Wann wird man alt?

01.03.2014

50- oder 60-Jährige fühlen sich noch wie 30 und klagen über die zunehmende Masse der alten Menschen

Nicht nur an Geburtstagen in fortgeschrittenem Alter, sondern auch am Beginn eines neuen Jahrs schaut man nicht nur freudig nach vorne, sondern kommt mithin zur Erkenntnis, nicht mehr verleugnen zu können, sich nun und vielleicht sogar endgültig auf der abschüssigen Bahn des Alterns zu befinden. Irgendwann gibt es einen Wendepunkt, den man mittleres Lebensalter nennen könnte, in dem die Jugend aufhört und ein Zenith überschritten wird, der zum Alter und letztendlich zum Tod führt, ab dem also die Endlichkeit klar wird, was auch heißt, dass ab diesem Punkt die Zeit knapp ist.

Verkehrsschild in Singapur: Bild: Woodennature/CC-BY-SA-3.0

Während man früher der Ansicht war, dass der Eintritt ins mittlere Lebensalter so ab 30-40 Jahren beginnt - "Traue keinem über 30!" - und man ab 60-65 Jahre - Ruhestand, empty nest - alt ist, hat sich das in letzten Jahrzehnten verschoben. Das verdankt sich vermutlich vor allem der stetig steigenden Lebenserwartung, die zumindest für Viele mit einer besseren Gesundheit und einem längeren selbständigen Leben einhergeht.

Tatsächlich sehen viele Menschen mit 60 oder 70 vergleichsweise jung aus und sind auch entsprechend körperlich fit. Dazu kommt, dass mit allen Mitteln versucht wird, die Spuren des Alterns zu negieren oder zu kaschieren und den Körper zu trimmen. Es verschwimmen auch im Lebensstil die einst starren Grenzen zwischen Jüngeren und Älteren, was im Selbstverständnis dazu führt, psychisch nicht zu altern, sondern sich als 50- oder 60-Jähriger noch wie 30 zu fühlen und gleichzeitig über die zunehmende Masse der alten Menschen zu klagen.

Entsprechend verschiebt sich die Feststellung, in das mittlere Lebensalter einzutreten. Schön wird dies an einer Umfrage des Gesundheitskonzerns Benenden deutlich, für die 2000 Briten befragt wurden. Das mittlere Lebensalter betrifft danach nicht mehr die 30- oder 40-Jährigen, sondern jetzt kommt man durchschnittlich erst mit 53 Jahren in dieses offenbar auch bedrohlich anmutende Lebensalter. Und fast die Hälfte der Über-50-Jährigen beanspruchen, dass für sie das mittlere Lebensalter noch nicht begonnen hat.

53 Prozent aller Befragten sagen interessanterweise, dass es ein mittleres Lebensalter eigentlich gar nicht gibt. Das heißt dann wohl, dass man von der Jugend plötzlich und übergangslos ins Alter stürzt, dass das Altern nur anerkannt wird, wenn es nicht mehr zu vermeiden ist, also wenn man krank und in seinem Leben eingeschränkt ist. 80 Prozent meinen, das sei sowieso weniger eine Frage des körperlichen Alters als der psychischen Befindlichkeit. 80-Jährige können also auch noch jugendlich sein? Wenn 84 Prozent überzeugt sind, dass man erst dann alt wird, wenn man sich so fühlt, dann scheint man der Magie zu verfallen zu sein.

Woran erkennt man schließlich doch, abgehängt und älter geworden zu sein? Wenn man mit der Technik nicht mehr mitkommt oder keine Lust mehr hat, allen neuen Entwicklungen zu folgen. Oder aber, so Antworten auf die Umfrage, wenn man nicht mehr weiß, worüber die Jungen sprechen. Man fühlt sich auch steif, braucht ein Nickerchen, stöhnt, wenn man sich bückt, kennt die neueren Bands nicht mehr, spricht gerne über Krankheiten oder geht nicht mehr gerne in laute Kneipen. Man findet plötzlich Polizisten, Lehrer oder Ärzte ziemlich jung, jammert mehr herum, sucht öfter mal seine Brille, einen Schlüssel oder ein Buch, pflegt exzessiv seinen Garten, geht lieber am Sonntag auf einen Spaziergang, als im Bett zu bleiben, oder schläft schon nach einem Glas Wein ein.

Nach einer soziologischen Studie scheinen sich die Menschen in den USA von den Briten zu unterscheiden. Mit repräsentativen Umfragen wurde 1995-1996 und 2004-2006 eruiert, welche Faktoren die Ansicht beeinflussen, wann das mittlere Lebensalter beginnt. Im Durchschnitt sagten die Amerikaner, das mittlere Lebensalter beginne mit 44 Jahren und ende mit 60 Jahren. Interessant ist, dass es natürlich eine erhebliche Spannbreite der Antworten gibt, die nicht nur mit dem Alter, sondern auch mit anderen Faktoren zusammenhängen.

So beginnt das mittlere Lebensalter für Nicht-Weiße oder für Menschen mit niedrigem Einkommen früher als bei Weißen oder Reicheren. Da schlägt sich Realismus nieder, schließlich liegt die Lebenserwartung von armen Menschen, etwa auch in Deutschland, um einige Jahre niedriger als die von reichen Menschen. Auch Menschen, die krank sind, die früh geheiratet haben, die geschieden sind oder deren Eltern nicht mehr leben, sehen das Alter früher kommen. Für Männer und Frauen scheinen Frauen schneller zu altern als Männer, da für sie der Eintritt ins mittlere Lebensalter früh einsetzt. Wenig erstaunlich beginnt für junge Erwachsene das mittlere Lebensalter früher als für ältere. Je älter die Menschen werden, je später beginnt für sie das Alter.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (201 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

Anzeige
Cover

Die Form des Virtuellen

Vom Leben zwischen den Welten

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.