Vive la Revolution Digital – und dann?

05.03.2014

Ohne klare Vorstellungen davon zu haben, wie eine Ökonomie nach der fordistischen Massenproduktion und ohne Investmentbanken aussehen könnte, könnte diese Reise in die digitale neue Welt in unwegsamem Gelände enden

Ein Artikel im "The European" berichtete am 26. Februar vom "Niedergang der Slipperschuh-Manager": "Viva la Revolution Digital". Untertitel: "Die Jedermann-Ökonomie ist auf dem Vormarsch." Das klingt ja erstmal gut. Jedermann-Ökonomie, keine Manager mit Slipperschuhen. Die "Stimmen im Land", die diese Revolution beschreiben, gehören "Christoph Giesa und Lena Schiller Clausen, die in ihrem Opus 'New Business Order' dokumentieren, wie die von vielen belächelte unternehmerische Start-up-Szene Wirtschaft und Gesellschaft verändert".

3D-Drucker. Bild: Tiia Monto/CC-BY-SA-3.0

Das "Produzieren" geht dann etwa so: "Mit entsprechender Software wird sich das (…) über 3-D-Drucker abspielen. Mit Scannern ist es jetzt schon möglich, jedes Objekt zu replizieren oder zu veredeln."

Daraus entstehen offensichtlich Folgen für die Logistik und die Organisation der Wertschöpfung:

Wenn Produkte immer seltener in Asien massenproduziert, sondern in Deutschland nach Bedarf und individuell gedruckt werden, betrifft das nicht nur den Produzenten, der sich fragen muss, welche Rolle er in diesem Wertschöpfungsprozess noch spielt. Es betrifft genauso den Händler, egal ob stationär oder online. Es betrifft die Unternehmen, die heute per See- oder Luftfracht die Logistik für die Warenlieferungen koordinieren und ausführen, und schließlich die Logistikfirmen, die in Deutschland die Lagerung und die sogenannte letzte Meile – den Weg zum Endkunden – bedienen‘, schreiben Giesa und Clausen. Die Verwerfungen treten ein, wenn zehn, 20 oder 30 Prozent des Marktes wegbrechen oder von neuen Unternehmen erobert werden.

Christoph Giesa und Lena Schiller

20 oder 30 Prozent des Marktes im sekundären, produzierenden Sektor, weggebrochen oder von neuen Unternehmen erobert? Aber auch der Bankensektor wäre betroffen: Es bekommen "auch die überschlauen und provisionsgierigen Manager in den Investmentbanken (..) ihr Fett weg".

Firmengründer müssen nicht mehr vor der Macht der Banker erzittern und schweißgebadet ihre "Business-Pläne" erläutern, um dann die Gnade der Finanzierung zu erfahren. Sie sprechen direkt mit ihren Kunden über Crowdfunding-Plattformen und überzeugen ihre Unterstützer von der Sinnhaftigkeit ihres neuen Dienstes oder Produktes. Die Transaktionskosten sind minimal, die Barrieren für den Einstieg der Investoren gering und das Risiko überschaubar.

Gunnar Sohn

Das wäre offenbar auf den ersten Blick eine tolle Sache. Richtig ist auch das: "Die Arbeits- und Wirtschaftswelt hängt immer noch am Rockzipfel des fordistischen Industriezeitalters." Und auch dem kann man zustimmen:

Wenn Selbständigkeit bis vor einigen Jahren noch bedeutete, dass man viel alleine arbeitete, bieten virtuelle und reale Netzwerke, Projektgruppen und Gemeinschaftsbüros heute eine Vielfalt an Kooperationsmöglichkeiten und den täglichen Kontakt zu Gleichgesinnten. Die neuen Strukturen sind keine steilen Organisationsdiagramme, sondern breite Netzwerke aus Schnittstellen.

Gunnar Sohn

Alles in allem: ganz wunderbar, die schöne neue digitale Arbeitswelt. Reicht das Arbeitsvolumen der digitalen Arbeitswelt zu Vollbeschäftigung? Hat sich schon mal jemand ausgerechnet, welches Arbeitsvolumen dann insgesamt für eine Volkswirtschaft dabei herauskommt? Wenn Jobs in den Banken wegfallen, in den fordistischen Industriefabriken, bei den Händlern und Logistikfirmen? Wie groß die Chancen dann im Schnitt sind, in dieser New-Business-Order zu den Gewinnern und zu den Beschäftigten zu gehören?

Jeder kennt den Fernsehphilosophen Richard David Precht. Er stammt aus einem Elternhaus, in dem DKP gewählt wurde, und möchte heute noch gerne, dass die Philosophie sich für die Ökonomie interessiert. Also behandelt er die hier beschriebene Problematik auch in der von ihm mitherausgegebenen Zeitschrift Agora42 und befragt Ökonomen, wie eine nachhaltige Ökonomie ohne Wachstum aussehen könnte. Diese verweisen auf eine 15 Jahre alte Studie im Auftrag von Greenpeace, wonach in einer "Geldwirtschaft" ein innerer Wachstumszwang herrscht, der letzten Endes aus einer "Kombination von einkommensabhängiger Sparquote und Liquiditätspräferenz" herrührt – also genau das Phänomen, das zu den schon lange zu beobachteten Niedrigzinsen fast bei null, riesigen Sparguthaben und zu geringer realwirtschaftlicher Nachfrage und Wertschöpfung führt. Mit anderen Worten: Auch ohne eine solche Digitale Ökonomie mit 3D-Druckern und eingescannten Produktkopien gerät die Wirtschaft schon in Schwierigkeiten (Aufwachen im Blasenland).

Zu welchem Ergebnis kämen nun die Ökonomen, wenn sie sich so eine "New-Business-Order-Ökonomie" anschauen? Man kann heute simulieren und berechnen, wie sich eine Ökonomie mit zu wenig Nachfrage und Beschäftigung entwickelt: sie "kippt um", sie pendelt sich nach einer unruhigen Phase von Stagnation ein in ein stabiles Stadium von "Unterbeschäftigungsgleichgewicht", mit einem stark reduzierten Lebensstandard.

Volatilität der "New-Business-Order"

Wenn man nun so eine New-Business-Order-Ökonomie mal einfach machen lassen würde, wird sich dieses komplizierte System der großen globalisierten Ökonomie vermutlich nicht so verhalten, wie die digitalen Revolutionäre sich das vorstellen – denn es sind heute genau diese fordistischen Großunternehmen, die teilweise hunderttausenden Menschen eine geregelte, planbare und sichere Existenz ermöglichen. Sie sind damit ein Stabilitätsfaktor in der Ökonomie, der den jungen Wilden ermöglicht, sich in den bestehenden Maschen und Freiräumen auszutoben. Insgesamt ist dieser Riesendampfer der alten, in den Lehrbüchern beschriebenen Ökonomie noch auf Kurs, zumindest in den Ländern der globalen Wirtschaft, denen es gelungen ist, andere in den Ruin durch mit billigen Löhnen subventionierten Exportüberschüssen zu sparen. In Griechenland sterben Menschen an Hunger und wegen fehlender medizinischer Versorgung, in Italien explodiert die Selbstmordrate, in Spanien ist die Jugendarbeitslosigkeit bei nahe 50 Prozent.

Aber in der ganz freien, totalen New-Business-Order-Ökonomie kämpft dann gewissermaßen jeder gegen jeden. Irgendwann. Wenn die große Sattheit und Sicherheit und der Überfluss der alten Ökonomie mal nicht mehr da sind, deren sichere Arbeitsplätze, die das Erstellen von Online-Shops und Digitalem Marketing aussichtsreich machen, dann geht es auch in der digitalen Ökonomie ums Überleben, und dann könnte der Spaß an der Sache bald verfliegen.

Mit anderen Worten: Es ist dringend erforderlich, dass Ökonomen sich Gedanken machen, wie unter diesen technisch gegebenen Bedingungen ein Modell von Volkswirtschaft aussehen kann, das tatsächlich jedem eine Chance eröffnet, und nicht nur das, sondern auch einen Anspruch, nicht völlig allein gelassen zu sein, auch auf einen Geist solidarischer Mitverantwortung zu treffen - und auf Spielregeln und materielle Gestaltungskomponenten von Ökonomie, Wertschöpfung und Werteverzehr, die jedem eine gute Chance zu Teilhabe an Schaffung und Verzehr von Wohlstand eröffnen.

In Zukunft: Produktionskapital am Ort des Konsums, in den privaten Haushalten?

Das kann man nicht dem Zufall überlassen. Wir können nicht passiv am Rande stehen und zuschauen, wie die Dinge sich regeln, während ein blinder Prozess Menschen in ihr Unglück treibt, in große existenzielle, wirtschaftliche und gesundheitliche Not. Die Ökonomie hängt noch immer an ihren Modellen aus einer Zeit, als die Welt der Wirtschaft aufgeteilt war in Kapital und Arbeit und Arbeitgeber und Arbeitnehmer, und als das anzustrebende Optimum prozessual beschrieben war mit dem Begriff des Pareto-Optimum: Verschwendung von Ressourcen vermeiden und eine bestmögliche Verteilung der Faktoren und der Güter erreichen.

Das geht alles nur in einer wachsenden Wirtschaft, mit transparenten, offenen Märkten. Was aber, wenn die digitalen Technologien so effizient sind, dass (menschliche) Vollbeschäftigung vollkommen sinnlos sein würde und die Produktion zunehmend aus der Allokation über Märkte herausfällt? Digitale Fabrikation ermöglicht, in Zukunft einen bedeutenden Teil des persönlichen häuslichen Bedarfs zu Hause, am Ort des Konsums, herzustellen. Der amerikanische Materialwissenschaftler Joshua Pearce erwartet daher auf dieser Basis eine "post-scarcity-economy, in which 'replicators' can create a vast array of objects on demand, resulting in wealth for everyone at very little cost." (Joshua Pierce).

Noch weiter geht der am MIT in Cambridge, USA, lehrende Physiker und Informatiker Neil Gershenfeld. Er proklamierte im März 2013 die "Wissenschaft der Digitalen Fabrikation" (Gershenfeld MIT), mit der es in Zukunft möglich sein soll, dass "jeder jederzeit alles" herstellen kann (New Digital Revolution). Darauf ist die Ökonomie bisher eine Antwort schuldig geblieben.

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