Warnung vor der Wiederkehr eines wissenschaftlichen Rassismus

06.03.2014

Durch die Genomforschung und die personalisierte Medizin werde Rassismus wieder salonfähig, sagt die Anthropologin Nina Jablonski

Die Anthropologin Nina Jablonski sieht in der Wissenschaft immer wieder einmal einen Rassismus hervorkommen, der immer ein anderes Gesicht zeigen kann. Das Wissen über das Genom und die Gentechnik könnten, so warnt sie, zu einer Neuauflage des wissenschaftlichen Rassismus führen.

Darstellung der Doppelhelix. Bild: gemeinfrei

Hintergrund der Besorgnis, die Jablonski während der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science Mitte Februar zum Ausdruck gebracht hat, ist die auf der Genetik beruhende personalisierte Medizin. In der Regel wird sie als vorteilhaft beschrieben, weil Medikamente individuell oder gruppenspezifisch angepasst werden sollen. Allerdings werden hier auch genetische Merkmale bestimmten Gruppen zugeschrieben, die dadurch wieder genetisch unterschieden werden, wie man das früher mit den Rassen als angeblichen menschlichen Unterarten machte.

Noch beunruhigender sei die Tendenz, genetische Informationen für unterschiedliche Zugänge zum Lernen zu verwenden. Die Vorstellung, so die Anthropologin, dass bestimmte Individuen und Gruppen aufgrund ihrer Gene unterschiedlich lernen und so unterschiedliche, auf ihre angeblichen genetischen Merkmale zugeschnittene Lernprogramme benötigen würden, sei womöglich schon ein erster Schritt zu einem neuen Rassismus durch den Slogan "getrennt, aber gleich", mit dem in den USA die Rassentrennung legalisiert wurde.

"Wir müssen permanent beobachten", so Nina Jablonski, "wie die Informationen über die Unterschiede der menschlichen Gene genutzt und interpretiert werden. Jedes Überzeugungssystem, das Menschen auf der Grundlage genetischer Begabungen oder unterschiedlicher körperlicher oder geistiger Merkmale zu trennen sucht, ist in der menschlichen Gesellschaft einfach nicht zulässig." Die menschliche Art sei durch regelmäßige Vermischungen der Menschen und Ideen gekennzeichnet, daher seien neue Gründe, Menschen trennen zu wollen, abzulehnen.

Mit der Aufklärung kam der Rassismus

In den Wissenschaften kam zur Zeit der Aufklärung Ende des 17. Jahrhunderts der Ansatz auf, nicht nur Pflanzen und Tiere nach ihren körperlichen Merkmalen zu klassifizieren, sondern auch die menschliche Art in Unterarten oder Rassen aufzuteilen. Nach Francois Bernier legte dafür vor allem Carl von Linné den Grundstein. Er unterschied nicht nur vier Rassen anhand von körperlichen Merkmale, sondern wies diesen auch charakterliche Eigenschaften zu, was in den Rassentheorien, die höhere und niedere unterschieden, dann gang und gäbe wurde.

Auch Kant versuchte sich in der Rassentheorie, führt die Unterschiede in "Von den verschiedenen Racen" aber im Wesentlichen auf das Klima (feuchte Kälte führt zu Blonden und feuchte Wärme zu Schwarzen) und die räumliche Trennung zurück: "Neger und Weiße (sind) zwar nicht verschiedene Arten von Menschen (denn sie gehören vermuthlich zu einem Stamme), aber doch zwei verschiedene Racen: weil jede derselben sich in allen Landstrichen perpetuirt, und beide mit einander nothwendig halbschlächtige Kinder Blendlinge (Mulatten) erzeugen." Kant unterscheidet vier Rassen: " 1) die Race der Weißen, 2) die Negerrace, 3) die hunnische (mungalische oder kalmuckische) Race, 4) die hinduische oder hindistanische Race. Zu der erstern, die ihren vornehmsten Sitz in Europa hat, rechne ich noch die Mohren (Mauren von Afrika), die Araber (nach dem Niebuhr), den türkisch=tatarischen Völkerstamm und die Perser, imgleichen alle übrige Völker von Asien, die nicht durch die übrigen Abtheilungen namentlich davon ausgenommen sind."

Kant spricht auch von "erblichen Völkercharakteren". In der Mitschrift der Vorlesung über "Physische Geographie" (1755) war der Rassismus bei Kant noch vollausgeprägt. Kulturell ganz oben standen natürlich die weißen Europäer, wozu er auch die Araber und Perser rechnete, während die Indianer das Schlusslicht bilden: "In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen. Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften." Schlicht in allem sind die Europäer überlegen: "Der Einwohner des gemäßigten Erdstriches, vornehmlich des mittleren Teiles desselben ist schöner an Körper, arbeitsamer, scherzhafter, gemäßigter in seinen Leidenschaften, verständiger als irgend eine andere Gattung der Menschen in der Welt. Daher haben diese Völker zu allen Zeiten die anderen belehrt und durch die Waffen bezwungen." Allerdings verwarf Kant später solche Folgerungen und unterschied die menschlichen Rassen vor allem aufgrund der Hautfarne.

Die angebliche Überlegenheit der europäischen "Rasse" blieb dann in pseudowissenschaftlichen Rassismustheorien prägend von Chamberlain über die Legitimation zum Sklavenhandel bis zu den Nazis. Dazu kamen dann Theorien von der Reinheit von überlegenen Rassen, die durch Eugenik bewahrt und verbessert werden müssten, während man unterlegene Rassen vernichten oder versklaven konnte.

Der medizinische Neorassismus

Für Jablonski entsteht die neue Neigung zum wissenschaftlichen Rassismus aber aus anderen Beweggründen, die erst einmal nichts mit rassistischen Überzeugen zu tun haben müssen. Die "wissenschaftlichen Neorassisten" würden oft mit guter Absicht, genombasierte Interventionen befürworten. So weiß man, dass Menschen in bestimmten Teilen Nordeuropas ein höheres Risiko haben, an Mukosviszidose zu erkranken, aber es treffe eben nicht zu, dies als ein Merkmal der europäischen Rasse zu bezeichnen.

Medizinische Wissenschaftler vorwiegend in den USA würden weiterhin bei Gesundheits- oder Krankheitsmuster in epidemiologischen Studien oft die alten Rassenkonzepte von Weißen, Schwarzen oder Afroamerikaner, Asiaten etc. benutzen, auch wenn, wie Jablonski hervorhebt, die angeblichen rassischen Muster von Diabetes, Bluthochdruck oder Alkoholismus auf ähnliche Umweltbedingungen oder auf soziale Schichten zurückgehen. Wegen der hohen Wertschätzung der medizinischen Wissenschaft würde die Einteilung in Rassen eine neue Wertschätzung erfahren. Aber die Menschen würden sehen, was sie sehen wollen. Die Wissenschaftler konstruieren ihre Studien so, dass die Ergebnisse herauskommen, die sie erwarten. Das Rassenkonzept habe keinen Platz mehr in der Wissenschaft, schon allein weil es zu instabil und offen für falsche Interpretationen sei: "Es wird nicht leicht sein, ein neues Vokabular für die menschliche Diversität zu erfinden, aber es ist notwendig."

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