Gesund altern dank J. Craig Venter?

11.03.2014

Eine neue Firma - Human Longevity, Inc. - will das Leben verlängern

Hochkarätige Wissenschaftler, viel Geld und geballte Analysekraft - die neue Firma von J. Craig Venter setzt auf ein Konzept, das sich schon bei seinen bisherigen Projekten bewährt hat. Und auch die Ziele sind ähnlich hoch gesteckt: Venter will ein längeres und gesünderes Leben ermöglichen. Die Grundlagenforschung wird davon profitieren, aber das allein wird nicht zu neuen Therapien führen und der kommerzielle Erfolg ist auch fraglich.

Speaktrale Karyotyp-Analyse. J. Craig Venter Institute

Der Forscher und Unternehmer J. Craig Venter setzt sich gern große Ziele. Zuerst die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts: Mit seiner Firma Celera Genomics etablierte er neue Technologien und setzte den akademischen Forschungsbetrieb mächtig unter Druck. Dann wandte er sich der synthetischen Biologie zu und erzeugte einen Organismus, der - in seinen Augen - eine künstliche Lebensform darstellte. Als Forscher war der medienverliebte Venter dabei höchst erfolgreich, die Bilanz als Unternehmer blieb jedoch zwiespältig - die erhofften Gewinne lassen bis heute auf sich warten.

Nun also die menschliche Alterung. Eine lohnende Aufgabe für Venter, als Forscher und als Unternehmer: Die Hintergründe und Mechanismen des Alterns sind weiterhin unklar, da bleibt viel Raum, um Venters wissenschaftlichen Ruhm zu mehren. Und der potentielle Absatzmarkt könnte größer kaum sein - altersbedingte Krankheiten betreffen jeden und verursachen riesige Kosten.

Nicht kleckern, sondern klotzen - das war schon immer Venters Devise. 70 Millionen US-Dollar sammelte er schon vor dem Start seiner neuen Firma Human Longevity, Inc. (HLI). Gleich auf der ersten Pressekonferenz umgab er sich mit hochkarätigen Wissenschaftlern. Und zur Grundausstattung von HLI gehören zwanzig brandneue DNA-Sequenzierer der Firma Illumina (die nicht ganz zufällig auch zu den ersten Investoren gehört). Jedes einzelne dieser Geräte kann pro Tag fünf menschliche Genome sequenzieren - das ermöglicht bis zu 40 000 Genome im Jahr. Die Konkurrenz hat Venter damit schon hinter sich gelassen.

Genom, Mikrobiom, Metabolom

Die Sequenzierung des menschlichen Genoms ist aber nur der Anfang - dazu kommt das Genom der Bakterien, die den Menschen besiedeln. Tausende Bakterienarten leben im Darm und auf der Haut, und Ärzte vermuten, dass dieses sogenannte Mikrobiom einen großen Einfluss auf die menschliche Gesundheit hat. Und letztlich soll auch noch das Metabolom - die Stoffwechselprodukte im Blut - bestimmt werden. Genom, Mikrobiom, Metabolom: Eine Kombination dieser drei Analysen ergäbe eine Datenbank, die weltweit seinesgleichen sucht.

Alterstypische Krankheiten wie Krebs, Herzschwäche und Demenz sind erste Kandidaten. Die Gesundheitsdaten der Patienten sollen ebenfalls in die Datenbank einfließen - und das wäre der eigentliche Coup. Denn Venter beseitigt damit ein großes Defizit: Tausende Genome sind schon sequenziert, doch über den Menschen dahinter wissen die Forscher meist wenig. Viele wichtige Korrelationen zwischen Genen und Krankheiten bleiben deshalb unentdeckt.

Datensätze, die Genotyp und Phänotyp der Patienten umfassen, ließen sich bestens verkaufen - hofft jedenfalls Venter. Offenkundige Interessenten wären Firmen aus der Pharmabranche, die beständig nach genetischen Anhaltspunkten suchen, um die Entwicklung neuer Medikamente voranzutreiben. Venters Ziel ist es hier also nicht, selber neue Therapien entwickeln. Er will nur anderen die Arbeit erleichtern.

Ein zweites Standbein von HLI sollen Stammzelltherapien werden. Venter hat sich dazu den renommierten Experten Robert Hariri ins Boot geholt, der im Erbgut von alternden Stammzellen nach charakteristischen Veränderungen fahnden soll. Wie aus diesen Analysen neue Therapien entstehen können, erklärt Venter allerdings nicht.

In der Gründung von HLI spiegeln sich die Stärken von Venter wider. Kaum jemand sonst schafft es, gleichzeitig hochkarätige Wissenschaftler und finanzkräftige Investoren für hochambitionierte Projekte zu begeistern. Und mit griffigen Formulierungen die größtmögliche mediale Aufmerksamkeit zu sichern. Doch während bei Venters bisherigen Projekten die Ziele klar definiert waren (Genom entschlüsseln, künstliches Leben erschaffen), bleibt dies bei HLI seltsam vage. Alterungsprozesse verlangsamen - das kann alles und nichts bedeuten. Mit einer derart diffusen Zielsetzung unterscheidet sich Venter kaum von akademischen Forschern, an denen er sonst kein gutes Haar lässt.

Und dies könnte es Venter auch schwer machen, mit HLI Geld zu verdienen. Schon Celera Genomics krankte daran, dass die Gensequenzen, welche Venter für teures Geld verkaufen wollte, auch von den rivalisierenden öffentlichen Instituten veröffentlicht wurden - kostenfrei. HLI könnte das gleiche Schicksal erleiden: Viele akademische Forscher verfolgen fast deckungsgleiche Ansätze, wenn auch kleiner und weniger gut finanziert, und werden ihre Daten öffentlich zur Verfügung stellen. Venter muss wesentlich bessere Datensätze erzeugen, um nicht wieder mit leeren Händen dazustehen.

Das HLI wird großartige Grundlagenforschung betreiben, bei Venter ist dies quasi garantiert. Ob die Firma auch kommerziell erfolgreich sein wird, ist da schon deutlich zweifelhafter. Und bezüglich der Verlängerung des Lebens sollte man auch nicht allzu optimistisch sein: Ein konkretes Konzept dazu bleibt Venter bislang schuldig.

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