Die Ackerland-"Einkaufstour" in Rumänien

11.03.2014

Landgrabbing: Investoren profitieren von der EU-Osterweiterung im großen Stil

Es müssen nicht unbedingt große Öl-oder Gasvorkommen sein, um ein Land für Investoren und große Konzerne interessant zu machen: Auch fruchtbare Ackerböden, die auf großen Flächen zu weitaus günstigeren Preisen als im Westen zu haben sind, in einem Land, dessen Arbeitskräfte zu einem erheblich billigeren Lohn zu haben sind und dazu die Aussicht, mit Subventionen rechnen zu können, versprechen hohe Renditen - und nicht nur für ein paar Wochen. Das gilt für die Ukraine.1 Und das gilt in besonderem Maß für Rumänien, das hierzulande in Schlagzeilen meist nur als arme, bedürftige EU-Verwandtschaft auftaucht, die Angst vor "Sozialleistungstouristen" schürt und das Stammtischgefühl: "Wir werden ausgenutzt." Wie aber, wenn es auch andersherum wäre, wenn westliche Wirtschaftsunternehmen längst schon die Armut des Landes ausnutzen?

Die Liste der Agrar-/Lebensmittelunternehmen, die beim Run auf rumänische Ackerböden mit feinster Schwarzerde dabei sind, ist allerdings nicht rein westlich. In ihrem aktuellen Lagebericht zum großen Interesse an Agrarland in Rumänien führt die französischen Journalistin Marianne Rigaux neben französischen Agrar-bzw. Nahrungsmittelunternehmen wie Limagrain, Bonduelle oder der Invivo-Gruppe - eine europäische Marktgröße, verbunden mit dem amerikanischen ADM-Konzern - auch Investoren aus dem Libanon und den Golfstaaten als Landkäufer auf.

Dazu kommen Investoren aus Deutschland, Frankreich, Dänemark, Italien, der Türkei und China - wie etwa der Webseite eines Unternehmens der österreichisch-Arabischen Handelskammer (AACC) zu entnehmen ist. Das wirbt damit, bei der ANCA (Beratungsstelle des rumänischen Landwirtschaftsministeriums) akkreditiert zu sein und ständigen Kontakt zur APIA (Subventionsstelle der EU) zu unterhalten. Hier finden sich die Vorteile Rumäniens für die Investoren prägnant zusammengefasst:

Als Teil der EU bietet Rumänien größtmögliche rechtliche Sicherheit und ein hohes Entwicklungspotential. Die 9 Mio. Hektar Ackerland in Rumänien zählen zusammen mit den Böden in Mecklenburg-Vorpommern und Ukraine zu den fruchtbarsten Weltweit (!). Vor 10 Jahren betrugen die Bodenpreise noch ca. € 500 je Hektar. Heute liegen die Preise im Westen Rumäniens bei ca. € 3.500 bis € 4.500 je Hektar für Klasse A Land, im Süden noch bei ca. € 2.500 je Hektar. Im Vergleich zu Westeuropa sind diese trotz der Preissteigerungen in den letzten Jahren noch sehr günstig.[...]Die EU Subventionen betragen in Rumänien derzeit in der Regel € 180 je Hektar (Zuschläge für Bioanbau) sowie zwischen 30% - 70% für die Anschaffung von Maschinen und Errichtung von Betrieben, wie Farmen, Viehmastbetriebe, Schafzucht und Milchwirtschaft. Daneben gibt es noch eine Reihe von staatl. Subventionen wie z.B. Personaleinstellungen.

In Dänemark würde ein Hektar rund das Zehnfache kosten, in Frankreich liege der Durchschnittspreis bei 5.400 Euro, berichtet Marianne Rigaux. Nach ihren Angaben lockt Rumänien die Investoren mit etwa 10 Millionen Hektar, "ungefähr der Fläche Portugals", an fruchtbarem Ackerland. Zwar stellt auch Rigaux heraus, dass EU-Regelungen, die seit 2014 in Kraft sind, den Landkauf für EU-Mitglieder erleichtern, und dass EU-Subventionen die Profitaussichten heben, aber ihr Bericht bringt auch jene Seiten des Geschäfts zum Vorschein, die in den Werbebotschaften für Investoren nicht auftauchen.

Die örtlichen Bauern wehren sich kaum

Dazu gehört, dass rumänische Bauern in der Masse nicht davon profitieren. Man könnte es auch Ausverkauf nennen, der in Studien detailliert dokumentiert wird. Die Ackerland-"Einkaufstour", an der auch Fonds beteiligt sind und deutsche Firmen, dauert schon etwas länger, weswegen sich eine erste, für rumänische Agrarbetriebe ernüchternde Schlussfolgerung ziehen lässt: Die einheimischen Betriebe konnten von dem Interesse nicht profitieren, wie man sich das vielleicht vorgestellt hatte.

Rumänien habe auf "Druck der Investoren" schon vor dem Stichtag 01.01.2014 die Bedingungen für den Landkauf erleichtert, so Rigaux. Zu Beginn verlangten die Behörden noch den Nachweis, dass ein ausländischer Investor landwirtschaftliche Erfahrung nachweist und die Größe der Fläche, die an einen Investor verkauft werden durfte, war auf 100 Hektar beschränkt.

"Somewhere near the Fruška Gora (Serbien), sometime in the Summer of 2001", Foto: Jorge Reyes Zamorano; Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Die Verantwortlichen in Rumänien wurden wahrscheinlich von guten, großzügigen Argumenten der Investoren überzeugt. Sie gaben nach; sie hofften, wie es bei Rigaux nachzulesen ist, darauf, dass die Kaufkraft der Rumänen in einigen Jahren genug angewachsen sei, dass rumänische Agrarbetriebe und Unternehmen mit der Konkurrenz aus dem EU-Westen und reichen arabischen Staaten mithalten könnten. Ein realitätsferner Gedanke. Daraus wurde nichts.

Die örtlichen Bauern wehren sich wenig gegen den Verkauf. Der Großteil der 4,7 Millionen Bauern sei zu alt, zu arm und nicht so informiert, wie es nötig wäre, wird ein Beobachter der rumänischen Graswurzelorganisation Eco Ruralis zitiert, sie würden sich nicht selten auf den Bürgermeiste verlassen, der meist die Argumente der Investoren wiederkäut.

Wenn man versucht, die Bauern in den Dörfern darauf aufmerksam zu machen, welche Folgen der Landverkauf hat, so sagt die Mehrheit, dass sie verkaufen wollen, weil sie alt sind und ihre Kinder etwas anderes machen und die Landwirtschaft nicht übernehmen wollen. Wir raten ihnen oft, das Land nur zu verpachten, statt es zu verkaufen, aber oft brauchen sie bares Geld.

Dankbare Ansprechpartner für die zahllosen Land-Makler, die auf Rumäniens Fluren unterwegs sein sollen. Die Zukunft könnte dann so aussehen wie in einem Ort namens Chirnogi, fürchtet Rigaux. Dort ist das Unternehmen Agro Chirnogi der beherrschende Agrarbetrieb, hinter ihm steht der libanesische Investor Jihad El Khalil.

Lebten 2002 in Chirnogi, als das Unternehmen dort ansiedelte, noch 40.000 Bewohner, so sind es nun noch 7.000. Die kleinteiligere Landwirtschaft verschwand, die Alten starben weg, die Jungen verließen den Ort. Zwischen 600 und 700 Bewohner finden als Saisonarbeiter ihr Auskommen. Der Bürgermeister ist (wie auch der frühere Premierminister) wegen Bestechung und Betrug angeklagt. Und natürlich wird Landwirtschaft im großen Stil betrieben, mit Pestiziden in größeren Mengen und anderen Begleiterscheinungen, die bei PR- und Lobbyauftritten nicht erwähnt werden.

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