Heterodoxes vom IWF

23.03.2014

Der Internationale Währungsfond (IWF) gilt seit Jahrzehnten als eine Hochburg des Neoliberalismus, nun scheint sich etwas zu verändern

Bekannt und heftig umstritten ist der IWF für seine unnachgiebige marktliberale Linie in allen Fragen der Wirtschaftspolitik. Telepolis brachte vor kurzem einen Artikel über die desatrösen Folgen der Politik des Fonds am Beispiel der Ukraine (Die wirtschaftliche Lage in der Ukraine). Ein Plädoyer für Umverteilung und mehr Gleichheit bei Einkommen oder Vermögen würde man von dieser Seite daher zuletzt erwarten. Jedoch überrascht seit einiger Zeit seine volkswirtschaftliche Abteilung mit heterodoxen, ja häretischen Studien, die wesentliche Fundamente der neoliberalen Agende offen in Frage stellen.

Die letzte Studie aus dieser Serie erschien vor wenigen Wochen und verblüfft mit der impliziten Aufforderung einer politischen Kehrtwende um 180 Grad. Redistribution, Inequality, and Growth fordert zum Abschied von einem zentralen Dogma des Fond auf. Schon das Summery" hat es in sich:

Zusammenfassung: Der Fonds hat in den letzten Jahren erkannt, dass man die Frage nach Wirtschaftswachstum und Stabilität auf der einen Seite nicht von der Frage nach Gleichheit auf der anderen Seite trennen kann. Tatsächlich gibt es gute Gründe für die Annahme Ungleichheit und die Unfähigkeit zu nachhaltigem Wirtschaftswachstum als zwei Seiten der gleichen Medaille zu betrachten. Zentral für das Mandat der Fonds ist eine Beratung, die den Volkswirtschaften der Mitglieder ein nachhaltiges Wachstum ermöglicht. Aber der Fonds war zu Recht vorsichtig, eine Umverteilungspolitik zu empfehlen, da es als gegeben galt, dass eine solche Politik wirtschaftliche Effizienz und die Aussichten für ein nachhaltiges Wachstum hintertreiben könnte (die sogenannte "leaky bucket" Hypothese des berühmten Yale Ökonomen Arthur Okun aus den 1970er Jahren). Dieses SDN (Staff Discussion Note) folgt den vorherigen SDN über Ungleichheit und Wachstum und fokussiert auf die Rolle der Umverteilung. Es stellt fest, dass es aus der Sicht der besten verfügbaren makroökonomischen Daten nicht viele Hinweise darauf gibt, dass Umverteilung in der Tat Wirtschaftswachstum hintertreibt (außer in extremen Fällen). Man sollte daher vorsichtig sein, und nicht annehmen - wie es Okun und andere getan haben - dass es einen großen tradeoff zwischen Umverteilung und Wachstum gibt. Die besten verfügbaren makroökonomischen Daten unterstützen eine solche Schlussfolgerung nicht.

Arthur Okuns Essay "Equality and Efficiency, the Big Tradeoff" aus dem Jahr 1975 war ein Traktat, der fast vollständig auf Empirie verzichtete, dafür jedoch griffige Formulierungen für eine liberale Grundüberzeugung fand: Jede Umverteilung von den Reichen zu den Armen kostet Effizienz und schmälert damit den Kuchen, der verteilt werden könnte.

Alle Versuche, den Kuchen in gleiche Stücke aufzuteilen, machen den Kuchen kleiner. Dies begründet den Trade-off zwischen ökonomischer Gleichheit und ökonomischer Effizienz. … Das Geld muss von den Reichen zu den Armen in einem Eimer transportiert werden, der ein Loch hat. Ein Teil davon geht auf dem Weg zu ihnen ganz einfach verloren, so dass die Armen niemals das ganze Geld erhalten, das den Reichen genommen wird.

Der "löchrige Eimer" (leaky bucket) steht für Verwaltungskosten (die in liberaler Perspektive bloße Verluste darstellen) und für "incentive effects", also für "Anreize", die die Armen daran hindern, mehr zu arbeiten und die Reichen daran, mehr zu investieren, da sich das auf Grund der hohen Steuern ja nicht mehr so recht lohnt.

Der "löchrige Eimer" hat in der englischsprachigen ökonomischen Literatur schnell Karriere gemacht und wurde zu einem geflügelten Wort, brachte er doch Mitte 1970er das antikeynesianische Ressentiment auf den Punkt. Für eine ökonomische Theorie, die an eine automatische Effizienz der Märkte glaubt, spricht er eine Selbstverständlichkeit aus. Wenn Märkte, greift der Staat nicht in sie ein, automatisch zum Optimum führen, muss jede Umverteilung zu einem suboptimalen Resultat führen. Dies ist eine tautologische Konsequenz. Der Okunsche Gedanke findet sich daher schon bei Alfred Marshall (1842 bis 1924), einem der Gründerväter der neoklassischen Ökonomie:

Angenommen, eine gleichmäßigere Verteilung des Wohlstands sei wünschenswert, inwieweit rechtfertigt dies Veränderungen der Institution des Eigentums oder Beschränkungen des freien Unternehmertums, wenn dies zu einer Reduzierung des globalen Wohlstands führt?

Die Umkehrung gilt selbstverständlich genauso: Wenn Umverteilung hin zu mehr Gleichheit nicht notwendig das Wirtschaftswachstum untergräbt, sondern im Gegenteil im Allgemeinen zu höherem und stetigerem Wachstum führt, ist es um das Dogma von der automatischen Effizienz der Märkte geschehen. Und genau dies legt die Studie des IWF nahe:

Unsere wichtigsten Resultate sind:

Erstens, stärker ungleiche Gesellschaften tendieren zu einer stärkeren Umverteilung. Es ist also für das Verständnis der Beziehung zwischen Wachstum und Ungleichheit wichtig, zwischen Marktungleichheit und der Netto-Ungleichheit zu unterscheiden.

Zweitens, eine geringere Netto-Ungleichheit korreliert in robuster Weise mit einem schnelleren und nachhaltigeren Wachstum auf einem gegebenen Niveau der Umverteilung. Diese Resultate unterstützen unsere früheren Arbeiten.

Und drittens, Umverteilung scheint im Allgemeinen einen positiven Einfluss auf das Wachstum zu haben, allein in extremen Fällen gibt es einige Hinweise, dass Umverteilung negative Effekte auf das Wachstum haben könnte.

Also, zusammengenommen sind die direkten und indirekten Effekte von Umverteilung, einschließlich der Wachstumseffekte der resultierenden geringeren Ungleichheit, im Mittel positiv für das Wachstum. Auch wenn wir uns die Grenzen der Datenlage und die einer länderübergreifenden Regressionsanalyse im Allgemeinen bewusst machen, sollten wir trotzdem Sorgfalt walten lassen, und nicht annehmen, dass es einen großen "Trade-off" zwischen Umverteilung und Wachstum gibt. Die besten zur Verfügung stehenden makroökonomischen Daten unterstützen diese Annahme nicht.

Nimmt die Politik diese Erkenntnis ernst, zieht dies einen Rattenschwanz an wirtschaftspolitischen Konsequenzen nach sich. Politik wird mit einer solchen Agenda sehr viel komplizierter, als wenn sie den einfachen neoliberalen Rezepten folgt: Nicht mehr der bloße Rückzug des Staates aus den Märkten ist dann erfolgversprechend, sondern die Frage stellt sich: Welche Form der Umverteilung führt zu welchem Wachstum? Und auf welche Weise kann die (offenbar notwendige) staatliche Intervention in die Märkte optimal gestaltet werden?

Die Studie hat einige Resonanz im Netz ausgelöst:

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