Etwa einem Drittel der griechischen Bevölkerung fehlt jegliche Sozialversicherung.

Erschwerend kommt für die Versicherten hinzu, dass es keine flächendeckende Versorgung mit Vertragsärzten gibt. Besonders krass wirkt sich das in der Provinz aus. Allerdings fehlt selbst im östlichen Bereich der Hauptstadtregion Attika eine Versorgung mit Kinderärzten. Aus der Presse erfuhren die Versicherten, dass sie nicht mehr wie bislang vorgeschrieben über einheitliche Rufnummern einen Arzttermin ausmachen können. Vielmehr müssen sie sich nun selbst auf die Suche nach Vertragsärzten mit freien Kapazitäten begeben.

Wie extrem dies im Einzelfall aussehen kann, zeigt ein weiteres Beispiel der reformierten griechischen Gesundheitsversorgung. Einem minderjährigen Patienten mit einer nicht näher benannten lebensgefährlichen Erkrankung auf einer Insel wurde wegen eines chronischen Leidens ein Medikament verschrieben, das nach den geltenden Gesetzen nur vom Krankenhaus und nicht über Apotheken bezogen werden kann. Das örtliche Krankenhaus hatte jedoch den Jahresplan bereits ausgeschöpft und empfahl dem jungen Patienten, sich selbst in der Hauptstadt Athen die Medikation zu besorgen. Erst das Eingreifen des staatlichen Ombudsmanns beendete diesen Wahnsinn.

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