Nutzen Internetsperren den Urhebern?

03.04.2014

Interviewversuch mit Constantin Film

Vergangene Woche machte der Europäische Gerichtshof zur Durchsetzung von urheberrechtlichen Unterlassungsansprüchen den Weg zu Internetsperren bei Netzbetreibern frei, die fortan von Gerichten angeordnet werden können. Auf politischer Ebene waren Netzsperren gegen strafrechtlich relevante Inhalte, zu denen auch Urheberrechtsverletzungen gehören, 2010 aufgegeben worden.

Der Kläger, der deutsche Filmproduzent Constantin Film, hatte einen Internetprovider in Österreich verklagt, um den Zugang zum Streamingportal kino.to zu sperren. Während das Portal selbst Urheberrechte verletzt, gilt das bloße Betrachten als legal. Die Produktionsfirma kommentierte, das Urheberrecht müsse nicht eingeschränkt, sondern gestärkt und geschützt werden. Es gebe Kreativen die Freiheit, an einer Marktwirtschaft teilzunehmen. Dazu gehöre auch die Freiheit, die illegale Nutzung eines Werks per Gerichtsbeschluss zu untersagen.

Der Eingriff in die Netzfreiheit sorgte jedoch vor allem bei Netzaktivisten für Unmut. Eine Interview-Anfrage an Constantin leitete das Unternehmen an die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen e.V. (GVU) weiter, wo Dr. Matthias Leonardy so freundlich war, den Großteil der Fragen zu beantworten.

Constantin Film hat das letzte Woche ergangene EuGH-Urteil zur Sperrpflicht durch Internetanbieter ausdrücklich begrüßt. Ist Ihrer Firma durch Filesharing tatsächlich ein Schaden entstanden? Wurden weniger Filme gedreht oder verkauft?

Dr. Matthias Leonardy: [Keine Antwort]

Die vor einem Jahrzehnt vorausgesagten Szenarien, Filesharing sei der Tod des Kinos, sind nicht eingetroffen. Im Gegenteil gehen mehr Menschen als jemals zuvor ins Kino, die Etats für Blockbuster sind explodiert, DVDs boomen. Wie ist das zu erklären?

Dr. Matthias Leonardy: Bei Marktbetrachtungen muss man immer die Besonderheiten des jeweiligen Marktes beachten. Den "Tod des Kinos" hat in Deutschland zwar niemand beschworen. Aber es ist unbestreitbar, dass wir hier Veränderungen sehen: Die Zahl der Kinobesucher in Deutschland ist nach Erhebungen der FFA seit 10 Jahren insgesamt rückläufig: von 156,7 Millionen in 2004 auf 129,7 Millionen Besucher in 2013.

Bei den jungen Erwachsenen, der besucherstärksten Altersgruppe ist das am augenscheinlichsten: Im Jahr 2001 kauften die 20 - 29- Jährigen, noch 57 Millionen Tickets; 2012 waren es dagegen nur noch 31 Millionen. Zwischenzeitliche Besucherzahl-Schwankungen nach oben in den letzten Jahren wurden maßgeblich durch technische Innovationen wie die Einführung von 3D im Kino beeinflusst. Budgeterhöhungen bei Blockbustern sind häufig Kostensteigerungen bei Produktion und Vertrieb geschuldet -- einerseits für Special Effects und anderseits durch die erweiterte Bandbreite an Auslieferungsformaten (BluRay Disc, DVD, unterschiedlichste Download-to-Own- und Streaming-Formate etc.).

Mehrere Studien kommen inzwischen zu dem Schluss, dass Filesharing unter dem Strich der Filmindustrie mehr Nutzen als Schaden stiftet. Profitiert Constantin nicht an der viralen Generierung von Nachfrage?

Dr. Matthias Leonardy: Wir sind da anspruchsvoll: Nicht jede Darstellung, die als "Studie" bezeichnet wird, verdient den Namen. Und dass Vertreter der Medienwirtschaft, die sich um die Bekanntheit ihrer Produkte kümmern, den Bedarf an diesen Medienprodukten darin bestätigt sehen, dass dieser Bedarf auch aus illegalen Quellen gedeckt wird, sagt nichts darüber aus, dass sie auch mit der Haltung "haben ja, bezahlen nein" d’accord sind. Nur "Publikum" reicht halt nicht. Ein Publikum trägt nur dann zum Erhalt einer professionell arbeitenden Medienwirtschaft bei, wenn es eine zahlende Kundschaft ist. Und professionell muss sie sein, denn Entertainment-Nutzer sind anspruchsvoll. Zu Recht.

Filesharer geben mehr Geld für Kultur als andere aus. Jedoch verfügt gerade Ihre junge Zielgruppe nur über einen begrenzten Etat. Werden mehr Leute ihr Geld zu Constantin tragen, wenn die Filesharingquellen versiegt sind?

Dr. Matthias Leonardy: Dass Filesharer mehr Geld für Kultur als andere ausgeben, ist eine steile These, die wir bisher nicht als belegt ansehen.

DNS-Sperren sind verhältnismäßig einfach zu umgehen, vermindern jedoch die Attraktivität des Internets. Ist der erhoffte Gewinn für die Verwerter den Preis unpopulärer Netzsperren wert?

Dr. Matthias Leonardy: Gegenfrage: Lassen Sie Ihre Haustür nachts offen stehen? Warum nicht? Türschlösser sind doch verhältnismäßig leicht zu knacken, wie 70.000 Wohnungseinbrüche (BKA-Statistik für 2012) zeigen.

Ein Großteil Ihrer Filme wird mit öffentlichen Geldern usw. finanziert. Welcher Kostenanteil ist tatsächlich vom Markterfolg abhängig?

Dr. Matthias Leonardy: [Keine Antwort]

Ich hätte Ihnen ein Drehbuch anzubieten: Der Held ist ein belächelter Hacker, der die Verschwörungstheorie ausgibt, die von der Politik 2009 geforderten Netzsperren, die mit dem Kampf gegen Kinderpornografie begründet wurden, seien in Wirklichkeit eine Begehrlichkeit der Urheberrechtsindustrie gewesen. Außerdem glaubt er paranoid, dass das Internet von Geheimdiensten lückenlos überwacht würde. Als er Beweise findet, vertraut er sich einer attraktiven Filmschauspielerin an, die alles ans Licht bringen will. Den Mittelteil möchte ich noch nicht verraten, aber am Schluss gibt es Action mit Helikoptern, GSG9 und einer großen Explosion im Berliner Regierungsviertel. Interessiert?

Dr. Matthias Leonardy: [Keine Antwort]


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