Ukrainekonflikt: Deutsche Wirtschaft alarmiert

06.03.2014

"Wir dürfen nicht dahin kommen, dass Unternehmen sich entschuldigen müssen, weil sie Geschäfte mit Russland machen"

Während USA und EU mit Sanktionen drohen und das US-Außenministerium Putin in einem "Factsheet" zehn falsche Behauptungen vorhält, mit denen er die "russische Agression in der Ukraine" rechtfertige, zeigen sich Politiker, die auf eine längere und reichere Erfahrung mit Russland zurückgreifen können, empathischer und klüger. So klärt der in den 1970er Jahren als Außenminister amtierende Henry Kissinger, gewiss kein Pazifist, die US-Politik darüber auf, welche Grenzen sie tunlichst zu beachten habe, dazu gehöre zum Beispiel, die Besonderheit zu sehen, welche die Ukraine für Russland habe; sie einfach als russlandfremdes Territorium zu sehen, hält er für politisch falsch.

In französischen Medien unternimmt der ehemalige Gorbatschow-Berater Andrej Gratschew die Aufgabe, auf die Besonderheit der Ukraine für Russland hinzuweisen und darauf, dass das Schüren eines aggressiven Klimas das falsche Signal wäre. Übrigens betonte schon der in Deutschland so geschätzte Gorbatschow, die Wichtigkeit der Ukraine für Russland (laut einem älteren Spiegelartikel hielt er die ukrainische "Region" für einen Teil Russlands. Gratschew plädiert für Diplomatie, wirbt für ein größeres Verständnis der anderen Seite.

Dass die Konfrontationspolitik nicht besonders klug ist, bestätigen auch deutsche Wirtschaftsvertreter, vornehmlich aus der Autoindustrie und dem Maschinen- und Anlagenbau. Rund 300.000 Arbeitsplätze hängen am Russlandgeschäft, schätzt der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft, der sich alarmiert darüber zeigt, dass die Auseinandersetzungen über die Ukraine zu einer Sanktionensspirale führen. Laut Ostausschuss sind 6.200 Unternehmen mit deutscher Beteiligung in Russland tätig.

Von 20 Milliarden Euro an Direktinvestitionen in russische Produktionsstandorte, spricht Eric Schweitzer, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHK), der vor einem möglichen Konjunktureinbruch warnt, wenn der Konflikt nicht durch Miteinanderreden gelöst werde. Er mache sich große Sorgen über Auswirkungen auch auf Arbeitsplätze:

Die Ukraine und insbesondere Russland haben eine recht große Bedeutung für die deutsche Wirtschaft. Wir exportieren in die Ukraine Produkte für 5,5 Milliarden Euro. Damit haben wir acht Prozent Anteil an ihren Importen. Unser Export nach Russland erreicht 36 Milliarden Euro - das ist übrigens nur knapp halb so viel, wie wir nach China liefern.

Zwar ist China auch für die Automobilindustrie bekanntlich der Markt, auf den sich die größten Absatzhoffungen richten; aber der russische Markt hat zuletzt an Bedeutung gewonnen. So zitiert die FAZ den VW-Vorsitzenden Martin Winterkorn damit, dass Russland für sein Unternehmen der strategische Wachstumsmarkt Nummer eins in Europa sei. 2020 könnte Russland der wichtigste Automarkt in Europa sein, wird vom Opel-Chef Karl-Thomas Neumann prognostiziert. Schon jetzt sei das Land der drittgrößte Markt für sein Unternehmen.

Auch der Verband der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) teilte heute die Einschätzung seines Verbindungsbüros in Moskau mit, wonach Sanktionen gegen Russland wenig bewirken, was die Konfliktlösung im Fall Ukraine angeht, aber dafür unangenehme Folgen hätten. Russland sei der viertwichtigste Absatzmarkt weltweit.

2013 wurden Maschinen und Anlagen für rund 7,8 Milliarden Euro nach Russland verkauft. Allen voran Bau- und Baustoffmaschinen (10,1 Prozent), Landtechnik (7,2 Prozent), Fördertechnik (7,2 Prozent), allgemeine Lufttechnik (6,9 Prozent), Werkzeugmaschinen (6,6 Prozent), und Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen (6,3 Prozent). Deutschland liegt bei den Importen von Maschinen nach Russland deutlich vor China, Italien und den USA.

Ulrich Ackermann

Siemens, das derzeit große Schwierigkeiten auf dem brasilianischen Markt hat, plant mit milliardenschweren Projekten in Russland.

Der deutsche Handel mit Russland, wo auch Großhändler wie Metro auf Milliardenumsätze hoffen, ist ohnehin ins Schwächeln geraten, so der Ost-Ausschuss. Sowohl die Importe aus Russland, im vergangenen Jahr 40,4 Milliarden Euro, als auch die Exporte nach Russland - 36 Milliarden Euro im letzten Jahr, sind laut Zahlen des OA um fünf Prozent gesunken. Das würde sich mit Sanktionen weiter verschlechtern.

Befürchtet beim Ost-Ausschuss wird nicht nur ein Problem mit Visavergaben und Rohstoffen, einem neu belebten Misstrauen zwischen Geschäftspartnern, sondern auch ein "gewaltiges Imageproblem": "Wir dürfen nicht dahin kommen, dass Unternehmen sich entschuldigen müssen, weil sie Geschäfte mit Russland machen", wird OA-Geschäftsführer Rainer Lindner zitiert.

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