Der Equal Pay Day und die 22 Prozent

23.03.2014

Jahr für Jahr wird unter Berufung auf offizielle Statistiken berichtet, dass Frauen beim Lohn diskriminiert werden. "Frauen verdienen 22 Prozent weniger als Männer", lautet die Begründung. Diese Zahl und auch andere sind wissenschaftlich gesehen Unsinn

Wie seit einigen Jahren wurde am 21. März 2014 in Deutschland der Equal Pay Day begangen; der Tag für gleiche Bezahlung beider Geschlechter. Er macht auf die ungleiche Entlohnung von Männern und Frauen aufmerksam. Nach Eigendarstellung der Business and Professional Women Germany wurde der Tag von der Business and Professional Women's Foundation in den USA ins Leben gerufen.

Der 21. März 2014 war ein besonderes Datum:

Das Datum des Aktionstags markiert den Zeitraum, den Frauen über das Jahresende hinaus arbeiten müssen, um auf das Vorjahresgehalt ihrer männlichen Kollegen zu kommen. 2014 findet der Equal Pay Day am 21. März statt.

Gemeint ist der Durchschnitts-Bruttostundenlohn, der nach einer Studie der EU sowie nach drei maßgebenden Studien in Deutschland bei Frauen relativ einstimmig um rund 22 Prozent geringer ist als der von Männern. Der Unterschied wird als Lohnlücke, Gender Pay Gap oder Gender Wage Gap bezeichnet.

Auch in diesem Jahr wurde über den Equal Pay Day berichtet. Der Bayerische Rundfunk titelte "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!", der MDR, die Süddeutsche Zeitung oder der Stern berichteten, dass Frauen 80 Tage umsonst, und somit bis zum 21. März, arbeiteten.

Die offizielle Berichterstattung deutete an, dass Frauen in Lohnfragen auf Grund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Bei der sublimen Andeutung blieb es jedoch. Nahezu nirgendwo fand sich die Aussage, dass Frauen auf Grund des Geschlechts lohndiskriminiert werden. Die Aussage wurde nicht gewagt. Das hat seinen Grund. Wie bereits im Vorjahr dargelegt (Lohndiskriminierung von Frauen), ist die Aussage, dass Frauen 22 Prozent weniger als Männer verdienen, zwar korrekt, besitzt aber keinerlei Aussagekraft.

Man traue keiner Statistik, die man nicht verstanden oder gelesen hat

Der Statistik kommt in der heutigen Gesellschaft eine besondere Rolle zu. Sie ist ein mächtiges Mittel, um subjektiv empfundene Zustände rational und objektiv zu be- oder widerlegen. Sie ist aber ebenso besonders geeignet als Mittel der politischen Meinungsmanipulation, die scheinbar rationale und wissenschaftliche Erkenntnisse zur Bestätigung politischer Agendae missbraucht.

Das liegt in der Materie selbst gegründet. Aus einer Korrelation wird gerne leichtsinnig und in fälschlicher Weise auf einen Kausalzusammenhang geschlossen. Dann fehlen hin und wieder Kontrollgruppen, die solche statistische Erhebungen oftmals1 völlig nutzlos machen.2 Und aus einer selektiven Grundgesamtheit wie Gefängnisinsassen3 oder psychiatrisierten Patienten wird auf die Allgemeinheit geschlossen oder es fehlt schlichtweg die Verbindung.

Auf Fragen basierenden Studien wohnt eine besondere Brisanz inne, weil sie in gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Die zu Grunde liegenden Fragen müssen, nach wissenschaftlichen Kriterien, objektivierbar sein und dürfen nicht subjektiv sein. Wer danach fragt, ob ein Proband sich "angegriffen gefühlt" hat, erhält eine hochgradig subjektive Antwort.4 Doch Antworten auf solche Fragen sind kein Indikator auf objektiv erlebte Gewalt, sondern lediglich auf subjektiv empfundene.

Heutige Journalisten ziehen sich mehr und mehr darauf zurück, lediglich die Kurzzusammenfassungen und Pressemitteilungen von Studien zu rezitieren, ohne sie jemals – mitsamt ihren manchmal subjektiven Fragebögen –, gelesen zu haben. Ein eindrückliches Beispiel hierfür ist die Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, die, wie ein Forent von Telepolis aufzeigte, mit subjektiven Befragungen arbeitete, wahrscheinlich, um große Zahlen zu produzieren und damit eine politischen Agenda mit scheinwissenschaftlichen Ergebnissen zu hinterlegen (Deutlich mehr gewalttätige Machos in Nordeuropa.

Die berüchtigten 22 Prozent und politisch-statistische Fallen

Solche Tricks mögen aufmerksamen Lesern sattsam bekannt sein. Wesentlich diffiziler geht es bei den Veröffentlichungen zur Lohnlücke zwischen Männern und Frauen zu. Der Lohnunterschied von 22 Prozent zwischen Männern und Frauen wird weitgehend als Lohndiskriminierung dargestellt. Weshalb eine solche Lohnlücke eine Diskriminierung – eine Benachteiligung auf Grund des Geschlechts – sein soll, wird zwar nicht erwähnt, die Häufigkeit der Behauptung scheint aber die Argumentlosigkeit wett zu machen. Zwischen Informatikern und Rohrverlegern (im engen Sinne) besteht wohl eine noch größere Lohnlücke. Niemand würde hier von Diskriminierung sprechen, sondern eher von der persönlichen Veranlagung, den einen Beruf zu ergreifen oder den anderen nicht.

Das komplizierte Feld der Statistik hält jedoch eine weit verborgenere Falle bereit. Auch wenn Frauen im aggregierten Mittel 22 Prozent weniger verdienen als Männer können sie tatsächlich mehr verdienen als Männer. Eine solche Aussage lässt den Atem anhalten, weil sie paradox klingt. Das ist sie jedoch nicht. Es handelt sich um ein Scheinparadoxon. In der Wissenschaft ist es als Simpson-Paradoxon bekannt.5

Das Scheinparadoxon erklärt sich durch ein Beispiel anhand einer fiktiven Kleinuniversität. An der Universität bewerben sich 1000 Männer und 1000 Frauen. Von den männlichen Bewerbern werden 340 und von den weiblichen lediglich 280 angenommen. Es scheint, als ob prozentual6 mehr männliche als weibliche Bewerber angenommen werden. Aber das Gegenteil ist der Fall: weibliche Bewerber hatten tatsächlich eine höhere Aufnahmequote.

Wie kommt es zu der paradoxen Feststellung? Die fiktive Universität hat zwei Fachbereiche: Soziologie und Physik. Pro Fachrichtung bewarben sich jeweils 1000 Personen. Die Bewerbungen sahen im Detail so aus:

  • Im Bereich Soziologie bewarben sich 200 Männer und 800 Frauen, von denen lediglich 10% der Männer, jedoch 20% der Frauen angenommen wurden. So wurden 20 Männer und 160 Frauen angenommen.
  • Im Bereich Physik bewarben sich 800 Männer und 200 Frauen. Von den Männern wurden 40% und von den Frauen hingegen 60% angenommen. Das ergibt in absoluten Zahlen 320 angenommene Männer und 120 angenommene Frauen.

In jedem Fachbereich wurden deutlich mehr Frauen "bevorzugt"7 als Männer. Dennoch wurden auf die gesamte Universität bezogen (aggregierte Daten) prozentual mehr Männer als Frauen "bevorzugt".

Das Scheinparadoxon löst sich auf, wenn man berücksichtigt, dass in diesem Beispiel die Aufnahmequoten der Fachrichtung Physik deutlich höher lagen als diejenigen der Soziologie. Nicht das Geschlecht war ausschlaggebend, sondern die Fachrichtung. Frauen bewarben sich in dem Beispiel wesentlich häufiger auf die Fachrichtung mit niedrigeren Aufnahmechancen.

Aggregierte statistische Daten wie das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen, die das Simpson-Paradoxon nicht berücksichtigen, haben somit keinerlei Aussagekraft. Der Equal Pay Day gründet sich, wenn er richtig berechnet worden wäre, auf diese Daten und steht so ohne Fundament da. Der Tag ist, nicht nur aus diesem Grund, eine Luftnummer.

Hängt der Lohn vom Geschlecht ab?

Unwissenheit über die fallenreiche Statistik ist allerdings keine Schande. Die Organisatorinnen des falsch berechneten Equal Pay Day haben sich auf die 22 Prozent des statistischen Mittels bezogen. Bei den 22 Prozent aggregierten Daten, ergeben sich weitere Fragen. Wurden vielleicht die Löhne von Reinigungsfachkräften mit denen von Informatikern – gleichwohl welchen Geschlechts –verglichen? Offenbar schon. Die Organisatorinnen sprachen das Problem an:

Zieht man die erklärbaren Prozentpunkte von den 22 Prozent ab, erhält man den so genannten bereinigten Gender Pay Gap. Der bereinigte Gender Pay Gap lässt sich nicht auf erklärbare, strukturell unterschiedliche arbeitsplatzrelevante Merkmale zurückführen.[…] Er lag nach einer Mitteilung des Statistischen Bundesamts von März 2012 bei durchschnittlich 8 Prozent.

Auf einmal ist nicht mehr von 22, sondern nur noch von acht Prozent die Rede und von einem bereinigten Gender Pay Gap. Wie erklärt sich das?

Der bereinigte Gender Pay Gap vergleicht den Lohn von Männern und Frauen in mehr oder weniger vergleichbaren beruflichen Situationen. Werden Menschen mit gleichen bekannten Lohn-bestimmenden Faktoren betrachtet, ergibt sich ein Unterschied von acht und nicht 22 Prozent zwischen den Geschlechtern. Der verbleibende Unterschied ist statistisch nicht auszumachen. Er hängt von unbekannten Faktoren ab. Zu den unbekannten Faktoren gehört auch das Geschlecht. So verdient eine männliche Reinigungsfachkraft, die tarifgebunden mit gleicher Voll- oder Teilzeitarbeit in der gleichen Branche wie eine weibliche arbeitet, vier bis acht Prozent mehr. Ein Umstand, von dem die Organisatorinnen des Equal Pay Day wussten.

Die statistischen Untersuchungen zeigten, dass Frauen eine wesentlich engere Berufswahl als Männer bevorzugten und konsequent in Berufen tätig sind, die geringer entlohnt sind als die von Männern. Nicht das Geschlecht per se, sondern die Berufswahl der Vertreter des Geschlechts ist ausschlaggebend. Das war den Business and Professional Women – Germany e.V. bekannt:

Es entsteht der Eindruck [angesichts der bereinigten Lohnlücke von acht oder weniger Prozent; d.A.] , Frauen seien selbst Schuld und müssten lediglich Vollzeit arbeiten und familienbedingte Job-Pausen so kurz wir möglich halten. Dabei wird ausgeblendet wird, dass Frauen nach wie vor unterschiedliche Zugangschancen auf den Arbeitsmarkt haben, deutlich seltener in Führungspositionen aufsteigen und Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten, traditionell schlechter bewertet und bezahlt werden.

Business and Professional Women

Diskriminierung, Gleichberechtigung oder Gleichstellung?

Frauen stehen heute die gleichen beruflichen Möglichkeiten offen, wie Männern. Es steht ihnen frei, Berufe zu ergreifen, die ein hohes Einkommen erbringen, die mit hoher Arbeitslast und (Führungs-) Verantwortung einhergehen. Feuerwehren und das Militär senken heute die körperlichen Eingangsvoraussetzungen, um mehr Frauen aufnehmen zu können.

Dennoch wählen Frauen überwiegend spezifische Berufe, die eine geringe Entlohnung versprechen. Ein Zwang besteht nicht, wohl eher folgen sie eigenen Berufsvorstellungen. Das ist freie Entscheidung. Frauen verdienen vielleicht nicht ein wenig weniger, nicht weil sie Frauen sind, sondern weil sie in finanzieller Hinsicht eine ungünstige Berufswahl ergreifen.8 Die Rede ist von so genannten Frauenberufen.

Nach dem Genderismus sind aber beobachtbare Geschlechtsunterschiede rein kulturell anerzogen und die anerzogenen Unterschiede führen zur Diskriminierung von Frauen. Wenn die Geschäftsfrauen Deutschlands bessere Bezahlung von "Frauenberufen" fordern, karikieren sie nicht nur den Gender-Gedanken, sondern schreiben Frauen in ihrer Rolle gerade erst fest.

Gleichberechtigung heißt, dass jeder Mensch die gleichen Rechte und Chancen hat. Gleichstellung heißt, dass alle Menschen ungeachtet ihrer Berufswahl, Fähigkeiten, Vorlieben und anderer persönlicher Entscheidungen gleichen Lohn erhalten sollen. Gleicher Lohn für ungleiche Tätigkeit ist der Gedanke hinter der Aktion der Business and Professional Women Germany, ohne dass sie das wahrscheinlich selbst verstehen.

Das wäre noch verschmerzbar, hätte der, nach eigenem Bekunden, transatlantische Ableger Business and Professional Women Germany nicht die Unfähigkeit zur Prozentrechnung öffentlich gemacht. Selbst oder gerade wenn man die falsch interpretierten 22 Prozent Lohnunterschied zu Grunde legt, läge der Equal Pay Day nicht auf dem 21. März, sondern eher auf dem 10. April. Die Geschäftsfrauen Deutschlands wussten offenbar nicht, wann man vom oder im Hundert rechnet. Der Fehler wäre vielleicht verzeihlich, hätte nicht Spiegel online schon im letzten Jahr darauf aufmerksam gemacht. Das focht die Geschäftsfrauen nicht an. Zu Recht. Die Qualitätsmedien9 berichteten auch dieses Jahr kritiklos über den Rechenfehler und der fehlenden Grundlage des Equal Pay Day.

Geschäftsfrauen in leitenden Stellungen, die den gleichen Lohn für unterschiedliche Arbeit fordern und dabei nicht einmal die Prozentrechnung beherrschen, sind bestimmt keine Speerspitze für die Gleichberechtigung von Frauen. Das ist lächerlich. Eher tragen sie dazu bei, Anschauungen, z.B. dass Frauen nicht logisch denken und schon gar nicht rechnen können, zu verfestigen. Sollen Männer oder Frauen, die nicht Prozentrechnen können10, per Quote in Führungspositionen aufsteigen?

Das Problem ist allerdings nicht eine Männer- oder Frauenfrage, sondern wie sich eine Gesellschaft durch unsinnige Themen, die durch Qualitätsmedien transportiert werden, verschleißt, anstatt sich den tatsächlichen Herausforderungen zu stellen. Das Problem ist auch, wie niedrig das intellektuelle Niveau in Deutschland noch sinken muss, bis es jemand merkt.

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