US-Neokonservative: Doping durch Putin

20.03.2014

Die Kündigung der amerikanischen RT-Journalistin Liz Wahl verweist auf ein Netzwerk von US-Think-Tanks, die sich von einer Wiederbelebung des "Kalten Krieges" ein Ende der amerikanischen Kriegs-und Konfliktmüdigkeit erhoffen

Am Montag, den 03 März, kritisierte die amerikanische Fernsehjournalistin und Künstlerin Abby Martin in ihrem Programm "Break The Set" die russische Intervention auf der Krim und wich damit von der Redaktionslinie ihres Senders RT ab, "die russische Sicht auf das internationale Geschehen und die Entwicklung innerhalb Russlands an das Publikum im Ausland heranzutragen". Am darauffolgenden Mittwoch kündigte die amerikanische RT-Ansagerin Liz Wahl vor laufenden Kameras, weil sie nicht länger Teil eines Medienverbunds sein wollte, das Putins Handlungen "reinwäscht".

Ein paar Minuten später, so die RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan, reagierte die Konkurrenz, "glowing with Schadenfreude": "CNN, NYT, so gut wie alle". Bei der BBC wurde RT als Sender für "naive Journalisten" porträtiert; bei Slate fragte man sich, wie der "bizarre Fernsehsender", nachdem das propagandistische Motiv der Berichterstattung nun öffentlich ersichtlich wurde, überhaupt noch gute Gäste für seine TV-Shows bekommen könne.

Weniger bekannte Kommentatoren stellten größere Zusammenhänge her - ein anti-amerikanisches Komplott, das den "Spion Snowden" über den "Snowdenista" Glenn Greenwald mit Julian Assange und RT zu einem Netzwerk verbindet.

Der Auftritt der beiden amerikanischen RT-Mitarbeiter fügte sich zunächst in einfache Schemata, die den russischen Fernsehsender als reinen Propagandaapparat porträtierten. Zumal Liz Wahl am Tag nach ihrer Kündigung noch einmal ihren Patriotismus und ihren Glauben an Wahrhaftigkeit herausstellte - "Ich bin stolz Amerikanerin zu sein und ich überzeugt davon, dass man die Wahrheit verbreiten muss" - und gestand, dass es sie "krank machte", dass sie bei RT gearbeitet habe.

"Meinungsfreiheit möglich"

Dass Wahls Kollegin Abby Martin ihre Sendung bei RT fortführte, fand dagegen weniger Aufmerksamkeit. Abby Martin stellte klar, dass sie ihre Meinung geäußert habe, dass dies bei RT möglich sei und selbstverständlich in ihrem Programm.

Sie kritisierte ihrerseits, dass die Aufmerksamkeit der MSM für ihre Position stark nachgelassen habe, als sich herausstellte, dass sie Positionen vertrat, die nicht in einfache, aber gefragte Raster passen wollten. Abby Martin hatte sich zuvor auch gegen US-Interventionen ausgesprochen.

Kündigung bei "Putin TV"

Indessen gewann die Kündigung von Liz Wahl die größere Aufmerksamkeit bei CNN, Fox News und MSNBC, ging aus ihrer Geschichte doch deutlicher hervor, dass das RT-Hauptquartier, mitten in Washington, D.C - 1325 G Street Northwest - gelegen, ein Instrument der Medienkriegsführung gegen die USA sei. Wie nun die Jornalisten Max Blumenthal und Rania Khalek behaupten, war der Auftritt Wahls kein spontaner Gewissensakt, sondern ein vorbereiteter Zug im Medienkrieg.

Wahl sei seit längerem schon im Streit mit RT gelegen, nicht aus politischen Gründen, sondern über das Salär und ihre Position, sie fühlte sich kaltgestellt - eine Situation, über die der Daily-Beast-Journalist James Kirchick gut Bescheid wusste und zu nutzen verstand, indem er sie in ihrem Schritt bestärkte, möglichst bald zu kündigen und dies in einem spektakulären Akt, behaupten Blumenthal und Khalek. Dafür haben sie plausible Hinweise, wie auch für den politsch interessanten Hintergrund des Medienmanövers: eine enge Verbindung von James Kirchick zu Neocon-Think Tanks mit einer Agenda, die sich von der Rückkehr der Fronten des Kalten Krieges einen neuen Aufwind erhofft.

Enge Verbindungen

Das enge Verhältnis zwischen den Journalisten Liz Wahl und James Kirchick dokumentiert etwa der Artikel, mit dem Kirchick zur Kündigung Wahls erklärt, warum "Putin TV" als Wahrheitsverdreher eine Gefahr für die Mediennutzer ist. Kirchick und Wahl feierten sich dann in einem Selfie.

Kirchick kennt Wahl schon länger und er wusste, dass sie sich mit Kündigungsgedanken trug, wie auch aus dem Artikel ersichtlich wird. Für Blumenthal und Khalek ist es deshalb kein Rätsel, dass der neokonservative Think Tank Foreign Policy Initiative (mit Kristol, Kagan und Edelman im Direktorium) schon vor der RT-Sendung Bescheid wusste, was passieren wird und davor twitterte, dass man den Sender einschalten sollte, weil in 20 bis 25 Minuten "something big" passieren würde. 10 Minuten vor der sendung wurden die Leser noch einmal aufgefordert, unbedingt RT anzuschalten.

Verräter und mutige Journalisten

Kirchick, so Blumenthal und Khalek, war ein "senior fellow" bei der Foreign Policy Initiative (FPI) , die direkt aus dem Think Tank "Project for a New American Century" hervorging. Deren Zielrichtung besteht laut dem Weekly Standard-Mann William Kristol darin, gegen kriegsmüde Post-Irak-Attitüde der US-Regierung, die sich beispielsweise an den Kürzungen des Verteidigungsbudgets zeigt, anzukämpfen, die Konfrontation mit Russland ist ein gutes Feld, um hier eine Wende einzuläuten.

Auch bei der Foundation for Defense of Democracies, das für einen härteren Konfrontationskurs gegen Iran eintritt, sei Kirchick gut vernetzt, der Think Tank habe mindestens 1,5 Millionen Dollar an Spenden von Sheldon Adelson erhalten, der den Abwurf einer US-Atombombe auf die iranische Wüste vorgeschlagen habe.

Zum Netzwerk gehört desweiteren auch das Emergency Committee for Israel, dessen Berater Michael Goldfarb, sich beim Konflikt zwischen Russland und Georgien aufseiten Micheil Saakaschwilis stellte, der wiederum den Washingtoner Think Tank "Orion Strategies" mit Geldgaben unterstützte. Auch Kirchick interviewte georgische Offizielle, die ihm Orion verschafft hatte.

Die Verbindungen, die Blumenthal und Khalek in ihrem Artikel detaillierter aufführen, lesen sich wie eine Art Remake dessen, was man von neoconservativen Netzwerken aus den Zeiten des Irak-Kriegs erfuhr. Eine wichtige Rolle bei der Aufstellung der "neuen Schurken" aus Sicht dieser Netzwerke spielt Edward Snowden als Verräter und Journalisten wie Glenn Greenwald und Jeremy Scahill. Liz Wahl, die von RT-Kollegen als unpolitisch bezeichnet wird, gilt dagegen als mutige Heldin des Journalismus.

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