"Die Kritiker sprechen mir magische Kräfte zu"

06.03.2014

Gespräch mit Thilo Sarrazin über sein neues Buch und den "linken Tugendterror"

"Linker Tugendterror" schränke zunehmend die Meinungsfreiheit ein, behauptet Thilo Sarrazin in seinem neuen Buch. Das Immer-Noch-SPD-Mitglied hat mit seinem Bestseller "Deutschland schafft sich ab" zwar nicht unter Meinungsfreiheit gelitten, sondern die islam- und ausländerfeindliche Stimmung in einem Teil der Bevölkerung getroffen, obgleich er auch die gebärfreudige, aber wirtschaftliche überflüssige Hartz-IV-Unterschicht insgesamt für den drohenden Untergang Deutschlands verantwortlich machte. Jetzt also zieht er gegen die "Gutmenschen" und ihren "Tugendterror" zu Felde. Angeblich verhindere die herrschende "Gleichheitsideologie", etwa von angeborenen Unterschieden "zwischen Männern und Frauen, zwischen klugen und dummen Menschen, zwischen Fleißigen und Faulen" zu sprechen.

Thilo Sarrazin bei der Vorstellung seines letzten Buchs im Mai 2012: Sparen, bis der Euro kracht. Bild: Silvio Duwe

Herr Sarrazin, Ihr neues Buch trägt den Titel "Der neue Tugendterror". Wann haben Sie sich zuletzt terrorisiert gefühlt?

Thilo Sarrazin: So einfach ist das nicht. In jeder Gesellschaft gibt es Grenzen dessen, was man sagen darf. Wer dagegen verstößt, muss mit Sanktionen rechnen; derlei ist auch historisch bedingt. Ich bin mittlerweile 69 Jahre alt und seit über 50 Jahren Zeitungsleser. Ich habe einen guten Überblick über die deutsche Medienlandschaft. Die Bandbreite dessen, was sanktionsfrei sagbar ist, ist in den vergangenen zwanzig Jahren stetig geschrumpft.

Sie sagen, man begegne im Alltag vielen Denk- und Redeverboten. Welches hat Sie dazu animiert, das Buch zu schreiben?

Thilo Sarrazin: Das, was wir öffentliche Meinung nennen, ist stets sozial vermittelt. Die Menschen halten das, was sie in den Medien lesen, für die öffentliche Meinung. Da die meisten Menschen gern mit ihrer Umwelt in Einklang leben, neigen sie dazu, sich an das anzupassen, was ihnen als öffentliche Meinung vermittelt wird. Das gibt den Medien so eine große Macht. Bei den Reaktionen der Medien auf "Deutschland schafft sich ab" wurde mir die Bedeutung einer manipulativen und verfälschenden Berichterstattung bewusst.

Manipulation? Harte Worte.

Thilo Sarrazin: Es handelt sich um eine universale Medienerscheinung. Auslöser der Wut in den Medien waren nicht die von mir erwähnten Fakten und Statistiken, sondern meine Fragestellungen. Diese verstießen gegen ein ideologisch geprägtes Gleichheitsgebot, das die Medien beherrscht. Derjenige, der Fragen stellt und Antworten gibt, die dazu nicht passen, darf moralisch angezweifelt werden, falsch wiedergegeben werden, verleumdet werden und so weiter. Alles scheint erlaubt, um ein unpassendes Weltbild zu diffamieren.

"Wer dem Gleichheitswahn nicht folgt, muss mit Häme rechnen"

Sie fühlen sich in Deutschland tatsächlich unfrei?

Thilo Sarrazin: Es geht nicht um meine Gefühle, ich analysiere. Der Gleichheitswahn möchte angeborene Unterschiede in den menschlichen Begabungen oder die Bedeutung von kulturellen und religiösen Unterschieden für Bildungsleistung und Lebenserfolg am liebsten ganz leugnen. Fast gar nichts liegt am Menschen selber, fast alles an den Umständen und sozialen Ungerechtigkeiten. Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zwischen klugen und dummen Menschen, zwischen Fleißigen und Faulen, werden geleugnet, oder sie sollen keine Bedeutung haben. Zur Gleichheitsideologie dominiert in den Medien ein relativ geschlossenes Weltbild, an dem nicht gerüttelt werden darf.

Inwiefern?

In meinem Buch formuliere ich 14 Maximen des Gleichheitswahns, die ich im Einzelnen diskutiere. Ich greife drei heraus: 1) Wer reich ist, sollte sich schuldig fühlen. 2) Männer und Frauen haben bis auf ihre physischen Geschlechtsmerkmale keine Unterschiede. 3) Das traditionelle Familienbild hat sich überlebt, Kinder brauchen nicht Mutter und Vater. Wer diesem Gleichheitswahn nicht folgt, muss mit Häme und Herabsetzung rechnen.

Apropos: In einem Kapitel haben Sie sich nochmals mit der teils heftigen Kritik befasst, die Ihnen im Jahr 2010 entgegen schwappte. Sie nennen das eine Fallstudie - passt auch das Wort Abrechnung?

Thilo Sarrazin: Ich will nicht leugnen, dass mich viele Reaktionen und Beschimpfungen zunächst persönlich getroffen hatten. Ich habe dann aber schnell erkannt, dass es sich um ein systemisches Problem der Medien handelt. Das Kapitel 2 meines Buches analysiert auf 70 Seiten die damaligen Medienreaktionen, zum Beispiel die systematische Benutzung gefälschter Zitate. Wenn der eine oder andere Journalist bei der Lektüre dieses Kapitels rote Ohren kriegt, weil er ertappt wurde, so nehme ich das billigend in Kauf.

Sie haben bei Ihren früheren Buchveröffentlichungen stets betont, man solle sich die Statistiken anschauen. Herr Sarrazin, auf welches Quellenmaterial stützen Sie Ihre neuen Thesen?

Thilo Sarrazin: Falls Sie meinen Feststellungen nicht trauen, studieren sie doch bitte meine 575 Fußnoten und den Anmerkungsapparat von 40 Seiten im Einzelnen. Ich arbeite stets so, dass keine einzige potentiell streitige Sachbehauptung unbelegt bleibt.

Zum Beispiel?

Thilo Sarrazin: Ich zitierte zum Beispiel Statistiken, die die politische Haltung von Journalisten zeigen. Wir wissen, dass bereits in den 70er Jahren, als die CDU bei der Bundestagswahl fast 50% der Stimmen erreichte, zur gleichen Zeit 76% der Journalisten sozial-liberal wählten, also SPD und FDP. Das war damals der Gegensatz. Seither ist viel geschehen. Eine Umfrage des Hamburger Instituts für Journalistik kam vor wenigen Jahren zu dem Ergebnis, dass etwa 40% der Journalisten den Grünen zuneigen, 26% die SPD bevorzugen - und nur 9% CDU wählen. Fazit: Der Blick der Journalisten auf die Welt steht deutlich links von den Meinungen der Bürger. Das begünstigt eine einseitige Weltsicht und Problembeschreibung in den Medien.

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