Frankreichs Jugend: Draußen vor der Tür, Wut im Bauch

25.02.2014

210.000 Franzosen im Alter zwischen 18 und 34 antworten auf Fragen, die eine Generation porträtieren sollen. Die Antworten lassen "ein starkes Potential für eine Revolte" erkennen

Sie sind jung, sozial orientiert, beruflich sehr motiviert und gut ausgebildet; und sie sind desillusioniert. Die zwei Soziologen, die für Le Monde die Erkenntnisse der Umfrage Génération quoi? ("Generation was?") interpretieren, greifen am Ende zu einem etwas abgedroschenen Bild, dem des Schnellkochtopfs, der sich ohne Ventil aufheizt. Die Untersuchung selbst klebt nicht an Klischees; sie liefert ein Mosaik an Einstellungen, die im täglichen Leben beobachtet werden können, die im Einzelnen dem entsprechen, was man als Antwort beinahe für selbstverständlich nimmt ("Die Meritokratie hat versagt; Politiker sind korrupt"), und die in der Summe das Bild einer Jugend zeichnen, bei der die Mischung aus Zukunftsangst, Auf- Distanz-gehalten-werden von den belegten Futterstellen, Können und Wissen umschlagen könnte ... ja, in was? Das ist die Frage.

Zunächst einmal erfüllt die Familie eine Art Sicherungsfunktion, wie aus den Ergebnissen herauszulesen ist. Jeder vierte (27 Prozent) der Befragten im Alter zwischen 18 und 241 beschreibt das Verhältnis zu ihren Eltern als "ideal"; jeder zweite (53 Prozent) als "cool".

Nur jeder zehnte gibt "mittelmäßig" oder "sehr angespannt" zur Antwort. Auch seien die Eltern in den allermeisten Fällen stolz auf den Weg, den die Kinder eingeschlagen haben und würden die Wahl unterstützen. Bei beiden Antworten, die die Sicht der Kinder wiedergeben, liegen die Werte um die 90 Prozent. Ein braves Bild der Idylle wie aus einer Shell-Studie (Mit Pragmatismus zum Glück), dazu angetan, beim Klischee-Alt-68er wieder das Brummeln über die angepasste Jugend anzuschalten?

Nicht ganz. Erklärt wird das innige Verhältnis nämlich vor allem mit dem Aufeinanderangewiesensein in Zeiten der Krise. Die Eltern, die selbst mit der Wirtschaftskrise konfrontiert sind, würden sich solidarisieren; sie hätten verstanden, dass die Situation der Jugendlichen äußerst schwierig sei, so der Soziologe Camille Peugny.

Selbst bei den Befragten, die einen unbefristeten Arbeitsvertrag haben, sind etwa die Hälfte der Eltern ängstlich besorgt, wenn es um deren Zukunft geht. Bei den arbeitslosen Kindern sind es 80 Prozent2. Die wirtschaftlich schlechten Zeiten knüpfen das Familienband enger, sie wird als Rückzugsort und Halt geschildert. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten bekommt elterliche Unterstützung.

Hohe Motivation bei belegten Futterplätzen

Im Schutzhort daheim zeigt sich aber auch eine gewisse Widersprüchlichkeit im Verhältnis zwischen den Generationen. Die berufstätigen Eltern gehören meist genau der Generationsschicht an, welche draußen die Türen zumachen. Zu den ganz großen Problemen der Jugendlichen gehört, kein Wunder bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 23,9 Prozent (1978 lag der Wert bei 9,4 Prozent), der wenig offene Arbeitsmarkt, die Suche nach Arbeit.

Der Frust darüber, hier allzuoft mit Absagen oder besseren Falls mit Praktika und noch besser mit befristeten Verträgen abgespeist zu werden und zur Zeitarbeit Zuflucht nehmen zu müssen, zeigt sich einmal an der eindeutigen Ablehnung von meritokratischen Beschreibungen der Gesellschaft ("Der Mythos hat sich in Stücke aufgelöst"), zum anderen in der Klage darüber, dass die Babyboomer an ihren Posten kleben und das Unternehmen, in dem sie arbeiten, ihre Arbeitsfestung gegen die jungen "Eindringlinge" abschotten.

Zu den Widersprüchen in den Beziehungen zu den Älteren gehört aber auch, dass die Mehrheit der Jugendlichen sich dafür auspricht, dass die Renten sicher sind. Man will die Eltern versorgt sehen, vielleicht weil sie auch die eigene Existenz absichern, anderseits soll dies nicht auf Kosten der eigenen Generation gehen. Auch in Frankreich dürften da noch einige Diskussionen aufkommen.

Dem Frust am Arbeitsmarkt stehe eine hohe Motivation gegenüber, so der Bericht von Le Monde über die Studie. 81 Prozent der Befragten geben an, dass die Arbeit einen hohen Stellenwert in ihrem Leben hat - nicht nur, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern auch zur Verwirklichung der eigenen, erworbenen Fähigkeiten. Das öfter mal geäußerte Bild einer Generation, die Arbeit nicht wichtig nehme und auf Arbeitszeitverkürzung bestehe, stimme nicht.

"Die Macht an die Finanzwelt abgegeben" - von der Politik desillusioniert

Nur etwa zehn Prozent mag sich auch ein selbstgewähltes Leben am Rand des Arbeitsmarktes vorstellen, 70 Prozent geben dem Gefühl Ausdruck, dass die französische Gesellschaft ihnen nicht ermöglicht, "zu zeigen, wozu sie imstande sind".

Von der Politik erwarten die Jugendlichen nur mehr wenig; sie sind gut informiert, dies führt aber oft, etwa bei der Hälfte, vornehmlich zur Desillusionierung und zu einem Bild der Politiker - und auch der Medien -, das Verachtung zeigt. 46 Prozent äußern, dass sie überhaupt kein Vertrauen in Politiker haben.

Die Hälfte ist der Meinung, dass alle Politiker korrupt sind. 64 Prozent sagen, dass Politiker noch etwas Macht haben, sie aber schlecht nutzen. 90 Prozent (!) sind der Auffassung, dass Politiker ihre Macht an die Finanzwelt abgegeben haben. Sie glauben nicht sehr an die Möglichkeiten der Politik.

Paris - Anti-ACTA-Protest, Februar 2012. Bild: Remi Mathis; Lizenz: CC BY-SA 3.0

Dass Politik die Jugendlichen nicht interessiert, wäre ein falscher Schluss. Solidarität bedeutet ihnen laut Studie viel, wie auch Partizipation in hohem Rang steht, Demonstrationen, Vereinigungen auf lokaler Ebene sind gut angesehen. 80 Prozent sprechen sich für ein soziales Pflichtjahr aus. 70 Prozent halten multikulturelle Werte hoch ("Die Einwanderung ist eine kulturelle Bereicherung").

Aber dieser Prozentsatz geht zurück, dafür gebe es einen wachsenden Anteil Jugendlicher, die eine "starke Minderheit" bei den national ausgerichteten rechten Bewegungen bilden. Die Politik habe es versäumt, die Kritik und die Unzufriedenheit über Folgen der Gloibalisierung richtig anzusprechen, kommentieren die Soziologen Cécile Van de Velde et Camille Peugny und raten zu mehr Aufmerksamkeit auf Unzufriedenheiten, die falsch oder gar nicht angesprochen werden.

"Eine latente Energie" für den Aufstand?

Ob aus alldem ein Potential zur Revolte abzulesen ist, wie es die beiden Soziologen diagnostizieren?

84 Prozent der Arbeitslosen und 78 Prozent der Zeitarbeiter, aber auch 66 Prozent der Festangestellten und 65 Prozent der Studierenden stimmen der Frage zu, dass die französische Gesellschaft ihnen nicht die Möglichkeit gibt zu zeigen, wozu sie wirklich fähig sind.

66 Prozent der Zeitarbeiter, 63 Prozent der Arbeitslosen, 61 Prozent der Studenten und ein gleicher Prozentsatz an Angestellten mit befristeten Verträgen, 54 Prozent mit unbefristeten Arbeitsverträgen (also mit Verträgen, die sehr gesucht sind) würden "morgen oder in den nächsten Monaten an einer Bewegung einer großen Revolte" (mouvement de révolte de grande ampleur) teilnehmen.

Ihre bisher gezeigte Loyalität könnte sich zu einem Aufstand wandeln, wenn sich weiter nichts bewegt, so Cécile Van de Velde:

Die Jungen sind nicht resigniert. Da gibt es eine latente Energie, wie 1968.

Für einen solchen Satz könnten auch Nostalgie und die Lust am Beschwören Pate stehen. Eine Garantie dafür, dass dies nur französische Soziologenspätromantik ist, gibt es aber nicht.

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