Ausbildung und Arbeitsplätze: Wie bloß unsere Lücken füllen?

16.03.2014

Der Bedarf an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern schafft, was der Kopenhagen-Prozess seit über 10 Jahren vergeblich gefordert hat

Die naturwissenschaftlichen Studiengänge sind deutlich schwieriger als ihre geistes- oder sozialwissenschaftlichen Verwandten. Entsprechend hoch liegt die Abbrecherquote in den sogenannten MINT-Fächern. War dies in den vergangenen Jahren für viele Unternehmen kein Problem, zeigt sich nun, dass mit den fertig ausgebildeten Ingenieuren und Naturwissenschaftlern der Bedarf nicht mehr zu decken ist. Die Politik, die Industrie und inzwischen sogar das Handwerk fordern nun, dass für diese Studienabbrecher endlich leichtere Übergänge in die Berufswelt geschaffen werden (Studienabbrecher: Zukunftschance Handwerk?). Dass dies bereits 2002 auf EU-Ebene beschlossen wurde, interessiert dabei niemanden mehr. Der Fachkräftemangel macht endlich möglich, was seit über 10 Jahren Realität sein sollte.

"2010 beendete jeder vierte Studierende das Studium ohne einen hochschulischen Abschluss. In den MINT-Fächern brach fast jeder Zweite das Studium vorzeitig ab. Neben dem volkswirtschaftlichen Schaden eines Studienabbruchs ist dies vor allem für die Betroffenen eine sehr negative Lebenserfahrung" , sagt Markus Fels, Pressesprecher beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zu Telepolis. Das Ministerium wolle Studienabbrechern in relativ kurzer Zeit einen berufsqualifizierenden Abschluss in der beruflichen Bildung ermöglichen.

Auch im Handwerk entdeckt man nun die Attraktivität der Studienabbrecher aufs Neue. "Das Handwerk muss um Studienabbrecher werben, gilt es doch eine drohende Fachkräftelücke zu schließen" , sagt Dr. Stefan Baron, Abteilungsleitung Bildungspolitik beim Baden-Württembergischen Handwerkstag, gegenüber Telepolis.

Einer Studie des HIS zufolge, so Baron weiter, läge die Abbrecherquote unter den Bachelor-Studierenden in den Ingenieurswissenschaften bei rund 50 Prozent. Diese wechselten viel zu häufig in vermeintlich leichtere Studienfächer.

Aus Sicht des Handwerks muss man ihnen zurufen: Bleib Dir und Deinen Neigungen treu und komme lieber ins Handwerk, bevor Du beispielsweise eine Geistes- oder Sozialwissenschaft studierst.

Vor wenigen Jahren konnte ein vorzeitiger Studienabbruch das Ende einer Karriere bedeuten, noch bevor sie begonnen hatte. Vielen Studienabbrechern blieb nur die Möglichkeit, alles, was sie bis dahin gelernt und geleistet hatten, mit auf den Abfallhaufen ihrer nicht mehr benötigten Studienunterlagen zu werfen und komplett neu zu beginnen.

Lohnkostenersparnis

Sie mussten sich, mit dem Makel des Abbrechers behaftet, in einem Unternehmen auf eine Lehrstelle bewerben und alles, was sie bis dahin an Lernleistungen erbracht hatten, von Neuem erwerben. Den Unternehmen brachte diese Praxis beträchtliche Vorteile. Sie nutzen, was jemand konnte, und bezahlten weniger als für jemanden mit Abschluss.

In einer vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie in Auftrag gegebenen Studie, in der 250 kleine und mittlere Unternehmen befragt wurden, zeigte sich, dass in vielen dieser Unternehmen Studienabbrecher durchaus positiv gesehen wurden. Neben einer besonders hohen Loyalität dem Unternehmen gegenüber, einer hohen Motivation, beruflicher Erfahrung und auch Lebenserfahrung, wurde insbesondere auch der Vorteil der Lohnkostenersparnis hervorgehoben.

"Kopenhagen Prozess": Das System der Credit-Points

Dabei verständigten sich bereits 2002, die in den jeweiligen EU-Staaten zuständigen Minister und die Europäische Kommission auf eine verstärkte Zusammenarbeit im Bereich der beruflichen Ausbildung. Das Ziel war es ein dem Bologna-Prozess vergleichbares Credit-Point-System zu schaffen, anhand dessen bereits abgeleistete Ausbildungsmodule anerkannt und der Prozess der beruflichen Ausbildung transparenter und einfach gestaltet werden sollte.

"Work is happy". Bild: Jenieragav; Lizenz: CC BY-SA 3.0

Nun kann das System der Credit-Points unter den Studierenden und Lehrenden der Universitäten durchaus kontrovers diskutiert werden. Für einen Studienabbrecher wären solche Credit-Points auf eine berufliche Ausbildung anrechenbar und damit auch verwertbar gewesen. Aus Sicht des Studienabbrechers sicherlich wünschenswert. Für Unternehmen auf der Suche nach Fachkräften jedoch ein Kostenfaktor.

Möglicherweise ist die politische Forderung des Kopenhagen-Prozesses deshalb mit den Jahren versandet. Erst der zunehmende Fachkräftemangel scheint diesem Anliegen die nötige politische Durchschlagskraft zu verleihen. Fels, vom BMBF, sagt, dass die Situation der Studienabbrecher mit einer neuen Initiative verbessert werden solle.

Entscheidet man sich für einen Wechsel in die berufliche Bildung, so können die im Studium erbrachten Leistungen berücksichtigt werden.

Auch der Baden-Württembergische Handwerkstag sieht nun neue Möglichkeiten für Studienabbrecher. Klar sei, so Baron, dass dies alles kein Selbstläufer sei.

"Es bedarf einer fundierten Beratung durch Hochschulen und Handwerk und es muss genau geprüft werden, welche Inhalte des bereits absolvierten Studiums auf die Ausbildung angerechnet werden können." Das Mindestmaß solle überall die Verkürzung um ein Jahr aufgrund der Hochschulreife sein. Und natürlich gebe es in einzelnen Berufsgruppen auch die Möglichkeit, eine Ausbildung mit einem Bachelor-Studium zu verzahnen.

Letztlich muss das Handwerk daran arbeiten, aus Sicht der Studierenden als attraktive Alternative wahrgenommen zu werden.

Das wäre sicherlich der Satz gewesen, der einem Studienabbrecher vor 10 oder 15 Jahren eine neue Tür geöffnet hätte. Warum er erst jetzt kommt, bleibt unklar. Für die Unternehmen zumindest heißt es immer häufiger: Wenn sich niemand finden lässt, der die Arbeit erledigen will, müssen die Personaler eben ein bisschen offener werden gegenüber den individuellen Lebens- und Lernleistungen.

Und für den Nachwuchs gilt: Es stehen viele Türen offen und es lohnt sich, genau zu überprüfen, ob es nicht einen besseren Arbeitgeber gibt. Ob der viel zitierte Fachkräftemangel daher ein Nachteil ist, muss jeder für sich entscheiden.

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