Prostitutionsdebatte …

19.04.2014

… und kein Ende

Ende Februar verabschiedete das Europaparlament mit 343 zu 193 Stimmen (bei 105 Enthaltungen) eine nicht bindende Resolution: Laut Pressemitteilung sollten die Mitgliedstaaten die Nachfrage nach Prostitution reduzieren, indem sie die Kunden, jedoch nicht die Prostituierten bestraften. Dem Parlament zufolge verletze Prostitution Menschenwürde und Menschenrechte, ganz egal, ob sie freiwillig oder zwangsweise ausgeübt werde.

Die Mitgliedstaaten sollten Strategien und alternative Einkommensquellen für aussteigewillige Frauen finden. Die Pressemitteilung zitiert dazu die britische Europaabgeordnete Mary Honeyball, die die Resolution entworfen hatte:

Eher als eine generelle Legalisierung – die in den Niederlanden und Deutschland ein Desaster war – brauchen wir eine differenzierte Annäherung an Prostitution, welche jene Männer bestraft, die den Körper von Frauen als Ware behandeln, aber nicht diejenigen kriminalisiert, die in Sexarbeit hineingebracht wurden.

Deutsches Prostitutionsgesetz – ein Desaster?

Das Prostitutionsgesetz, genauer das Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten, sollte die rechtliche und soziale Situation von Prostituierten verbessern. In der Tat können Huren seit dem Inkrafttreten dieses Gesetzes ihren Lohn einklagen und sich in den gesetzlichen Sozialversicherungen versichern. Das Strafgesetzbuch wurde dahin gehend geändert, dass Prostitution nur noch Personen unter 18 Jahren verboten ist, und wenn ein Bordellbetreiber jemanden zur Prostitution anhält oder jemanden ausbeutet. Ein angemessenes Arbeitsumfeld darf jedoch geschaffen werden.

Nach Ansicht des Europaparlaments war diese generelle Legalisierung der Prostitution in Deutschland ein Desaster. Und eine differenzierte Annäherung an Prostitution geht demnach davon aus, dass Freier den Körper von Huren als Ware behandeln.

Dies ist eine Sichtweise von Prostitution, die unterstellt, dass Prostitution frauenfeindlich sei (in diesem Artikel geht es um Prostitution durch Frauen), und dass dabei Männer aktiv Macht zum Nachteil von Frauen ausüben.

Wahrscheinlich ist es in sehr vielen Fällen tatsächlich so. Aber wenn von vornherein davon ausgegangen wird, dass es so sein muss, dass es im Wesen der Prostitution liegt, dass Männer die Unterdrücker und Frauen die Unterdrückten sind, dann wird gleichzeitig den Frauen die Möglichkeit zur Macht in diesem Bereich abgesprochen. Aber wurde das je empirisch untersucht?

Es wird vor allem moralisch argumentiert. Außen vor gelassen wird dabei zweierlei: erstens die zugegebenermaßen seltenere Form der Prostitution, dass eine Frau einen männlichen Prostituierten engagiert. Würde ihr vorgeworfen, seinen Körper als Ware zu behandeln? Zweitens – und darum soll es hier gehen – wird außen vor gelassen, was manche Prostituierte sagen: Dass sie ihren Körper eben nicht als Ware behandeln lassen, sondern dass ihre Arbeit ihre Entscheidung und frei von Männerherrschaft ist.

Was muss geschützt werden: Die Freiheit der Starken? Die Unversehrtheit der Schwachen?

Wahrscheinlich üben sehr viele Prostituierte ihre Arbeit nicht gern aus. Und viele auch nicht freiwillig. Da ist es Aufgabe eines Staates, seine Bürger zu schützen. Andererseits treten immer mehr Prostituierte dafür ein, dass es ihr Recht ist, Sexarbeit auszuüben.

Wenn es das Recht einer Frau ist, sich zu prostituieren, kann man dann in Kauf nehmen, dass dieses Recht eingeschränkt wird, um diejenigen Frauen zu schützen, die zu dieser Tätigkeit gedrängt oder gar gezwungen werden? Anders formuliert: Ist es richtig, diese beiden Rechte – auf der einen Seite das Recht auf freie Berufswahl und auf der anderen Seite das Recht auf Schutz vor Zwang und auf körperliche Unversehrtheit - gegeneinander aufzuwiegen und abzuwägen? Nach was für Richtlinien muss man eine solche Frage entscheiden?

Bordellszene des Braunschweiger Monogrammisten (1537).

Ein wichtiger Aspekt ist der Schutz des Schwächeren oder der Minderheit, so diese Minderheit denn schwächer ist als die Mehrheit. Letzteres ist wichtig, weil man sonst sagen könnte, die Frauen, die sich gern prostituieren, seien die zu schützende Minderheit. Dies wäre zwar wahrscheinlich sachlich richtig, aber bei der Kriminalisierung von Freiern geht es um den Schutz vor Ausnutzung und Gewalt. Und dass eine Zwangsprostituierte ihre Arbeit gern tut, wird sicher niemand behaupten. Der Schutz der Schwächeren ist natürlich eine Aufgabe, die der Staat zu erfüllen hat. Aber wieder: Auch auf Kosten des Stärkeren?

Wie weit muss die Rücksicht auf die Schwachen gehen?

In mancher Hinsicht ist die Resolution des Europaparlaments vergleichbar mit dem Verbot des Handels und Konsums illegaler Drogen: Den wohl meisten Menschen sind sie gleichgültig. Vielen Menschen schaden sie. Viele Menschen nehmen sie jedoch auch bewusst und in Kenntnis der Gefahren ein. Etwa weil ihnen das, was sie als Bewusstseinserweiterung erleben, wichtiger ist als gesundheitliche oder berufliche Aspekte.

Die Freiheit dieser Menschen wird durch das Verbot von Drogen eingeschränkt. Dies wird durch die Möglichkeit eines Freiheitsentzuges als Strafe sogar zur konkreten physischen Bedrohung. Natürlich schränkt auch eine mögliche Drogensucht Freiheit ein. Dennoch kann man argumentieren, dass ein erwachsener Mensch das Recht hat, die Prioritäten für sein Leben selber auszuwählen. Und zwar selbst auszuwählen. Also aus freier Entscheidung keine Drogen zu nehmen - oder sie eben doch zu konsumieren. Enden sollte die Freiheit natürlich dann, wenn Dritte betroffen sind: Betrunkenen sollte das Fahren verboten sein. Und dass ein Junkie die Lebensqualität seiner Familie und Freunde schmälert, soll hier ebenfalls nicht infrage gestellt werden. Dies ist aber ein anderes Thema und hat mit der Frage, ob Drogenkonsum ein Menschenrecht ist, nichts zu tun.

Herrschaft der Schwachen

Es fragt sich doch eher, ob es nicht mehr Erfolg verspräche, Unterstützungsangebote für Zwangsprostituierte zu schaffen und direkt jene Menschen zu verfolgen, die Frauen in die Zwangsprostitution zwingen. Ersteres könnte durch mehr niedrigschwellige Hilfsangebote geschehen, für Letzteres könnte man eine Sensibilisierung der Freier versuchen, etwa indem öffentlich über typische Verletzungen informiert wird.

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