Helmut Schmidt hält Sanktionen gegen Russland für "dummes Zeug"

26.03.2014

Dem Ex-Bundeskanzler ist das Vorgehen Putins "durchaus verständlich"

Der kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges geborene Hamburger Helmut Heinrich Waldemar Schmidt war von 1974 bis 1982 Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Heute ist Schmidt Herausgeber der Wochenzeitung Die Zeit und meldet sich dort und im Fernsehen noch ab und zu mit seiner Meinung zum weltpolitischen Geschehen zu Wort.

Ähnlich wie andere Hochbetagte muss Schmidt dabei keine Rücksicht mehr auf Partei, Karriere und Tabus nehmen, was seine Äußerungen häufig origineller und lesenswerter macht als die aktiver Politiker. Das gilt auch für seine heute bekannt gewordenen Kommentare zur aktuellen Russlandpolitik der EU und der USA.

So hält Schmidt beispielsweise die jetzt verhängten Sanktionen nicht für eine sinnvolle und angemessene Reaktion auf die Aufnahme der Krim in die Russische Föderation, sondern für "dummes Zeug". Damit will er nicht zum Ausdruck bringen, dass schärfere Sanktionen verhängt werden sollten: Die wären seiner Ansicht nach noch größerer Unsinn und würden "den Westen genauso [treffen] wie die Russen".

Den Beschluss der sieben alten Industrieländer, künftig nicht mehr als G8-Gruppe mit Russland zusammenzuarbeiten, hält der Mann, der im Kalten Krieg regierte, für ähnlich kontraproduktiv. Er ist im Gegenteil der Meinung, dass es gerade jetzt "dem Frieden bekömmlich" wäre, sich "zusammenzusetzen". Außerdem sei die G8-Gruppe "in Wirklichkeit" längst nicht mehr so bedeutend wie die neue G20, aus der "man die Russen bisher nicht rauskomplimentiert" hat.

Mit vielen aktiven Politikern überein stimmt Schmidt dagegen in der Einschätzung, dass die aktuelle Situation gefährlich ist. Anders als diese sieht er die Ursachen dieser Gefahr allerdings nicht nur im russischen Präsidenten Wladimir Putin, dessen Handeln in der Krimkrise er für "durchaus verständlich" hält. Gefährlich ist die Situation Schmidt zufolge vor allem deshalb, "weil der Westen sich furchtbar aufregt". Diese Aufregung sorgt seiner Ansicht nach "für entsprechende Aufregung in der russischen öffentlichen Meinung und Politik".

Helmut Schmidt während eines Besuchs in Moskau am 11. Dezember 2013. Foto: Presidential Press and Information Office.

Darüber, ob Russland auch in anderen von russischen Bevölkerungsmehrheiten bewohnten Provinzen der Ukraine aktiv werden könnte, will Schmidt nicht "spekulieren", obwohl solch eine Situation für ihn "denkbar" ist. Aber er hält es "für einen Fehler, wenn der Westen so tut, als ob das zwangsläufig der nächste Schritt sei". Solch eine Haltung könnte seiner Meinung nach dazu führten, dass man unbeabsichtigt "auf russischer Seite den Appetit anregt".

Vor Helmut Schmidt hatte bereits ein anderer sozialdemokratischer Ex-Kanzler die aktuelle Russlandpolitik scharf kritisiert: Gerhard Schröder musste dies allerdings aus einer weniger glaubwürdigen Position heraus tun, weil er nach seiner Amtszeit einen hochbezahlten Beraterposten beim russischen Energieriesen Gasprom angenommen hatte. Die Grünen im Europaparlament hatte Schröder mit seinen Äußerungen so erregt, dass sie ein Redeverbot verhängen wollten.

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