Der Kampf der Kirchen in der Ukraine

05.04.2014

Die russische Annexion der Krim hat die lange bestehenden Spannungen zwischen den orthodoxen Kirchen verschärft

"Was Putin der Ukraine antut, wird dem russischen Volk ähnliche Schwierigkeiten einbringen, wie es das deutsche Volk durch Hitler erfuhr", drohte Filaret, Oberhaupt der Ukrainischen Orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchats, Anfang dieser Woche – auch mit einem Hitler-Vergleich.

Seine Heiligkeit Patriarch Filaret von der UOC-KP. Bild: cerkva.info

Die Annexion der Krim durch die Russische Föderation hat auch innerhalb der orthodoxen Kirchen zu einer "Mobilmachung" geführt. Nun soll konkret geholfen werden. Filaret erklärte, dem ukrainischen Verteidigungsministerium umgerechnet 33.000 Euro zu überweisen, und forderte seine Schäfchen auf, ebenfalls zu spenden.

Zudem lud Filaret medienwirksam die ukrainischen Soldaten der Krim zu sich ein, die bis zuletzt in ihrer Militärbasis ausgeharrt haben und schließlich der russischen Föderation das Feld überließen.

Filarets Volten richten sich nicht allein gegen die russische Politik, sondern auch gegen den kirchlichen Gegenspieler. Dieser ist die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats, dem besagten Moskauer Patriarchen Kyrill unterstellt, der wiederum Putin nahe steht. Filaret kritisiert sie darum als "unukrainisch".

Beide orthodoxen Kirchen haben in der Ukraine jeweils etwa 10 Millionen Mitglieder und konkurrieren miteinander, seit sich Filaret mit einigen Getreuen im Rahmen der Unabhängigkeit 1992 von der Mutterkirche abgespalten hatte.

Da der ukrainische Gegenspieler, der Metropolit Onufir, auf Moskau Rücksicht nehmen muss, kann er nicht in der gleichen Schärfe Kritik an Russland äußern.

So appelliert die Pressestelle der Kirche an die ukrainischen Soldaten, die Ukraine zu verteidigen, und beruft sich dabei auf Lukas 11,21: "Wenn der Starke wohl bewaffnet seinen Hof bewacht, so ist sein Eigentum in Sicherheit." Doch wer der Angreifer des "Hofes" sein könnte, wird lieber ausgelassen.

Dabei geben seine Geistlichen zudem ein uneinheitliches Bild ab, einige kritisieren Putin direkt, andere loben die Annexion der Krim. Sollte es Filaret gelingen, die russische Kirche in der Ukraine zu marginalisieren oder mit der seinigen zu vereinigen, so hätte dies unabsehbare Folgen auch für die Politik. Ein Schisma, eine Kirchenabspaltung oder die "Proselytenmacherei", das Abwerben von Gläubigen einer anderer Konfession, ist ein Trauma im Gedächtnis der russischen Orthodoxie. Und dieses Gedächtnis reicht weit zurück.

Kirchenspaltung und Streit um den Nachfolger der Kiewer Rus

Kiew gilt als die Wiege der Orthodoxie der Rus (Russen, Ukrainer und Weißrussen). Dort ließ sich der Kiewer Großfürst Wladimir I. 988 im Dnjepr taufen, was als Beginn des ersten russischen Reiches angesehen wird. Das 1025. Jubiläum wurde in Russland und in Kiew im letzten Jahr prunkvoll gefeiert. Dass es in beiden Städten geschah, ist bezeichnend. Denn seit dem 19. Jahrhundert und der damals beginnenden ukrainischen Unabhängigkeitsidee existiert die Streitfrage, wer der wahre Nachfolger der "Kiewer Rus" ist, Russland oder die Ukraine.

Das Kiewer Reich ging im 13. Jahrhundert durch die Mongolenangriffe unter. Ende des 15. Jahrhunderts erstarkte das Großfürstentum Moskau und machte sich von den Tributzahlungen der Mongolen (Tataren) unabhängig.

Als sich die russischen Geistlichen in Moskau Ende des 16. Jahrhunderts vom Patriarchat Konstantinopel ablösten und ein eigenes Patriarchat gründeten, da ihnen die Linie der Konstantinopel-Geistlichen zu sehr Rom gefällig war, entschloss sich das katholische Polen-Litauen zu einem Gegenzug. In der Union von Brest im Jahre 1596 wurden neun orthodoxe Bischöfe der westlichen Ukraine, die damals zum polnisch-litauischen Reich gehörte, zur Gründung einer neuen Kirche überredet. Die Ukrainische Griechisch-katholische Kirche konnte ihren orthodoxen Ritus beibehalten, war und ist aber Rom unterstellt.

Diese Kirche, die heute in der Ukraine über fünf Millionen Mitglieder hat, wurde nach der Ausweitung Russlands nach Westen bedrängt, während der Sowjetzeit gänzlich verboten. Sie ist die Kirche der Westukraine, der Nationalisten wie auch der jungen proeuropäischen Studenten, die als erste auf dem Majdan demonstrierten. Sie war in ihrer Unterstützung des Majdans am deutlichsten, konnte aber auch die anderen Kirchen, die die "Uniierten" nicht anerkennen, im Januar zu Friedensappellen aufrufen. Nach letzten Informationen harrt nur noch ein Geistlicher auf der Krim aus. Auf die Kirche richtet Moskaus die schärfste Kritik.

Durch die Unabhängigkeitsbestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg spalteten sich ein Teil der Geistlichen ab und gründeten die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche. Sie ist die kleinste der drei orthodoxen Kirche und wird von keiner anderen orthodoxen Kirche anerkannt, sie ist "nichtkanonisch" - ebenso wie die besagte Ukrainische Orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchats (internationales Kürzel UOC-KP), die mit der Ukrainischen Orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats (UOC-MP) eine heftige Abneigung, der Streit um Immobilien und um die Stellung der Staatskirche verbindet. Traditionell ist die Orthodoxe Kirche nahe an der politischen Macht, Staatsoberhaupt und Patriarch legitimieren sich gegenseitig. Der Segenswunsch für den weltlichen Chef gehört in jeden Gottesdienst.

Unter dem liberaleren Staatspräsidenten Wiktor Jukotschenko stand die UOC-KP in der Gunst, Wiktor Janukowitsch wandte sich bevorzugt der UOC-MP zu. Während der Majdan-Proteste war die UOC-MP die einzige Religionsgemeinschaft, die sich nicht gegen die Janukowitsch-Regierung aussprach. Die derzeitige Regierung scheint wieder das Kiewer Patriarchat zu bevorzugen, was ein Treffen von Filaret und Premier Arzenij Jarzeniuk am Donnerstag nahe legt.

Das Kiewer Patriarchat wirft den "Moskowitern" vor, auf der Krim mit Bewaffneten ihre Geistlichen bedrängt zu haben. Nach Angaben des Kiewer Patriarchats seien bereits zwei Geistliche von der Halbinsel verwiesen worden, elf Priester würden noch ausharren, ihre Familien haben sie schon in die Ukraine geschickt.

Derzeit bieten einige Imame der Tataren an, eine Minderheit auf der Krim, dass die Geistlichen des Kiewer Patriarchats in ihren Moscheen Gottesdienste abhalten.

Die Pressestelle der beschuldigten Kirche UOC-MP widersprach den Anschuldigungen und klagte ihrerseits über Übergriffe auf ihre Kirchen.

Metropolit Ounfri von der UOC-MP. Bild: http://church.ua/

Eine Kirchenvereinigung könnte zu schweren politischen Konflikten führen

Die Autoritätsschwäche der UOC-MP liegt auch daran, dass der 78-jährige Metropolit Wlodimir wegen Krankheit seit dem 25. Februar seiner Aufgaben entbunden wurde und durch den farbloseren Metropoliten Ounfri abgelöst wurde, was Kyrill begrüßte. Denn Wlodimir hatte sich stets für eine von Moskau unabhängigere Kirche eingesetzt. So begrüßte er im letzten Jahr das EU-Assoziierungsabkommen, das Janukowitsch im November in Vilnius unterschreiben sollte. Für diese Empfehlung soll Patriarch Kyrill Wlodimir mit einer Strafpredigt bedacht haben.

Aus dieser schwachen Lage heraus muss UOC-MP mit der nichtkanonischen UOC-KP im "Allukrainischen Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften" eine Verständigung finden, beide haben dort bereits eine friedliche Bereinigung aller Konflikte angekündigt. Bislang lehnte die Moskauer Kirche solche offiziellen Kontakte ab.

Für den relativ liberalen russischen Theologen des Moskauer Patriarchats Andrej Kurajew und andere Experten ist dies Anzeichen einer baldigen Kirchenvereinigung in der Ukraine. Dies hängt aber vor allem vom Urteil Bartholomeus I. ab, dem Patriarchen von Konstantinopel. Er gilt als der "Erste unter den Gleichen", als größten Autorität innerhalb der Orthodoxie.

Bislang hatte der in Istanbul wohnende Geistliche jegliche Vorstöße des umtriebigen Filaret abgewehrt, dessen Kirche anzuerkennen. Angeblich soll der Geistliche mit Sitz in Istanbul jedoch seit kurzem geneigt sein, eine vereinigte Kirche in der Ukraine den Status "kanonisch" zuzugestehen.

Die Frage, wer der Nachfolger der Kiewer Rus ist, würde dann zugunsten der Ukraine entschieden. Eine unglaubliche Demütigung des traditionellen Russlands, mit unabsehbaren politischen Folgen.

Der Moskauer Patriarchen Kyrill fordert ebenso die Vereinigung, jedoch unter seiner Regie. Die "Welt der Rus", die "Brudervölker" der Russen, Ukrainer und Weißrussen, sollen sich in der orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats wiederfinden. Derzeit ist das ein unrealistisches Wunschdenken. Auch sein Gegenspieler Filaret arbeitet mit dem Bild der "Brüder", er vergleicht jedoch die Russen mit Kain, die Ukrainer mit Abel.

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