Chaos bei Zeit Online: Mal gilt der Ethik-Kodex, mal gilt er nicht

Redaktion trennt sich von Autor, der für Russland Heute geschrieben hat - und misst mit zweierlei Maß

Zeit Online misst offensichtlich mit zweierlei Maß. Der Chefredakteur des Onlinemediums hat am 8. März kurzen Prozess gemacht und die Zusammenarbeit mit einem freien Autor beendet. Grund: Der ehemalige Russland-Korrespondent Moritz Gathmann, der für die Redaktion über die Ereignisse in der Ukraine berichtete, hatte auch für die vom Kreml finanzierte Publikation Russland Heute geschrieben. Zeit Online sah darin einen Interessenkonflikt und im Besonderen einen Verstoß gegen den hausinternen "Code of Ethics". Das Problem ist, dass der Ethik-Kodex bei Zeit Online offenbar nur selektiv Anwendung findet. Beiträge von Autoren, die für die Printausgabe der Zeit arbeiten, aber bei Zeit Online erscheinen, fallen nicht unter den "Code of Ethics", sagt der stellvertretende Chefredakteur des Onlinemediums Markus Horeld. Der Deutsche Journalisten Verband (DJV) kritisierte gegenüber Telepolis das Vorgehen des Chefredakteurs, der die Trennung von Gathmann per Twitter verkündet hatte.

Pressehaus der Zeit in Hamburg. Bild: Manfred Sauke/CC-BY-SA-3.0

"Es widerspricht unseren Grundsätzen, dass Autoren, die in dem Journalismus nahe stehenden, interessengesteuerten Bereichen arbeiten, für uns über dieselben Themenbereiche schreiben", meinte jüngst Zeit Online Chefredakteur Jochen Wegner in einem Interview in Sachen Gathmann.

Doch bei genauerer Hinsicht wird deutlich: Dem journalistisch-ethischen Anspruch wird Zeit Online nicht in jedem Fall gerecht. So werden dort etwa auch Beiträge von reputierten Autoren aus der Printausgabe der Zeit veröffentlicht, bei denen ebenfalls Interessenkonflikte auszumachen sind - allerdings offenbar ohne Bedenken.

Die Begründung der Redaktionsleitung erstaunt: Autoren, die für die gedruckte Ausgabe der Zeit schreiben und nicht direkt für Zeit Online tätig sind, unterliegen demnach nicht dem Ethik-Kodex des Onlinemediums. In anderen Worten: Mit einem Artikel, der mit dem Code of Ethics von Zeit Online kollidiert, hat die Redaktion dann keine Probleme, wenn er auch in der gedruckten Ausgabe erscheint - selbst wenn der Artikel auch auf Zeit Online publiziert wird. Das verdeutlichte der stellvertretende Chefredakteur von Zeit Online in einem Telefonat mit Telepolis.

Mit den Artikeln aus der gedruckten Ausgabe habe man, so die lapidare Antwort, auch im Prinzip nichts zu tun, da diese einfach in einem "technischen Prozess" einliefen. Darauf aufmerksam gemacht, dass die Verantwortlichen bei Zeit Online die Augen vor dem Problem verschließen, sagte Horeld, er könne in der veranschlagten Praxis keinen Konflikt erkennen. In einer Email schreibt er: "Ich kann keinen 'double standard' erkennen. Wir reden über das Print-Archiv, das wir (also ZEIT ONLINE) nicht anfassen, denn es gehört Print."

"Neue Macht - neue Verantwortung"

Um das Problem an einem konkreten Fall zu verdeutlichen: Als Anfang des Jahres weite Teile der politischen Elite des Landes von Frank-Walter Steinmeier (SPD) über Ursula von der Leyen (CDU) bis zu Joachim Gauck eine stärkere deutsche Verantwortung in der Welt anmahnten, stand dahinter ein Strategiepapier zweier Denkfabriken, das im Vorjahr von einer 50-köpfigen transatlantischen Studiengruppe erstellt worden war (Wir sind die Guten). Titel des Papiers: "Neue Macht - neue Verantwortung". Zu den Teilnehmern der Gruppe gehörten neben Regierungs- und Konzernvertretern (Daimler, Bertelsmann, BDI) auch der Zeit-Journalist Jochen Bittner.

Derselbe Jochen Bittner verfasste dann Anfang Februar einen Artikel für die gedruckte Ausgabe der Zeit, der den angestrebten Wechsel in der deutschen Außenpolitik wohlwollend beschrieb. Um es noch einmal zu wiederholen: Ein Autor der Zeit hat an der Erstellung eines zentralen Papiers zweier Denkfabriken mitgearbeitet, schreibt für die Printausgabe der Zeit einen Artikel über genau dieses Thema, ohne dass seine eigene Beteiligung an der Arbeit der Lobbygruppen Erwähnung findet. Im Text wird lediglich die Verbindung zum Initiator des gesamten Projektes eingeräumt, Thomas Kleine-Brockhoff, damaliger Direktor des "German Marshall Fund of the United States", früherer Zeit-Redakteur und jetziger Chef des Planungsstabes von Bundespräsident Gauck.

Offensichtlich ist die Redaktion im Nachgang auf "das Problem" aufmerksam gemacht worden, so dass die Zeit später eine "Klarstellung" veröffentlichte, auf die Horeld Telepolis nun hinwies. Dort heißt es:

In dem ArtikelKurs auf die Welt (ZEIT Nr. 7/14) über die außenpolitische Neuorientierung Deutschlands erwähnten unsere Autoren unter anderem ein Studienprojekt der Stiftung Wissenschaft und Politik und des German Marshall Fund über die Bausteine einer deutschen Sicherheitsstrategie. Einer der Autoren des Artikels, Jochen Bittner, war Teilnehmer dieses Projekts. Die Gruppe setzte sich aus gut fünfzig Teilnehmern zusammen und erarbeitete im Laufe des vergangenen Jahres das Papier "Neue Macht, neue Verantwortung".

Derselbe Artikel ist dann auch bei Zeit Online erschienen - dort allerdings ohne "Klarstellung", denn: Bittner ist nun mal kein direkter Autor von Zeit Online, also unterliegt er nicht deren Ethik-Kodex. Dass die Leser von Zeit Online hier nicht über die Hintergründe des Artikels informiert werden, spielt offenbar keine Rolle.

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