Salat statt Beton - Gärtnern in der Stadt

23.02.2014

Rettet das die Welt?

Noch vor einigen Jahrzehnten bauten die Bewohner von Städten ihr Gemüse selbst an. Damals bevölkerten sogar Hühner, Ziegen, Kaninchen und Schafe die Hinterhöfe. Dann kam das Wirtschaftswunder - Gärten und Tiere verschwanden allmählich aus dem Stadtbild. Inzwischen ist Gärtnern wieder angesagt: Gemeinschaftsgärten schießen wie Pilze aus dem Boden - und das überall auf der Welt.

Alles begann damit, dass Robert Shaw und Marco Clausen im Jahr 2009 über Nomadisch Grün, einem gemeinnützigen Verein, ein 6000 qm großes Gelände in Berlin-Kreuzberg pachteten, das vorher viele Jahrzehnte brach gelegen hatte. Am Anfang galt es den Müll wegzuräumen. Sie rechneten mit 30 Helfern aus der Nachbarschaft - gekommen sind 150.

Heute ist der Prinzessinnengarten einer von 130 Gärten, die von der Stiftung InterKultur unterstützt werden. Nicht nur vielfältige Nutzpflanzen seltener Sorten werden ohne Chemie angebaut, sondern ihn bereichern auch einige Bienenvölker. In der Saison kann man über 500 Gemüse- und Kräutersorten selber ernten und kaufen. Ein Teil des Erntegutes wird im eigenen Gartencafé verarbeitet. Die Überschüsse gehen wieder in den Garten und in kleine lokale Projekte. So finanziert sich der Garten inzwischen selbst.

Arbeitslose, Migranten und Senioren - immer mehr Menschen werden im Alltag durch behördliche Entscheidungen in eine passive Opferrolle getrieben. "Im Garten tauschen sie nicht nur Erfahrungen über den Gemüse- und Kräuteranbau aus", erklärt Marco Clausen. Der Garten bietet eine Möglichkeit, sich als jemanden zu erfahren, der partizipativ etwas mitgestaltet. Viele erlangen so ein neues Selbstvertrauen.

Plötzlich ist das Gartenwissen russischer oder türkischer Frauen gefragt, die vorher nur am Rande wahrgenommen wurden. Nun können sie ihre jahrelangen Praxiserfahrungen aus der Heimat anwenden und anderen zeigen.

Foto: Schaugarten Witzenhausen. Mit freundlicher Genehmigung der Transition Town Witzenhausen

Das Besondere an dem Garten am Moritzplatz ist seine Mobilität: Plastikgitter auf Holzpaletten sowie Säcke, Kisten und Tetrapaks, eben alle Gefäße, die man wegtragen kann, wurden mit Erde befüllt und bepflanzt. Denn die Flächen sind versiegelt und zum Teil noch belastet. Nebenbei werden Flaschen, Tüten, Säcke - alles was normalerweise im Müll landet - wieder verwertet.

Allerdings: Dem Gelände droht der Verkauf - im Juni 2012 wäre es fast soweit gewesen. Ein offener Brief an den Senat mit mehr als 30 000 Unterschriften konnte die Privatisierung gerade noch verhindern. Momentan verhandeln die Initiatoren mit der Stadt über eine Nutzungsverlängerung um weitere fünf Jahre.

Essbare Stadt Andernach

In dem 30.000-Einwohner-Städtchen am Rhein hat sich in den letzten drei Jahren Einiges getan: Wo früher Efeu an altem Gemäuer empor wucherte, wachsen nun essbare Pflanzen. Kein Schild mahnt: Betreten der Rasenfläche verboten! Im Gegenteil: Pflücken ist erlaubt.

Weintrauben, Kürbisse, Tomaten, Erdbeeren, aber auch vergessene Wildpflanzen wie Kornblume und Adonisröschen verschönern das Stadtbild. Die Idee für Essbare Stadt Andernach entwickelte der Geo-Ökologe Lutz Kosack:

Wir fordern die Bürger auf: Bitte bedient Euch, nehmt Euch Früchte und Samen, pflanzt sie in Euern Garten und vervielfältigt die seltenen Sorten!

Denn das Saatgut soll in der ganzen Stadt verbreitet werden. Bis 2010 gab es nur langweilige Grünflächen in der Stadt. Dann hatte der engagierte Stadtplaner eine Vision: Die Dreckecken sollten aufgeräumt, bepflanzt und damit aufgewertet werden. Als diese Ecken aufgeräumt und aufgeblüht waren, weitete man das Projekt auf die ganze Stadt aus, die wortwörtlich zum "Lebensmittel-Punkt" wurde: Ein Fünftel der Grünanlagen sind heute mit Gemüse, Obstbäumen und Beerensträuchern bepflanzt. Nicht nur Angestellte, auch Langzeitarbeitslose arbeiten mit und haben Freude daran.

Im Mittelpunkt steht die Sortenvielfalt: In einem Jahr gab es rund 300 Tomatensorten, im nächsten 100 Bohnensorten. 2012 standen vielfältige Zwiebelsorten im Mittelpunkt. Die Beete mit heimischen Kräutern wie Katzenminze, Taglilien und Grünkohl müssen seltener bepflanzt und gepflegt werden als früher. Die Pflanzen blühen und wachsen von alleine, damit beträgt die Pflege der Beete nur noch ein Zehntel der früheren Kosten. Nicht nur die Stadtverwaltung war vom Gartenkonzept schnell überzeugt. Inzwischen ist Andernach mehrfach ausgezeichnet worden.

Der befürchtete Vandalismus blieb aus. Im Gegenteil: Die Stadt ist heute viel attraktiver als früher und lockt mehr Touristen an. Das buntstielige Mangold sei schöner als jede Rose, freut sich eine Seniorin. Die essbaren Pflanzen steigern die Lebensqualität, und die Bürger erfreuen sich an den Kräutern und Gemüsebeeten. Eine Investition in die Zukunft, meint Lutz Kosack, denn sollte der Klimawandel wirklich kommen, verbessern die Gärten das Klima und werten die Stadt auf

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