Neuverschuldung Null

10.03.2014

Wer nimmt Schäubles Schulden auf?

Hurrra! Der deutsche Finanzminister kann glaubhaft verkünden: In 2015 wird die Bundesregierung erstmals seit 1969 keine neuen Schulden aufnehmen, sondern nur soviel Geld ausgeben, wie sie eingenommen hat. Da stellt sich die Frage: Wer wird jene Schulden aufnehmen, die sich die Bundesrepublik spart?

Schulden machen kann nur der, dem andere Geld leihen. Und so schön es für den Schuldner "Bundesrepublik Deutschland" und seine Finanzagentur GmbH ist, endlich mal außer der Refinanzierung der vergangenen Kredite nicht die Bilanz weiter aufblasen zu müssen, so stirnrunzelnd dürfte jetzt der eine oder andere Volkswirt dasitzen und sich fragen: In welches Schuldenloch drängen künftig die exponentiell wachsenden Geldvermögen?

Von 2011 zu 2012 wuchsen die globalen Geldvermögen um 8%, und entsprechend müssen auch die Schulden um dieselbe Größenordnung gewachsen sein. Die Geldvermögen der einen sind immer die Geldschulden der anderen, denn Geld entsteht durch Kredit und wird innerhalb der Volkswirtschaften durch Leihe weitergegeben. Bei jedem Leih-Vorgang entsteht ein Vertrag, bei dem der "Geldbesitzer" als Gläubiger Vermögen parkt, während der Kreditnehmer als Schuldner Vermögen "absorbiert". Wenn die Bundesrepublik Deutschland ab 2015 als großer Geld-Absorber ausfällt, steht die Frage: Bei wem parken die Millionäre, die Pensionsfonds und all die kleinen und großen Sparvereine dann ihre wachsende Kohle? Sicher nicht unter dem Kopfkissen.

Geld ist kein "Ding", sondern ein Verrechnungssystem. Der mutmaßliche Erfinder von Bitcoin Satoshi Nakatomo hat diese Erkenntnis in Software gegossen: Jede Transaktion im System wird per doppelter Buchführung erfasst (und massenhaft gespiegelt). Die dezentrale Verwaltung all der Buchhaltungsvorgänge fehlt im fossilen Bankensystem, aber das Grundprinzip ist dasselbe: Die Vermögen des einen sind die Schulden eines anderen (und umgekehrt), woraus wir schlussfolgern müssen: Wenn die Bundesrepublik als Neuverschuldner ausfällt, werden die dort nicht parkbaren Geldvermögen in andere Ritzen und Löcher quellen. Keinesfalls können sie unverzinst "aus dem System" genommen werden, denn sie SIND das System.

Werden also künftig Griechenland und Spanien wieder Geldmengen angeboten werden, die die dortigen Geldmarktzinsen drücken? Werden neue Blasen entstehen, indem neue Hotels an der Mittelmeerküste wachsen oder luftige Startups aufgebläht werden? Wird der Aktienmarkt zu neuen Höhen ansetzen, weil die Kohle irgendwo untergebracht werden muss? Oder werden - die EZB möge es um In-Flationswillen verhindern! - tatsächlich die Geldvermögen stagnieren, damit die Schulden im System mitstagnieren können?

Ironischerweise hat die seit 2007 grassierende Finanzkrise dazu geführt, dass viele Leute Angst um ihr bisschen Gespartes haben, ohne dass eine intensivere Diskussion darüber in Gang kam, dass das Gesparte des einen eben irgendwo (möglichst risikoarm) in Form von Schulden im System untergebracht werden muss, wenn nicht BEIDES ausgebucht werden soll. Dieser stark auf die individuelle Vermögenserhaltung fokussierte Egoismus verhindert bislang eine Diskussion auf systemischer Ebene und damit eine Weiterentwicklung des bestehenden Finanzsystems. Die durch den Bitcoin-Hype angestoßene Diskussion wird reduziert auf das spekulative Element und die derzeit wie Fliegen fallenden Bitcoin-Börsen, aber eine Diskussion über die Systemarchitektur wird nur in Spezialforen geführt.

Weil innerhalb einer Ökonomie Ausgaben = Einnahmen bzw. Ausgabenüberschüsse = Einnahmenüberschüsse, resultiert die Höhe der Einnahmenüberschüsse Einzelner oder einer Gruppe aus der Höhe der Ausgabenüberschüssen einer Komplementärgruppe. Bild: Wolfgang Waldner & C.G.Brandstetter

Dabei ist eine Lösung der Finanzkrise ganz bestimmt nicht dadurch lösbar, dass eine einzelne europäische Regierung ohne Neuverschuldung auskommt, denn dadurch wird nur die Verschuldung anderer Sektoren im selben Währungsraum beschleunigt. Notwendig ist eine Diskussion über die Saldenmechanik im System sowie über jene Faktoren, die ein immer weiter wucherndes Wachstum der Vermögen und Schulden erzwingen. So lange diese beschleunigenden Mechanismen im bestehenden Finanzsystem nicht neutralisiert sind, wird Krise auf Krise folgen und letztlich wieder bei Schäuble ankommen: Denn der Schuldenberg der Bundesrepublik und vieler Kommunen ist ausreichend groß, um durch einen krisenbedingten Zinsanstieg auch Deutschland in den Staatsbankrott zu treiben.

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