"Hatten die einen Tipp, dass ein Attentat am Abend geplant war?"

25.03.2014

Neue Dokumentation zum Thema Gladio geht Hintergründen der berüchtigten Nato-Geheimarmeen nach

Seit Jahren setzt sich der Frontal21-Journalist Ulrich Stoll mit den Nato-Geheimarmeen, kurz Stay Behind oder Gladio genannt, auseinander. Nun hat er eine spannende Dokumentation fertiggestellt, die heute Abend auf ZDF Info ausgestrahlt wird. Stoll ist es gelungen, mit zwei ehemaligen deutschen Mitgliedern der Stay-Behind-Gruppe zu sprechen, außerdem äußert sich ein BND-Historiker sowie der ehemalige Stay-Behind-Chef des BND. Und so liefert der Fernsehjournalist einen gewichtigen Einblick in ein noch immer in weiten Teilen kaum erforschtes Stück der jüngeren deutschen Geschichte.

Stay-Behind-Winterübung: Durchschlagen im Feindesgebiet. Bild: BND/Frontal 21

Stoll schreckt auch nicht davor zurück, die Erkenntnisse, die sich aus den Untersuchungen in Sachen Gladio, wie sie in Italien gewonnen wurden, mit den deutschen Stay-Behind-Strukturen in Verbindung zu bringen. Seit Jahren gilt es als nahezu sicher, dass Teile des italienischen Stay-Behind-Netzwerkes in Terroranschläge gegen die eigenen Bevölkerung verwickelt waren, um so innenpolitisch verdeckt gegen den ideologischen Feind vorzugehen.

Vor den Vermutungen, dass Stay Behind auch in das Oktoberfest-Attentat (Oktoberfest Attentat: "Der blinde Fleck" in München verwickelt sein könnte, verschließt Stoll nicht die Augen, sondern greift die Hinweise auf. Interessant: Stoll verdeutlicht, dass die Stay-Behind-Gruppen in Deutschland nicht nur an Übungen mit Ländern wie Frankreich, Niederlande, Belgien, Großbritannien und den USA teilgenommen haben, wie es der von dem Journalisten interviewte BND-Historiker offenbart. Vielmehr gab es 1980 auch eine gemeinsame Übung zwischen deutschen und italienischen Stay-Behind-Akteuren, also genau in dem Jahr, als sich das Attentat auf das Oktoberfest ereignete. Im Interview mit Telepolis spricht Stoll über seine Dokumentation und seine Erkenntnisse.

Sie haben eine Dokumentation zum Thema Geheimarmeen der Nato gemacht, die heute Abend auf ZDf Info ausgestrahlt wird. Wann haben Sie zum ersten Mal von Gladio bzw. Stay Behind gehört und wie kamen Sie zu dem Thema?

Ulrich Stoll: Im Dezember 1990 gab die Bundesregierung endlich die Existenz von "Stay Behind" in Deutschland zu, es gab aber keine weiterführenden Informationen. Wir haben damals über die Vorläuferorganisation, den rechtsextremen "Technischen Dienst" des "Bundes deutscher Jugend" berichtet. Für uns war unfassbar, dass die CIA und später der BND Alt-Nazis rekrutierten und bewaffneten, um die Demokratie vor den Russen zu schützen. Das fanden wir höchst gefährlich, zumal sich Gladio in Italien ja als Terrortruppe erwiesen hatte, die den Tod von eigenen Landsleuten in Friedenszeiten in Kauf nahm und aktiv gegen die Demokratie kämpfte.

Für Ihre Doku ist es Ihnen gelungen, dass sich nun zum ersten Mal zwei ehemalige Mitglieder der deutschen Stay Behind zur Sache äußern. Welchen Erkenntnisgewinn brachten die Gespräche mit den beiden ehemaligen Stay-Behind-Männern?

Ulrich Stoll: Der Bundesnachrichtendienst hat die Interviewpartner sicher sorgfältig ausgesucht. Sie sind wohl unverdächtig, Terror gegen die eigene Bevölkerung geplant zu haben. Sie empfanden sich als Patrioten und zugleich als Abenteurer. Eine Soldatenromantik, die mir gänzlich fremd ist: Mit dem Fallschirm bei Nacht im Feindesland abspringen, sich in Gewaltmärschen durchschlagen und Sabotageakte verüben. Mich hat erstaunt, dass die Männer kein Problem damit hatten, dass ihre Organisation ohne jede parlamentarische Kontrolle bestand. Die heimliche Existenz einer illegalen bewaffneten Partisanentruppe fanden die Stay-Behind-Männer offenbar nicht problematisch.

Mit dieser DC-3 sollten Stay-Behind-Agenten hinter die feindlichen Linien geflogen werden. Bild: BND/Frontal 21

BND-Chef Reinhard Gehlen war entschlossen, das belegen die US-Akten, Stay Behind auch gegen politische Feinde im Inneren einzusetzen

Was haben Ihre Recherchen in Bezug auf das Vorgehen von Stay Behind noch hervorgebracht?

Ulrich Stoll: Interessant ist, dass der BND die von der CIA rekrutierten Alt-Nazis für Stay Behind übernahm, und das, nachdem 1952 der BDJ-TD, eine Stay-Behind-Gruppe, als rechtsextreme Terrortruppe aufgeflogen war. Reinhard Gehlen, der bis 1968 BND-Präsident war, hat sich an Alt-Nazis in seinem Geheimdienst nicht gestört und war offenbar auch bereit, Stay Behind gegen gewählte Politiker einzusetzen, also ähnlich wie der CIA-geführte BDJ-TD.

Wenn man sich mit den Nato Geheimarmeen auseinandersetzt, ist festzustellen, dass sie nicht nur dazu da waren, bei einem Angriff gegen einen äußeren Feind den zuvor trainierten Partisanenkrieg zu eröffnen. Vielmehr wurden, wie es aussieht, Teile dieses geheimen Netzwerks "präventiv" aktiviert, um im Innern bestimmter Länder gegen den "ideologischen Feind" vorzugehen. Stay Behind werden, insbesondere in Italien, sogar Terroranschläge gegen die eigene Bevölkerung zugeschrieben. Haben Sie bei Ihren Recherchen diesen Aspekt auch beachtet?

Ulrich Stoll: BND-Chef Reinhard Gehlen war entschlossen, das belegen die US-Akten, Stay Behind auch gegen politische Feinde im Inneren einzusetzen - als illegalen Apparat, wie er es nannte. Gehlen fürchtete, dass Politiker von CSU bis SPD einen Neutralitätskurs einschlagen und die Loslösung von den West-Alliierten vorantreiben würden. Und er war offenbar bereit, dagegen mit einem rechten Putsch vorzugehen.

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